Eine Stadt. Viele Masken. Eine Wahrheit.
Die Straße ist die Bühne. Das Stück heißt Überleben.
AI-driven. Human-approved.
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Das Programmheft von 1937

Ein geraubtes Bild, ein gefährlicher Handel und ein Programmheft von 1937 zwingen Lila Voss, die Masken zu wechseln, die sie am Leben halten.

Der rechte Schuh war durch. Bei jedem zweiten Schritt auf dem gefrorenen Asphalt bohrte sich die spitze Kante eines zersplitterten Ziegels durch das mürbe Leder direkt in Lilas Ferse. Sie zog den Fuß nicht zurück. Sie humpelte nicht. Sie verlagerte lediglich das Gewicht auf den Ballen. Ein millimetergenaues Ausweichmanöver, das von monatelanger Übung zeugte und den Schmerz auf ein dumpfes Pochen reduzierte. Der dritte Bezirk lag unter einem feinen Leichentuch aus Frost und Kalkstaub. Trümmerfrauen standen am Rennweg in langen Ketten, gaben schweigend aschgraue Steine von Hand zu Hand, ein mechanisches Ballett ohne Musik, ohne Applaus und ohne absehbares Ende. Ihre Hände waren in zerschlissene Lappen gewickelt, die Atemwolken hingen wie gefrorner Rauch in der kalten Luft.

Wien atmete schwer in diesem Januar. Die Stadt war ein Kadaver, an dem die Besatzungsmächte noch ein wenig herumzippelten, um zu sehen, ob noch Fleisch an den Knochen war. Vor den Ruinen der ausgebrannten Zinshäuser – hohle Zähne in einem zerschlagenen Kiefer – lagen Schuttberge, die aussahen wie erstarrte Wellen eines grauen Ozeans. Ein Mann in einem aufgetrennten Wehrmachtsmantel bot an einer Hausecke amerikanische Zigaretten an. Sein Blick huschte zu schnell nach links und rechts. Ein Anfängerfehler. Zu viel Bewegung im Gesicht, zu viel Angst in den hängenden Schultern. Lila ging an ihm vorbei, ohne das Tempo zu drosseln. Der Wind roch nach nasser Asche und verbranntem Schmieröl. Sie zog den Kragen ihres kratzigen Mantels höher. Die Fingerspitzen ihrer rechten Hand, permanent gelblich verfärbt von billiger Theaterfettfarbe und dem allgegenwärtigen Ruß der Kohlenöfen, gruben sich tief in die linke Tasche.

Das Beisl in der Landstraßer Hauptstraße hatte keinen Namen mehr. Das zersplitterte Holzschild hing seit dem Bombenangriff im Februar ’45 nur noch an einem einzigen rostigen Scharnier und quietschte leise im Durchzug. Drinnen stieß man gegen eine unsichtbare Wand aus saurem Wein, kaltem Schweiß und dem beißenden Gestank von Machorka-Tabak. Der Dielenboden klebte unter Lilas kaputten Sohlen, als bestünde er aus geronnenem Sirup.

Hinter der dunklen Schank stand ein hagerer Mann. Eine schlecht verheilte Narbe zog sich quer über sein linkes Auge und spannte das Lid zu einem ewigen, höhnischen Zwinkern nach unten. Er sprach nie. Die Stadt hatte ihn wie so viele andere gelehrt, dass Worte nur in Verhörprotokollen der Alliierten endeten, und Verhörprotokolle im Keller der Kommandanturen. Er nickte kaum merklich, als Lila eintrat. Sie nickte zurück. Er griff blind unter den Tresen und schob ein trübes, schlecht gespültes Glas über das zerkratzte Holz. Irgendetwas Klares schwamm darin, das nach Fusel und Methanol roch. Sie ließ es stehen.

Das Hinterzimmer roch noch modriger. Es hatte kein Fenster, nur ein nacktes Glühbirnengewinde an der bröckelnden Decke, aus dem ein durchgeschnittenes Kabel hing. Das einzige Licht fiel als schmutziggelber Streifen durch den Türspalt. Kinski saß am hintersten Tisch im Halbdunkel. Er trommelte mit der linken Hand einen asynchronen Takt auf das klebrige Holz. Daumen, Zeigefinger, kleiner Finger. Mehr war nicht übrig geblieben von seinem Russlandfeldzug. Er starrte in ein leeres Krügerl.

Lila zog einen Stuhl zurück und setzte sich. Das Holz war klamm.

»Bist spät«, sagte Kinski. Seine Stimme klang wie grobes Schleifpapier, das über eine verrostete Blechtonne kratzte.

»Der Schnee«, sagte Lila flach.

