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062 – Der Schwarzmarktpreis
Papier wärmt nicht. Wer im Winter 1947 versuchte, mit einem Bündel frischer Schillinge eine Gefälligkeit zu kaufen, konnte erleben, dass Naturalien, Zigaretten oder Medikamente mehr Gewicht hatten als Papiergeld. Der Wert der Dinge hatte sich verschoben. Er wurde nicht mehr von Banken gedruckt. Er wuchs in der Erde, er lag in Röhrchen, er rauchte.
Die offizielle Wirtschaft war ein Konstrukt aus Stempeln, Papier und Mangel. Lebensmittelkarten versprachen Kalorien, die nicht immer in den Auslagen der Geschäfte ankamen. Beschädigte Lieferketten und Besatzungsökonomie zwangen die Stadt in ältere Formen des Handels zurück. In den dunklen Gassen hinter den Märkten und Bahnhöfen oder in zugigen Souterrainwohnungen galten andere Währungen.
Eine Stange amerikanische Zigaretten konnte zum verlässlichen Kleingeld der Nachkriegszeit werden. Sie öffnete Türen, beschleunigte einen Stempel, kaufte kurze Wege oder Wegsehen. Schwerere Währungen waren physisch: ein Sack Saatkartoffeln, ein Eimer Kohle, ein halbes Kilo Butter. Wer hungert, isst keine Geldscheine. Wer friert, heizt nicht mit Kontoständen.
Dieser Schleichhandel hatte nichts mit Gaunerromantik zu tun. Er war nacktes Überleben, gepaart mit rücksichtsloser Ausbeutung. Wer die Kohle besaß, diktierte das Gesetz. Wer ein seltenes Medikament oder ein starkes Schmerzmittel abzweigen konnte, hielt für einen Moment das Leben anderer Menschen in der Hand. Eine einzige Ampulle konnte mehr wiegen als ein dickes Kuvert Schillinge – oder den letzten Familienschmuck auf den Tisch eines Hinterzimmers zwingen. Ein schwerer Wintermantel wurde gegen ein paar Kilo Mehl getauscht. Der Wert einer Sache bemaß sich exakt danach, wie verzweifelt das Gegenüber war.
In der Welt von Vienna Shadow rechnet die Stadt ohne Zahlen. Bargeld wechselt die Besitzer, aber die wahren Schulden werden in Materie und Wissen beglichen. Drei Röhrchen Aspirin, eine unbenutzte Tube Theaterfettfarbe, ein passendes Papier oder die exakte Uhrzeit eines Schichtwechsels verändern Machtverhältnisse. Die sicherste Währung liegt in keinem Tresor. Die Währung ist das, was fehlt. Der Schwarzmarkt fragt nicht nach dem Preisetikett. Er fragt nur: Wer friert? Wer blutet? Wer hat Angst?
Am Ende des Tages schließt sich der schäbige Mantel enger. Wer den schweren Sack Erdäpfel über die Schulter wirft, ist reicher als der Mann mit dem dicken Kuvert in der Tasche. Denn der Hunger lässt sich nicht bestechen.