>_ Folge 08 · Sonntag, 14.06.2026
Der Mann ohne Gesicht
Hubmaier hatte den Kontakt vermittelt. Seit der Sache im Sacher wusste er, welche Namen man nicht auf ein Wachzimmer trug. Treffpunkt war ein fensterloses Hinterzimmer in einer Apotheke am Alsergrund, wo der Geruch nach getrockneter Kamille den Staub nicht übertünchen konnte.
Dr. Kessler trug ihren weißen Kittel auch auf der Straße. Der Stoff war grau vom vielen Auskochen. Sie schob eine angeschlagene Teetasse zur Seite und sprach, als würde sie einen Befund in ein Diktiergerät sprechen.
»Ein Mann auf Station Sieben«, sagte sie. »Wurde im Zweiten Bezirk aufgelesen. Bewusstlos, unterkühlt. Die Polizei schreibt in die Akte: Unbekannter Vagabund. Fall geschlossen.«
»Wien hat viele Vagabunden«, sagte Lila.
»Wien hat keine Vagabunden mit Porzellankronen und einer Goldlegierung in den Backenzähnen, die man seit neununddreißig in Europa nicht mehr gießen lässt.« Kessler lehnte sich vor. Die Ringe unter ihren Augen waren schwarz wie Daumenabdrücke. »Und Wien hat keine Vagabunden, bei denen alle zehn Fingerkuppen professionell mit Flusssäure weggeätzt wurden. Ein Betrunkener verbrennt sich nicht systematisch die eigenen Hände.«
Lila fragte nicht nach Gerechtigkeit. Dr. Kessler war keine Idealistin, die verlorene Seelen retten wollte. Sie war eine Medizinerin, die schlampige Diagnosen und offene Fragen hasste. Sie zeigte auf ein schweres Päckchen aus braunem Papier auf dem Tisch. »Drei Röhrchen Aspirin, zwei Rollen Verbandsmull, eine Tube weiße Wundsalbe.« Eine Währung, die auf dem Schwarzmarkt schwerer wog als ein Bündel Papierschillinge.
Das Souterrain auf der Wieden atmete den ewigen Geruch nach nasser Kohle. Das Ritual der Auslöschung begann mit heißem Wasser und Kernseife. Lila wusch die Reste ihres eigenen Gesichts ab, bis die Haut spannte und rot wurde.
Dann der Kittel. Der Stoff war bretthart gestärkt und kratzte am Hals. Die weiße Haube zog die Haare straff nach hinten, bis die Kopfhaut wehtat. Die praktischen Lederschuhe mit den dicken Gummisohlen, die Kessler bereitgelegt hatte, wogen schwer. Schwester Ilse.
Es war eine neue Anatomie. Bisher war Lila in Masken geschlüpft, die Unsichtbarkeit durch Unterwerfung garantierten. Putzfrauen, Witwen, graue Mäuse, die an den Rändern der Räume entlangstrichen. Schwester Ilse funktionierte anders. Wer diese Uniform trug, trat mit dem Gewicht der Institution auf. Die Gummisohlen machten keine leisen, huschenden Schritte. Sie machten finale, laute Schritte. Schwester Ilse bat nicht um Erlaubnis, den Raum zu betreten. Sie befahl den Raum.
Ein gefährliches, metallisches Gewicht legte sich auf Lilas Schultern. Macht. Die Unsichtbarkeit lag diesmal in der blendenden Sichtbarkeit der Autorität.
Das Allgemeine Krankenhaus war ein sterbender Riese. Das Gebäude atmete schwer durch endlos lange, geflieste Gänge. Der Gestank nach Karbol, eiternden Wunden und wässriger Rübensuppe klebte in den Fugen. Aus den Krankensälen drang das feuchte, rhythmische Husten der Tuberkulose, gedämpft durch dicke Mauern. Auf den Gängen lagen Patienten auf Behelfspritschen. Die Laken waren so oft gekocht worden, dass sie durchscheinend über den spitzen Knien der Schwerkranken hingen.
Stationsschwester Gruber stand vor dem Materialraum wie ein Wachhund vor dem Fleischlager. Breite Schultern, ein Gesicht wie aus trockenem Teig geknetet.
»Wer san Sie?« Grubers Blick suchte nach Schwäche. Der Wiener Instinkt für Hierarchie. Ein falsches Blinzeln, ein zu weicher Ton, und Schlechtes Handwerk würde diese Infiltration in drei Sekunden beenden.