»Haben an Russen g’sehn beim Rochusmarkt. Razzia.« Kinski leckte sich über die spröden Lippen. Die Zunge war grau. »Mei Bruder is weg.«

»Franzl.«

»Ja. Der Franzl.«

Lila kreuzte die Beine, achtete darauf, dass der aufgeschnittene Schuh im Schatten des Tisches blieb. »Erzähl.«

Kinski schob sein leeres Glas millimeterweise im Kreis, immer auf den feuchten Rändern, die frühere Gläser hinterlassen hatten. »Ein Buidl. Kokoschka. Ein Ölzeug. Hat fürn Orlow sein sollen.«

Major Orlow. Russischer Sektor. Kein Mann, bei dem man Liefertermine versäumte.

»Woher hatte Franzl das Bild?«

»Aus ana Wohnung im Ersten. Hat an Jud’n g’hört. An Doktor.« Kinskis Ringfingerstumpf zuckte, schlug einmal hart auf das Holz. »Ist ’38 abgholt word’n. Die Gestapo hat’s Buidl damals an der Wand hängen lassen. Hat ihna ned g’fallen, dös entartete Klumpert. Hat eh kan Wert g’habt für die feinen Herren. Aber jetzt will’s der Russ’. Der Orlow zahlt gut für die alten Schinken.«

Lila schwieg. Sie sah Kinski an. Nicht in die wässrigen Augen, sondern auf die Partie zwischen Kehlkopf und Schlüsselbein. Der Ort, an dem schlechte Schauspieler die Kontrolle über ihre Physis verlieren.

»Und Franzl hat das Bild geholt«, sagte sie tonlos.

»Ja. Na. I man, er wollt’s holen.« Kinskis Stimme rutschte am Ende des Satzes plötzlich eine halbe Terz nach oben. Sein Kinn hob sich ein wenig. Er beendete das Kreisen des Glases und sah ihr direkt in die Augen. Ein offener, fast trotziger, völlig ungezwungener Blick.

Schlechtes Handwerk.

Lila kannte diesen Rhythmuswechsel in- und auswendig. Wenn ein routinierter Lügner sich plötzlich hinter vermeintlicher Aufrichtigkeit versteckt, forciert er den Blickkontakt. Er überkompensiert. Die plötzliche Anspannung in Kinskis Halsmuskulatur passte nicht zu der forciert lockeren Bewegung seiner Schultern. Das Timing war falsch, die Pose zu groß für den kleinen Tisch. Eine lausige Vorstellung.

»Er hat es nicht zu Orlow gebracht«, schnitt Lila in seine Pause. Keine Frage. Eine Feststellung.

Kinski schluckte. Der Kehlkopf riss nach oben, der künstliche Trotz fiel in sich zusammen wie ein billiges Zelt. Er brach den Augenkontakt ab. »Er hat g’sagt, er kann ned. Er hat si’s Buidl in dem Versteck ang’schaut, und dann hat er g’sagt, er bringt’s ned zum Orlow. Er war auf amoi ganz deppat, der Bua.«

»Warum.«

»Weil er gwusst hat, wem’s eigentlich g’hört hat.« Kinski wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Der kalte Schweiß glänzte im schmalen Lichtstreifen. »Er hat g’sagt, er bringt’s dir.«

Lila regte sich nicht. Das Heben und Senken ihres Brustkorbs unter der kratzigen Wolle des Mantels blieb gleichmäßig. Keine Wimper zuckte.

»Er hat gwusst, dass des dei alte Wohnung war«, krächzte Kinski ins Halbdunkel. »Damals. Bevor sie dich nausg’haut haben und den Doktor reing’setzt, und dann den Doktor abgholt. Er wollt’s dir zurückgeben.«

Die Stille im Hinterzimmer war so kompakt, dass man sie in Flaschen abfüllen und als Gift verkaufen konnte. Irgendwo vorn im Schankraum fiel ein Glas zu Boden und zersprang klirrend. Niemand rief etwas. Keine Schritte folgten. Man kehrte den Dreck in Wien nicht mehr sofort auf, man wartete, bis sich ein Haufen lohnte.

»Wer hat ihn gesehen?«, fragte Lila. Die Kälte in ihrer Stimme war steril. Sie ließ keinen Raum für weitere Ausweichmanöver, keinen Millimeter für Diskussionen.

»Keiner von die unseren. Aber der Orlow tobt. Er hat seine Leit losg’schickt. Und der Franzl hat si bei wem versteckt. Bei wem, der Leute und Sachen verschwinden lasst, wenn’s brennt.« Kinski griff sich an den Kragen, lockerte ihn, als schnüre ihm die eigene Angst die Luft ab. »Hol eam raus. Bitte.« Kinskis Stimme war nur noch ein feuchtes Flüstern. »Dreißig Schilling. Alles, was i hab.«

»Wer hat ihn versteckt, Kinski.«

Der Schweiß auf seiner Stirn stand jetzt in dicken, öligen Perlen. »Der Dicke.«

»Namen.«

»Dicker Sepp.« Kinskis Stimme war nur noch ein feuchter Hauch im sauren Geruch des Zimmers. »Westbahnhof. Unten in die Keller. Mehr waaß i ned, ich schwör’s dir bei da Muttergottes.«

Lila stand auf. Sie zog den Kragen hoch und ging zur Tür.

