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098 – Wegsehen als Überlebenstechnik
Nach dem Krieg war Wegsehen nicht nur moralische Schwäche. Es war ein trainierter Muskel. Wer in der kalten Straßenbahn saß, während draußen Militärpolizisten oder Wachleute jemanden anhielten, fixierte den Frost im Fensterglas. Wer im Stiegenhaus hastige, schwere Schritte hörte, wartete hinter der eigenen Holztür, bis sie verklungen waren. Man schaute auf den Asphalt, auf die […]
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075 – Rattenlinien
Nach dem Krieg rannten Millionen. Sie flohen aus zerschossenen Städten, aus Lagern, über unklare Grenzen. Sie trugen Bündel, falsche Hoffnungen, fremde Papiere und die Erschöpfung ganzer Wege. Aber es gab noch eine andere Flucht. Sie rannte nicht. Sie wartete in stillen, holzgetäfelten Priesterzimmern auf das richtige Papier. Die sogenannten Rattenlinien waren keine abenteuerlichen Pfade durch […]
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062 – Der Preis der Dinge
Papier wärmt nicht. Wer in den Mangeljahren versuchte, mit einem Bündel frischer Schillinge eine Gefälligkeit zu kaufen, konnte erleben, dass Naturalien, Zigaretten oder Medikamente mehr Gewicht hatten als Papiergeld. Der Wert der Dinge hatte sich verschoben. Er wurde nicht mehr von Banken gedruckt. Er wuchs in der Erde, er lag in Röhrchen, er rauchte. Die […]
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061 – Wohnen nach 1945
Ein Zimmer ist kein Zuhause. Noch nicht. Es ist eine Überlebensgleichung. Die Variablen sind vier intakte Wände, ein Fenster, das mit Pappe und Klebestreifen gegen die Zugluft abgedichtet ist, und ein Kachelofen, der Kälte abstrahlt, weil die Kohle fehlt. Wohnen ist kein privater Rückzugsort, sondern ein rein physischer, oft nur vorübergehend geduldeter Zustand. Es ist […]
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038 – Deserteure nach 1945
Der Krieg endete auf dem Papier an einem Tag im Mai. In den Stiegenhäusern Wiens endete er nie. Auf Bahnhöfen der Nachkriegsstadt standen Männer, die aussahen wie alle anderen Heimkehrer. Graue Wehrmachtsmäntel ohne Abzeichen, abgemagerte Gesichter, schlechtes Schuhwerk. Aber manche von ihnen trugen keinen Entlassungsschein in der Tasche. Sie hatten überhaupt keine Papiere. Oder Papiere, […]
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026 – Frieden mit Schlagbäumen
Ein Schild an einer nassen Kreuzung. Der Geruch nach schlechtem Diesel aus dem Auspuff eines stehenden Jeeps, dessen Motor im Leerlauf nagelt. Ein hartes, kurzes Kommando in einer fremden Sprache. Der Krieg war vorbei, die Bomben fielen nicht mehr. Aber das bedeutete nicht, dass in Wien Frieden herrschte. Es bedeutete nur, dass die Gewalt nun […]
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023 – Trümmerfrauen / Trümmerarbeit
Der Schutt war kein Hintergrund. Auf den Straßen lagen verbogene Eisenträger, zersplittertes Glas und Berge von Mauerwerk. Jeder brauchbare Ziegel musste einzeln freigeklopft, vom alten Mörtel befreit und aufgeschichtet werden. Wer durch die beschädigte Stadt ging, hörte das trockene Klopfen der Hämmer, lange bevor er die Arbeiterinnen sah. Um diese Straßen wieder zu öffnen, brauchte […]
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013 – Was stand in den Zeitungen?
Der Kiosk bot keinen Schutz vor dem Wind. Man las im Gehen, mit klammen Fingern, oder in Kaffeehäusern, deren Heizung so unzuverlässig war wie der Mokka-Ersatz. Was auf die Seiten kam, war kein Zeitvertreib. Es war Orientierung, Anweisung, Beruhigung und Drohung zugleich. Zeitungen waren der Kompass einer viergeteilten Stadt. Wer wissen wollte, wo er stand, […]
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011 – Was hörte Wien 1947?
Eine Röhre glüht hinter der Stoffblende eines hölzernen Küchenradios. Aus einem gekippten Fenster in den Trümmergassen fällt ein dünner, knisternder Klang auf den nassen Asphalt. Es ist kein Walzer. Es ist ein Rauschen, das sich zu einem Takt formt, bevor der Wind es wieder zerfetzt. Wien klang 1947 nicht einheitlich. Es gab keine große, harmonische […]
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005 – Vier im Jeep
Wenn sich das heulende Geräusch eines schweren Militärmotors auf dem nassen Kopfsteinpflaster näherte, senkten die Passanten den Blick. Dieses Geräusch war Teil der Stadt, und wer auf der Straße unterwegs war, wollte unsichtbar bleiben. Das Fahrzeug, das langsam aus dem Nebel brach, strahlte eine physische Bedrohung aus. Es roch nach Benzin, nassem Segeltuch und fremder […]
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