Dinge
099 – Dienstbücher
Ein schwarzer Wachstucheinband, abgegriffen an den Rändern, glänzend vom Hautfett zahlloser Handkanten. Es trägt säuerliche Tinte, schlechtes Papier und kalten Tabak. Das Dienstbuch ist kein Lesestoff. Es ist das Gedächtnis einer Institution, gebunden in starre Linien. Viele Dinge sind ungewiss. Währungen wanken, Zuständigkeiten überlagern einander im dichten Nebel der Besatzungszeit, Namen wechseln die Schreibweise und […]
↗
Zeit
098 – Wegsehen als Überlebenstechnik
Nach dem Krieg war Wegsehen nicht nur moralische Schwäche. Es war ein trainierter Muskel. Wer in der kalten Straßenbahn saß, während draußen Militärpolizisten oder Wachleute jemanden anhielten, fixierte den Frost im Fensterglas. Wer im Stiegenhaus hastige, schwere Schritte hörte, wartete hinter der eigenen Holztür, bis sie verklungen waren. Man schaute auf den Asphalt, auf die […]
↗
Orte
096 – Die Geisterbahn
Die Geisterbahn ist keine sichere, glänzende Attraktion. Sie ist eher eine Maschinerie des billigen Schreckens, zusammengesetzt aus Resten, Geräuschen und Erwartung. Ein Stoß der kleinen Lore gegen eine hölzerne Flügeltür, ein Ruck auf unsauber verlegten Schienen, ein plötzliches Knarren im Dunkel. Aus der Schwärze fällt eine Fratze aus bemalter Pappe oder dünnem Holz herab, beleuchtet […]
↗
Orte
095 – Die Bar als Nachrichtenraum
Der Raum ist niedrig, verraucht, eng gestellt. Billiges Parfüm, gestreckter Alkohol und fremder Tabak liegen über den Tischen. Der Rauch hängt so dicht unter der Decke, dass er das Licht der schmalen Lampen bricht und die Gesichter weichzeichnet. Eine Bar in der besetzten Stadt ist kein Ort der Entspannung. Sie ist ein sozialer Maschinenraum. Wer […]
↗
Menschen
092 – Ein Kind im Hof
Der Innenhof eines Wiener Zinshauses ist kein Spielplatz. Er ist ein Schacht aus Stimmen, Fenstern, Wäscheleinen und Pflaster. An der Mauer, genau an der Grenze zwischen dem Schatten des Stiegenhauses und dem fahlen Nachmittagslicht, hockt eine kleine Figur. Die Knie sind aufgeschlagen, die Ränder der Wunden mit Pflasterstaub bedeckt. Die Schuhe sind offensichtlich um zwei […]
↗
Orte
094 – Der Beichtstuhl
Der Beichtstuhl war kein offener Raum. Er war ein Apparat des Flüsterns, ein Möbel aus Dunkelheit, Holz und Gitter. Wer darin sprach, sprach nicht frei in die Welt, sondern in eine Vorrichtung hinein: kniend, gedämpft, getrennt, halb verborgen. Zwischen Stimme und Gesicht lag ein Gitter. Das Versprechen hieß Erleichterung. Die Form aber erinnerte an Kontrolle. […]
↗
Orte
093 – Die Sakristei
Vorne brennen die Kerzen. Hinten lagert das kalte Wachs. Die Sakristei ist kein heiliger Raum im einfachen Sinn. Sie ist der Arbeitsraum des Gottesdienstes. Hier lagern abgestandener Weihrauch, kaltes Wachs, feuchter Stein, Bohnerwachs und schwere Messgewänder, deren Stoff die Jahre gehalten hat. In den Nachkriegsjahren ist es hier kaum wärmer als im Kirchenschiff. Dicke Mauern, […]
↗
Menschen
091 – Der Bühnenarbeiter
Die Illusion hat eine klare Grenze. Sie endet am schweren Vorhang der Seitenbühne. Wer einen Schritt dahinter tritt, verlässt den Glanz und betritt eine Werkstatt. Hier gibt es erhitzten Staub, feuchtes Segeltuch, Maschinenfett und kalte Zugluft. Keine Dramen, stattdessen Schwerkraft, Hebelgesetze und raue Hände. Das Wiener Theater der Nachkriegszeit ist kein reiner Ort der Kunst, […]
↗
Menschen
090 – Der Kaffeehausgast
Ein Glas Leitungswasser, das seit zwei Stunden nicht mehr angerührt wurde. Eine Tasse lauwarmes, trübes Gebräu, das nach gerösteter Zichorie, Gerste oder Feigenkaffee schmecken konnte. Eine speckige Zeitung an einem Lesestock, das Papier vom ständigen Umblättern weich und grau. Dahinter: ein Körper in einem Mantel, der nicht abgelegt wird, weil der Raum kaum wärmer ist […]
↗
Orte
089 – Eine Straßenbahnfahrt
Die Straßenbahn war das eiserne Rückgrat einer zusammengebrochenen Metropole. Das Netz war notdürftig geflickt, manche Wagen waren alt, zugig oder nur notdürftig instand gehalten. Man saß auf harten Holzsitzen oder stand dicht gedrängt auf den Plattformen. Jeder Bremsvorgang kreischte in den Ohren, jeder Funke am Fahrdraht knisterte. Zwischen den nassen, schweren Mänteln gab es keine […]
↗
Orte
084 – Der Zeitungsaushang
Das Glas ist manchmal beschlagen, zerkratzt oder von einem Sprung durchzogen. Dahinter hängt das Papier, straffgezogen und mit Leisten, Nägeln oder Reißzwecken im Holz fixiert. Der Zeitungsaushang auf der Straße ist kein Ort für lange Aufenthalte. Trotzdem bleiben die Menschen stehen. Kragen hochgeschlagen, die Schultern hochgezogen, die Hände tief in den aufgewetzten Manteltaschen. Sie blicken […]
↗
Dinge
082 – Morphium
Das Glas ist braun, um das Licht fernzuhalten. Die Ampulle ist klein, fast schwerelos in der Hand. Ein Fingerhut voll Flüssigkeit, der eine Welt ausschalten kann. Morphium roch nicht. Es war lautlos. Aber es war das begehrteste Flüstern in einer Stadt, die aus Schmerz bestand. Der Krieg war vorbei, aber die Körper wussten das nicht. […]
↗
Dinge
079 – Weiße Nelken in Garderobe Eins
Blumen waren im Wien der Trümmer keine Selbstverständlichkeit. Sie kosteten Kohle für Gewächshäuser, die knapp war, oder Transportwege, die unzuverlässig geworden waren. Eine Blume in dieser Zeit war kein Zufall der Natur. Sie war eine Behauptung. Draußen froren die Menschen in zerschlissenen Mänteln vor den Anzeigetafeln der Lebensmittelkarten. Es gab kaum regulären Brennstoff, auf den […]
↗
Dinge
078 – Maske und Fettfarbe
Fettfarbe hat nichts mit Applaus zu tun. Sie besteht aus Fett, Wachs, altem Öl und dem feinen Staub, der sich in den kaputten Tiegeln absetzt. In einer Stadt, in der Brennholz und Mehl die wahre Währung sind, ist gutes Theatermaterial absurd. Doch wer in den Nachkriegsjahren über Schminke verfügt, malt sich keine Schönheit an. Er […]
↗