»Lila«, sagte Kinski.

Sie drehte sich nicht um. Sie schob die Tür auf. Vorne an der Schank stand das trübe Glas noch immer genau dort, wo der Wirt es hingestellt hatte. Lila schob sich an den massigen Rücken der stillen Trinker vorbei, trat auf die Straße und ließ die Beisltür hinter sich zufallen. Der Wind trieb feinen, weißen Kalkstaub über das Eis des Kopfsteinpflasters.

Im Souterrain auf der Wieden kroch die Kälte aus dem feuchten Mauerwerk und fraß sich direkt in die Gelenke. Wasser tropfte irgendwo hinter dem losen Putz in einem gleichmäßigen, lethargischen Takt. Lila stand vor dem gesprungenen Spiegel über dem fleckigen Emaillebecken. Die nackte Glühbirne flackerte im Todeskampf. Sie öffnete die flache Blechdose. Der Geruch von ranzigem Fett, altem Theaterstaub und chemischen Bindemitteln füllte die enge Kammer. Der Ritus begann.

Sie tunkte Zeige- und Mittelfinger in die graugelbe Paste. Jeder Strich auf den Wangenknochen grub eine Delle in ihr Gesicht. Sie nahm dem Fleisch die Spannung, strich Schatten unter die Augen, bis die Höhlen tief und leer wirkten. Die Fettfarbe verklebte die Poren wie nasser Mörtel. Sie zog die Kunsthaarperücke über den Schädel. Das billige Netz schnitt an den Schläfen ein, die Kopfhaut begann augenblicklich zu jucken. Die Strähnen fielen wie erstarrtes Drahtgeflecht um ihr Gesicht, flachgedrückt von rostigen Haarnadeln. Eine schmutzige, aschbraune Masse ohne Glanz.

Dann der Stoff. Eine mottenzerfressene Bluse, das Gewebe dünn und klamm, darüber eine verfilzte Strickweste. Lila ließ die Schultern fallen. Es war kein bloßes Hängenlassen, es war ein physischer Kollaps. Die Wirbelsäule krümmte sich, das Becken schob sich ungesund nach vorn. Sie verlagerte das Gewicht auf die Innenkanten der ohnehin ruinierten Sohlen. Der Gang verlor jeden Rhythmus, wurde zu einem schleifenden, kraftlosen Schlurfen. Die Frau, die einmal als Rosalinde am Burgtheater Applaus bekommen hatte, wurde ausgelöscht. Übrig blieb eine Hülle, ein Nichts in grobem Leinen. Die Resi. Sie räusperte sich. Ein heller, kratziger Ton, genau eine Terz über ihrer echten Stimme, formte sich im Hals. Im gesprungenen Spiegel sah sie eine Frau, an der man auf der Straße vorbeisah, weil das genaue Hinsehen zu deprimierend war.

Die Tramway der Linie 62 roch nach nassem Wollstoff, schlechtem Ersatzkaffee und der stummen Erschöpfung der Besiegten. Die Waggons waren überfüllt. Leiber pressten sich aneinander, wärmten sich gegenseitig mit ihrer Körperwärme und ihrem Schweiß. Die Fensterscheiben waren blind vom gefrorenen Atem. Ein Mann in einem verdreckten Lodenmantel wurde beim Ruckeln der Bahn von hinten gegen Lila gedrückt. Sein Atem stank nach Fusel und verfaulten Zähnen. Er nutzte die Enge, drückte sein Knie hart in ihre Kniekehle, rieb seine schwere Schulter an ihrem Rücken. Lila wich nicht aus. Sie spannte keinen Muskel an. Sie schrumpfte. Die Resi wehrte sich nicht. Sie zog den Kopf tiefer zwischen die Schultern und starrte auf die schwarzen Rillen der verholzten Dielen. Der Mann grunzte leise, verlor das Interesse an dem widerstandslosen Häufchen Elend und drängte sich weiter nach vorn in Richtung Tür.

Am Naschmarkt schnitt grelles Scheinwerferlicht durch den dichten Nebel. Lila stieg aus. Ein amerikanischer Jeep mit weißen Sternen auf dem Blech blockierte die nasse Kreuzung. Die »Vier im Jeep« – die interalliierte Militärpatrouille. Ein Brite, ein Franzose, ein Amerikaner, ein Russe. Stiefel knallten auf den Asphalt. Ein Kommando wurde gebrüllt, erst auf Russisch, dann auf Englisch. Ein junger Bursche in einer viel zu großen Wehrmachtsjoppe rannte los, rutschte auf dem Eis aus und wurde sofort von zwei MPs gegen einen geschlossenen Marktstand geworfen. Morsche Bretter splitterten krachend.

