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007 – Das Burgtheater nach 1945
Das Haus am Ring war 1947 eine Brandruine. Dach und Innenräume waren zerstört, die Fensterhöhlen standen schwarz. Regen, Frost und Ruß gehörten zum Bild der beschädigten Fassade. Das Burgtheater war im Frühjahr 1945 ausgebrannt. Doch in einer Stadt, die im Hungerwinter um das nackte Überleben kämpfte, bedeutete ein zerstörtes Gebäude nicht, dass die Maschine der Kultur stillstand. Im Gegenteil.
In Wien war das Burgtheater nie nur eine Bühne für Literatur gewesen. Es war der amtliche Vermessungspunkt der öffentlichen Existenz. Wer hier auftrat, gehörte zur gültigen Ordnung. Wer in den gedruckten Programmheften stand, existierte. Die Kultur war Wiens wichtigste Fassade, robuster als die bröckelnden Gründerzeitbauten.
Nach dem Krieg brauchte das offizielle Österreich diese Fassade dringender denn je. Die Kultur sollte Normalität und Unschuld beweisen. Während das Stammhaus im Schutt lag, spielte das Ensemble in Ausweichquartieren weiter. Man spielte Klassiker, man deklamierte große Sätze, weil das Weiterspielen eine unbeschädigte Identität suggerierte. Die rasche Wiederaufnahme des Betriebs war keine kollektive Heilung. Sie war eine Notmaßnahme der Verdrängung. Wer auf der Bühne stand, demonstrierte, dass Wien wieder ganz das alte war – als habe es die brutalen Jahre dazwischen nur als unfreiwilliger Zuschauer auf den Rängen erlebt.
Die wahre Macht dieses Ortes zeigte sich nach 1945 vor allem darin, wer zurückkehren durfte und wer verschwunden blieb. Auf den neuen Besetzungszetteln standen rasch wieder alte Namen. Wer die richtigen Kontakte hatte, wer Entlastungen vorlegen konnte und nützliche Fürsprecher fand, dessen Vergangenheit wurde rascher wieder anschlussfähig. Die Entnazifizierung der Theaterwelt konnte vielerorts wie ein formaler Übergangsritus wirken, nach dem man wieder das gewohnte Kostüm tragen durfte. Das höfliche Wegsehen im Parkett entsprach dem höflichen Schweigen in den Direktorenzimmern.
Jene, die ab 1938 aus den Garderoben, von den Besetzungslisten und aus der Stadt gedrängt worden waren, fehlten still. Ihr Ausschluss wurde durch die neue Geschäftigkeit der Überlebenden übertönt. Die neue bürgerliche Ordnung duldete keine Störung durch die Geister der Ausgelöschten.
In der Welt von Vienna Shadow ist das Burgtheater deshalb kein nostalgisches Heiligtum. Es ist der steingewordene Beweis für Lilas administrativen Tod. Das Programmheft von 1937, der Geruch nach alter Theaterfettfarbe, der gedruckte Name – sie sind Relikte einer Existenz, die Wien erst mühelos ausspucken und dann nahtlos vergessen konnte. Für Lila ist die Theaterwelt 1947 ein feindlicher Apparat. Sie sieht, wie ehemalige Kollegen in den provisorischen Kanzleien ihre Karrieren retten. Sie begreift, dass die Stadt ihre alten Masken nur entstaubt hat, um das gleiche Stück unter neuem Titel weiterzuspielen. Das Theater diktiert, wer in dieser Stadt sichtbar sein darf und wer im Verborgenen bleiben muss.
Hinter der verkohlten Fassade am Ring lag kein Neubeginn. Da war nur nasser Kalk, kalter Luftzug und der eiserne Wille zur ungestörten Kontinuität.