Der Junge stieß ein ersticktes Keuchen aus. Aus seinem aufgetrennten Mantelfutter fielen amerikanische Zigaretten. Die weißen Hülsen rollten über das nasse Kopfsteinpflaster, blieben in den überfrorenen Pfützen liegen. Ein Stiefel drückte den Nacken des Burschen hart gegen die Steine. Passanten eilten vorbei, zogen die Mäntel enger, starrten auf den Boden. Niemand sah hin. Lila blieb stehen. Die Resi stand immer still. Sie faltete die rissigen Hände über dem Magen, machte sich klein, verschmolz mit dem Schatten der geschlossenen Buden. Sie wartete, bis der Jeep mit dem Jungen abfuhr und das Scheinwerferlicht im Nebel verschwand. Niemand hatte die kleine, graue Frau bemerkt.

Die Katakomben unter dem zerbombten Westbahnhof waren ein Labyrinth aus notdürftig abgestützten Ziegeldecken und knöcheltiefem Schmutzwasser. Es roch penetrant nach Karbid, feuchtem Schimmel und menschlichen Fäkalien. Am Ende eines Ganges, hinter einer verrosteten Eisentür, saß der dicke Sepp auf einer umgedrehten Holzkiste.

Die Karbidlampe warf flackernde, kränkliche Schatten auf sein breites Gesicht. Er schwitzte stark, obwohl die Temperatur hier unten knapp über dem Gefrierpunkt lag. Der Geruch nach ranzigem Speck und süßlicher, alter Angst kroch aus seinen Poren. Vor ihm stand eine zweite Kiste, darauf lagen durchnässte Papiere, leere Blechdosen und zerrissene Stofffetzen. Das Treibgut der Toten und Verschwundenen.

Lila blieb an der rostigen Tür stehen. Ihre Schultern hingen.

»Bist wem auf der Spur, Resi?«, zischte Sepp. Er lispelte leicht, weil ihm der linke Eckzahn fehlte. Ein dicker Tropfen Schweiß rann über seine Schläfe in den schmutzigen Kragen.

»Der Kinski sagt, du hast was, das nicht dir g’hört«, kratzte ihre Stimme im feuchten Kellergewölbe. Hoch, dünn, bedeutungslos.

»I hab vieles.« Sepp wischte sich mit einem speckigen Taschentuch über die triefende Stirn. »Den Franzl? Der hockt da hinten im Dunkeln. Hat si ang’schissen vor Angst. Den kannst haben. Kostet di aber was.«

Er wühlte mit wurstigen Fingern in dem Papierhaufen auf der Kiste, schob abgelaufene Lebensmittelkarten und einen zerbrochenen Kamm beiseite. Er zog ein dünnes Heftchen heraus. Das Deckblatt war angegilbt, die Ecken abgestoßen. Das Wappen des Burgtheaters.

»Das da hat er bei sich g’habt«, lispelte Sepp und wedelte mit dem Heft. »Hat’s g’hütet wie an Schatz, der Trottel. I hab eam g’sagt, für oides Papier kriegt ma kane Erdäpfel. Aber er wollt’s partout ned hergeben.«

Lila sah auf das Heft. Sie atmete flach weiter. Kein Muskel in Resis Gesicht zuckte.

»Zwei Schilling«, sagte sie.

»Für den Buben oder für’s Hefterl?«

»Für’s Hefterl. Der Bub ist ein Idiot, der ist nix wert.«

Sepp lachte feucht. Der Schweiß perlte auf seiner Oberlippe. »Zwei Schilling.«

Lila kramte in ihrer Manteltasche. Zwei der Münzen wechselten den Besitzer. Sie fielen klappernd auf das morsche Holz der Kiste. Sepp schob das Programmheft hinüber. Lila nahm es. Das raue, klamme Papier fühlte sich an wie eine kalte Brandwunde. Auf der Innenseite prangte ein Schwarz-Weiß-Porträt. Darunter stand der Name, den Wien einmal gedruckt hatte.

LILA VOSS.

Nicht der Name aus dem Taufregister. Der Name auf dem Papier. Der Name, unter dem Wien einmal geklatscht hatte. Der Name, den sie sich verdient hatte.

Das Foto war noch scharf. Ich war zweiundzwanzig und dachte, die Welt gehört mir. Dummes Mädchen.

Lilas Daumen glitt über das Foto von 1937.

Hinter der verrosteten Tür schlurfte jemand. Sepp nickte in die Dunkelheit. »Franzl. Kimm raus.«

Der Junge trat ins flackernde Licht der Karbidlampe. Er war dünn, eingefallen, die Augen zu groß für das schmale Gesicht. Unter seinem Arm klemmte ein flaches, in Sackleinen gewickeltes Paket.

Lila sah ihn an. Dann sah sie das Paket.

»Das muss zum Orlow zurück«, sagte sie. »Du auch.«

Franzl riss die Augen auf. Sepp hustete feucht.

»Hörst mir zu«, sagte Lila. Resis Stimme kratzte flach und ohne Mitleid. »Seine Leute suchen dich. Wenn sie dich finden, machen sie dich kalt. Nicht heute, nicht morgen — aber sie hören nicht auf. Das weißt du.«

Franzl schluckte. Seine Finger krallten sich fester um das Sackleinen.

»Du bringst ihm das Bild. Du gehst hin, du gibst es ab, du hältst den Mund. Ich hole dich raus.«

»Und wenn ned?«, flüsterte Franzl.

»Dann bist du dort nicht schlechter dran als hier.«

Sepp wischte sich über die Stirn. Er sagte nichts.

In dieser Nacht wurde sie die Baroness von Reiter.

Harter Schnitt. Die Resi wurde nicht im Becken abgewaschen. Sie wurde ausgelöscht, überschrieben, ersetzt wie ein leeres Magazin. Die Verwandlung war kein ritueller Schmerz mehr, sondern das kalte Durchladen einer Waffe.

Lila zog tiefschwarze, harte Striche über ihre Brauen. Steile Bögen, die keine Fragen zuließen, sondern Urteile fällten. Dunkelroter Lippenstift zog den Mund zu einem harten, blutigen Strich. Kein Lächeln passte mehr in diese aggressive Geometrie. Sie legte die kratzige Weste ab und zwängte sich in das geliehene Seidenkleid. Es spannte eng über den vorstehenden Rippen. Ein schwerer Fuchspelz fiel auf ihre Schultern. Das tote Tier roch nach Kampfer, nassem Leder und der verzweifelten Hoffnung, den Krieg doch noch überstanden zu haben. Ein Schuss billiges, übersüßes Parfum legte sich wie ein Erstickungsanfall über den modrigen Kellergeruch.

Lila streckte die Wirbelsäule, bis die Knochen im Nacken hell knackten. Das Becken kippte nach hinten. Die Knie drückten sich durch. Das kraftlose Schlurfen verschwand. Jeder Schritt wurde zu einer kalkulierten Behauptung. Lila trat in den Schatten. Die Baroness betrat die Treppe.

Der Weg über den Schwarzenbergplatz in den russischen Sektor war ein Spießrutenlauf durch den strengen Frost. Der Wind fegte als nasse Rasierklinge über das rissige Eis. Am Kontrollpunkt zerschnitten zwei massive Holzbalken die Straße. Ein Jeep der Roten Armee stand mit laufendem Motor im Schnee, die Scheinwerfer bohrten sich erbarmungslos in die aufgewirbelten Flocken.

Zwei Posten traten aus dem Dunkeln. Maschinengewehre hingen lose über schweren, braunen Mänteln. Ein harscher Befehl auf Russisch. Eine Taschenlampe blendete Lila direkt ins Gesicht. Das grelle Licht brannte heiß auf der kalten Netzhaut.

»Dokumenti.«

Eine Hand in einem groben Fingerhandschuh riss ihr die falschen Papiere aus dem Griff. Der Soldat blätterte quälend langsam. Ein dreckiges Grinsen entblößte eine Reihe verfaulter, schwarzer Zähne. Er nahm sich Zeit. Er roch nach feuchtem Filz, Machorka-Tabak und rohem Zwiebelspeck. Er genoss die absolute Macht über die Frau im Pelz.

Die Baroness zitterte nicht. Sie wich dem blendenden Licht nicht aus. Sie spannte die Kiefermuskeln an und ließ den Blick wie Eiswasser von oben auf den Soldaten tropfen.

»Bedaure, aber meine Zeit ist kostbar«, schnitt ihre Stimme in den pfeifenden Wind. Hochdeutsch. Scharf, arrogant, ohne den geringsten Einschlag von Wiener Melodie. »Machen Sie voran.«

Der Posten hielt mitten in der Bewegung inne. Der Tonfall traf exakt die Frequenz der Herrschaft. Die Jahrhunderte alte Überheblichkeit der Klasse funktionierte auch über zerbombte Sektorengrenzen hinweg. Das Grinsen verschwand. Er stempelte nichts ab. Er schlug die Papiere zu, drückte sie ihr hart gegen das Schlüsselbein und winkte sie wortlos durch.

Das Hotel Imperial am Ring war ein Palast, in den man gewaltsam eine Kaserne hineingeprügelt hatte. Der teure Marmor der Lobby war von hunderten genagelten Stiefeln stumpf und zerkratzt. Blutrote Sowjetfahnen hingen breit über den riesigen, goldgerahmten Wandspiegeln und verdeckten notdürftig die Risse im Kristall. Das gedämpfte Licht der Lüster brach sich trüb in den stehenden Rauchschwaden.

Es stank nach verschüttetem Wodka, altem Schweiß und nassem Wollstoff. Irgendwo im ersten Stock hämmerte jemand auf einem furchtbar verstimmten Klavier herum. Eine verzerrte Mozart-Sonate, deren Rhythmus immer wieder von brüllendem Gelächter und dem hellen Klirren zerschlagener Gläser übertönt wurde.

Major Orlow residierte im hinteren Salon des ersten Stockwerks. Der Raum war stickig und überheizt. Orlow saß an einem massiven Mahagonitisch. Er war ein Berg von einem Mann, der Uniformrock stand am Kragen weit offen. Ein dichter Haaransatz, schwere, fleischige Hände. Er bestand aus gewaltiger Physis und völlig unkontrollierbaren Impulsen. Vor ihm stand eine halbleere Flasche.

An der seidenbespannten Wand neben ihm, direkt unter einer abgeplatzten Stukkatur, lehnte das Ölzeug. Kokoschka. Harte Farben, schmerzhafte Pinselstriche. Ein Bild aus Lilas früherem Leben und zugleich die geraubte Geschichte eines Doktors, der 1938 durch eine Gittertür gegangen und nie wiedergekommen war. Niemand würde es je an den richtigen Ort zurückbringen. Das war Wien 1947.

In der dunkelsten Ecke des Raumes kauerte Franzl auf dem Perserteppich. Seine Lippe war geplatzt, getrocknetes Blut verkrustete sein Kinn. Er umklammerte seine eigenen Knie und zitterte in kurzen, abgehackten Schüben.

Lila sah ihn nur für den Bruchteil einer Sekunde an.

Er hat es für mich getan. Der Idiot wollte mir ein Stück meiner eigenen Vergangenheit zurückbringen.

»Die Baroness von Reiter«, sagte Orlow. Seine Stimme war tief und dunkel. Sein Deutsch war präzise, akzentfrei, unnatürlich glatt. Er schenkte ein klares Glas voll. »Sie kommen wegen des Diebes.«

Lila blieb genau in der Mitte des Teppichs stehen. Sie legte den Pelz nicht ab. Die Hitze des Raumes staute sich sofort unter dem dicken Stoff. »Ich komme wegen meines Angestellten. Er ist ein Narr. Er hat sich in Transaktionen eingemischt, für die ihm der Verstand fehlt.«

»Er hat versucht, mich zu bestehlen.« Orlow trank. Er wischte sich den Mund mit dem breiten Handrücken ab. In einer Sekunde lag ein beinahe jungenhaftes Lächeln auf seinen Zügen, in der nächsten froren seine dunklen Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Aristokraten. Sie schicken den Abschaum in den Dreck und beschweren sich danach über den Gestank an ihren Stiefeln.«

»Ich bin nicht hier, um Gesellschaftskritik zu üben, Major«, erwiderte Lila. Die Stimme der Baroness modulierte keinen Zorn. Nur grenzenlose Langeweile. »Das Bild gehört Ihnen. Das war der Handel. Ich nehme den Jungen mit.«

Orlow stand auf. Das Holz seines Stuhls kratzte kreischend über das blanke Parkett. Er trat langsam an sie heran. Er stank nach reinem, scharfem Alkohol und altem Waffenleder. Die Hitze seines mächtigen Körpers strahlte wie ein Ofen durch die Kälte ihres Mantels.

»Sie verlangen«, sagte er leise. »Das ist amüsant. Rezitiere etwas.«

Die Forderung kam aus dem absoluten Nichts. Ein Peitschenschlag im dunklen Raum.

Lila hielt seinem Blick stand. Kein Muskel in ihrem Gesicht zuckte. »Ich bin keine Unterhalterin.«

»Rezitiere etwas!«, brüllte Orlow. Die unvorhersehbare Wucht seiner Stimme ließ ein leeres Glas auf dem Mahagonitisch hell erzittern. Die gedämpfte Klaviermusik im Nebenraum schien für einen Moment vollständig zu verstummen. Orlow lächelte wieder. Ein gefährliches, schiefes Lächeln, das die Zähne bleckte. »Der Adel liebt doch das Theater, nicht wahr? Zeigen Sie mir Kultur, Baroness. Oder der Junge fährt nach Sibirien. Und Sie gehen in den Keller.«

Lila atmete ein. Der Geruch von altem Blut, scharfem Fusel und feuchter Asche füllte ihre Lungen. Sie lud die Waffe mit scharfer Munition. Nicht die Baroness. Die Schauspielerin.

Sie wählte Maria Stuart. Schiller. Der dritte Aufzug. Die Konfrontation in Fotheringhay. Sie gab Elisabeth.

»Ihr seid an Eurem Platz…«, ihre Stimme durchbrach die schwere, abgestandene Luft des Salons. Das Tremolo war echt. Es war keine technische Spielerei, keine aufgesetzte Arroganz. Es war die komprimierte Wut von neun Jahren Berufsverbot, von quälendem Hunger und gefälschten Aktenvermerken, gebündelt in Blankversen. Der Klang war scharf wie geschliffenes Glas, voluminös, er stieg auf und kratzte an den goldenen Ornamenten der Decke.

»…und dankend preis ich meines Gottes Gnade, der nicht gewollt, daß ich zu Euren Füßen so liegen sollte — wie Ihr jetzt zu meinen!«

Sie beendete den Monolog nicht. Sie riss den Text exakt in der Mitte entzwei und ließ die nackte Stille in den Raum krachen.

Es war totenstill im Salon. Orlow starrte sie an. Das feine, alkoholgeschwängerte Zittern in seinen großen Händen hatte aufgehört. Die Trunkenheit war wie mit einem scharfen Tuch aus seinem breiten Gesicht gewischt. Für endlose fünf Sekunden stand er nur da und atmete hörbar durch die Nase. Seine dunklen Augen fixierten nicht den teuren Pelz, nicht die roten Lippen. Sein Blick bohrte sich präzise durch die aufgemalte Arroganz, krallte sich in das Holz dahinter und riss die Maskerade für den Bruchteil einer Sekunde ein. Er spürte das makellose Handwerk. Er roch die Gefahr.

Dann warf er den schweren Kopf in den Nacken und lachte. Ein bellendes, hartes Geräusch.

»Wunderbar. Ein wahrhaft tragischer Abgang.« Er machte eine kurze, achtlose Handbewegung in Richtung der dunklen Ecke. »Nimm deinen Abschaum. Er langweilt mich.«

Franzl stolperte keuchend auf die Beine. Er presste die Hände schützend gegen die geprellten Rippen.

Orlow wandte sich bereits ab. Er trat an das Kokoschka-Gemälde heran und ließ sich schwer auf ein Knie herab. Seine raue Hand legte sich auf das dunkle Holz der massiven Rahmung. Die breiten Finger glitten extrem langsam über die feine Kante, als wäre es die Haut einer Frau. Er sah Lila nicht mehr an.

»Raus«, sagte er sanft in die Stille.

Lila drehte sich auf dem Absatz um. Ihre dünnen Sohlen schabten absolut gleichmäßig über den kalten Marmor des langen Korridors. Franzl schleifte humpelnd neben ihr her. Sie beschleunigte den Schritt nicht um einen einzigen Millimeter.

Als sie die schwere Flügeltür zum vereisten Stiegenhaus erreichte, formte sich ein plötzlicher, physischer Druck zwischen ihren Schulterblättern. Major Orlow stand stumm im goldenen Rahmen des Salons. Er sah ihr nach. Er hatte heute Nacht keine Baroness gesehen. Er hatte gesehen, dass die Maske eine Maske war.

Der Vormittag war aschgrau und von einer feuchten Kälte, die sich wie nasses Blech um die Brust legte. Das Licht fiel milchig durch den Hochnebel auf die zertrümmerte Fassade der Ungargasse. Lila stand neben Franzl im knöcheltiefen Schutt. Der Junge atmete rasselnd, hielt sich die geprellten Rippen und starrte auf die scharfen Kanten der zersplitterten Ziegelsteine.

Kinski wartete bereits vor dem ausgebrannten Portal eines ehemaligen Delikatessengeschäfts. Er trug dasselbe abgewetzte Sakko wie am Vorabend, die Schultern hochgezogen gegen den schneidenden Wind. Als er seinen Bruder sah, stieß er die angefangene Zigarette in den dreckigen Schnee. Er machte zwei schnelle Schritte, packte Franzl bei den Schultern und riss ihn an sich.

Es war eine grobe, ungeschliffene Umarmung. Knochen knackten hörbar unter dem dünnen, feuchten Stoff der Mäntel. Kein Wort fiel. Wien verschwendete keine Tränen an das Überleben, weil das Überleben in diesen Tagen nur der Aufschub des Unvermeidlichen war.

Kinski ließ Franzl los, trat einen Schritt zurück und griff in die tiefe Tasche seines Sakkos. Er reichte Lila drei zerknitterte Zehnschillingscheine. Seine Hand mit den drei verbliebenen Fingern zitterte in der eisigen Luft.

»Da«, sagte Kinski. Seine Stimme klang wie trockene Asche. »Für di.«

Lila nahm das Geld. Die Scheine fühlten sich klamm an. Sie rochen streng nach Machorka-Tabak, nach dem Schweiß von drei Händen und feuchtem, schimmelndem Stoff. Sie schob das Geld in die Manteltasche, ohne es zu zählen.

»Der Russ’ vergisst ned«, sagte Kinski. Er zog seinen Bruder am Ärmel.

»Geh aus der Stadt«, sagte Lila.

Kinski nickte nur. Er drehte sich um und schob Franzl vor sich her durch die vereisten Pfützen. Lila sah ihnen nicht nach. Sie drehte sich auf dem Ballen ihres zerschnittenen Schuhs um und ging in die andere Richtung.

Es war kurz vor Mitternacht, als das Souterrain auf der Wieden Lila wieder verschluckte. Die rostige Eisentür fiel schwer ins Schloss und sperrte das Heulen des Windes aus. Die nackte Glühbirne an der Decke surrte leise und tauchte das Gewölbe in ein kränkliches, gelbes Licht.

Vor dem gesprungenen Emaillebecken blieb sie stehen. Der Ritus forderte sein Ende. Sie drehte den verkalkten Hahn auf. Das Wasser spuckte braun und röchelnd aus dem Blechrohr, bevor es sich zu einem unerbittlich kalten Strahl klärte. Lila beugte sich vor. Sie tauchte ihre Hände hinein. Die Kälte schnitt sofort wie feines Glas in die rissige Haut, drang unter die Nägel, legte die Fingergelenke lahm.

Sie schöpfte das Eiswasser ins Gesicht. Die Handballen rieben über die harten, arroganten Striche der Baroness von Reiter. Der dunkelrote Lippenstift verschmierte, zog sich wie geronnenes Blut über ihr spitzes Kinn. Sie rieb härter, schabte mit den Fingernägeln über die verklebten Poren. Keine Behutsamkeit. Die dicke Fettfarbe löste sich nur widerwillig, bröckelte, vermischte sich mit dem feinen Schmutz der Stadt und rann schließlich als dicker, grauer Schlamm in den gurgelnden Abfluss.

Das aufdringliche, übersüße Parfum der Baroness wurde vom sauren Geruch des nassen Blechs und dem muffigen Gestank des Souterrains weggewaschen. Lila scheuerte ihre Wangen, bis die Haut rot und entzündet war, bis das raue Leinenhandtuch auf dem Gesicht brannte.

Was aus dem blinden Spiegel zurückblickte, war nicht die Frau aus dem Programmheft. Die Baroness war im Abflussrohr verschwunden, die Resi lag als formlose, abgeworfene Hülle in der Ecke. Im Spiegel stand nur eine magere Frau mit tiefen dunklen Höhlen unter den Augen, die das Gewicht des eigenen Schädels kaum noch tragen konnte. Auf dem Schminktisch neben dem Spiegel lag das Programmheft. Der Papierdeckel wellte sich bereits leicht in der feuchten Luft. Das Schwarz-Weiß-Foto war aufgeschlagen. Das Mädchen von 1937 lächelte ungerührt in den klammen Raum.

Das Souterrain atmete langsam. Der Geruch von nassem Kalk, salpeterfressendem Sandstein und altem Kohlenstaub hing als unsichtbare, dichte Masse in der Kammer. Oben, auf dem Gehsteig jenseits des verdreckten Kellerfensters, waren die Schritte längst verstummt. Die Besatzungsmächte schoben die Sperrstunde wie einen eisernen Riegel vor die verrotteten Türen der Zinshäuser. Niemand ging um diese Zeit noch über das gefrorene Pflaster, es sei denn, er besaß eine Waffe.

Hinter dem losen Putz an der Nordwand sammelte sich Wasser. Ein steter, gnadenloser Rhythmus. Ein Tropfen formte sich, wuchs, zitterte im Halbdunkel und fiel mit einem feuchten Klatschen auf den nackten Steinboden. Das Geräusch war das einzige Metronom dieser Nacht.

Draußen lag die Stadt still. Die Ruinen der zerbombten Gründerzeitbauten warfen lange, zackige Schatten über die von Kettenfahrzeugen zerfurchten Straßen. Weggerissene Balkone ragten ins Nichts. Der Wind trieb Schnee durch die leeren Fensterhöhlen.

Lila setzte sich auf das schmale Feldbett. Die Metallfedern quietschten kurz. Die dreißig Schilling lagen nun neben dem aufgeschlagenen Burgtheater-Heft. Ein geraubtes Kokoschka-Gemälde lehnte im russischen Sektor an einer seidenbespannten Wand, über dessen Rahmen eine schwere, fleischige Hand strich. Ein Schieberjunge kauerte in einem dunklen Kellerloch am Bahnhof, und an einem Sektorenübergang froren Soldaten an ihren Maschinengewehren fest.

Der Wind drückte von draußen hart gegen das gesprungene Glas des Kellerfensters. Er brachte feinen, scharfen Schneegriesel mit, der sich in die Risse des Asphalts grub. Oben am Ring rissen die kalten Böen an den großen roten Fahnen der Besatzer, bis der schwere Stoff an den Kanten ausfranste. Der Kalkstaub aus den Ruinen legte sich leise über das gefrierende Wasser in den Straßenkratern. Am Morgen würde alles zu Eis erstarrt sein. Niemand zählte mit.