Lila hielt den Blick. Keine Entschuldigung. Kein Lächeln. Ein hartes, effizientes Gesicht. »Schwester Ilse. Aushilfe von der Zweiten. Dr. Kessler schickt mich. Puls- und Temperaturprotokoll.«
Gruber zog die buschigen Augenbrauen zusammen. »Mir hat kana was gsagt.«
»Soll ich der Kessler ausrichten, dass Sie keine Hilfe brauchen?« Schwester Ilse machte eine halbe Drehung. Die Gummisohle quietschte auf dem Linoleum. Eine Drohung, verpackt in Gehorsam.
Gruber schnaufte, der Widerstand brach unter der Last der Überstunden zusammen. »Na. Bleiben’s. Zimmer achtzehn braucht frische Verbände. Und der Namenlose in der Zwanzig is ruhig.«
Lila nickte knapp und ging. Kessler hatte ihr gezeigt, wo man den Puls nahm, wie man eine Fieberkurve hielt und welche Zahlen niemand hinterfragte, solange die Hand sicher genug schrieb. Schwester Ilse musste nicht heilen. Sie musste nur aussehen, als hätte sie keine Zeit. Der Korridor schien kein Ende zu nehmen. Ein Arzt in einem abgewetzten Kittel hetzte vorbei, starrte nur auf seine Klemmmappe. Uniformen sahen nur Uniformen.
Zimmer zwanzig. Die Holztür fiel leise ins Schloss. Der Lärm des Ganges blieb wie abgeschnitten draußen.
Der Raum roch nach kaltem Schweiß und dem scharfen medizinischen Äther, der sich in die Poren brannte. Ein eisernes Bettgestell. Der Mann lag flach auf dem Rücken. Sein Gesicht war zur Wand gedreht. Ein schmaler Schädel, aschfahle Haut über scharfen Wangenknochen. Die Decke war streng über seine Brust gezogen. Sie hob und senkte sich flach, flach, flach.
Lila trat an das Bett. Das Licht fiel milchig durch ein blindes Fenster.
Seine Hände lagen auf dem grauen, rauen Stoff der Wolldecke. Die Handgelenke waren schmal, die Finger lang und vollkommen still. Lila beugte sich vor.
Wo die Papillarlinien sein sollten, wo Wirbel und Schleifen das unverkennbare Muster eines menschlichen Lebens in die Haut schrieben, war nichts. Die oberste Hautschicht war präzise weggeschmolzen. Die Fingerkuppen waren glatt, fleischig rosa und leer. Unbeschriebene Seiten.
Die Ränder der Verätzungen waren scharf. Flusssäure fraß sich tief in das Gewebe, wenn man sie nicht schnell genug neutralisierte. Jemand hatte genau gewusst, wie lange die Finger im Bad bleiben mussten, um die Papillarlinien restlos zu zerstören, ohne den Knochen anzugreifen. Keine Wut. Reine Verwaltung. Präzisionsarbeit.
Lila griff nach seinem Handgelenk, um den Puls zu messen. Die Haut an seinem Unterarm fühlte sich weich an. Kein Sonnenbrand, keine von Frost und Ziegelstaub gegerbten Poren. Die Fingernägel waren sauber geschnitten, das Nagelbett intakt und zurückgeschoben. Ein Mann, der auf den Straßen der Leopoldstadt schlief, kümmerte sich nicht um seine Nagelhaut.
Sie schob ihren Daumen gegen sein Kinn und zog die Unterlippe sanft nach unten. Ein medizinischer Handgriff. Das Zahnfleisch war blass. In den hinteren Backenzähnen blitzte das Gold, von dem Dr. Kessler gesprochen hatte. Die Schneidezähne wiesen feine Risse und Verfärbungen auf. Nicht der schmutzige Grau-Schwarz-Ton von Machorka-Tabak oder selbstgedrehten Stummeln aus der Gosse. Das war das tiefe, satte Gelbbraun teurer, importierter Virginia-Zigaretten. An den Rändern der Zahnhälse klebte ein dunkler Schatten. Schwerer Rotwein. Ein Mundraum wie ein Safe für eine Welt, die es vor den Rationskarten gegeben hatte.
Lila trat einen Schritt zurück und las die Geografie dieses Körpers. Die leichte Krümmung der oberen Wirbelsäule, die selbst im flachen Liegen sichtbar blieb. Ein Schreibtischrücken. Der Mann hatte gesessen, während andere marschiert waren. Der Ansatz von schlaffem Gewebe um die Hüften. Ein Körper, der erst vor Kurzem aufgehört hatte, gut und reichlich zu essen.
Man kann Papiere verbrennen, aber nicht die Gewohnheiten des Fleisches.
Ein nasses Rasseln löste sich aus seiner Kehle. Der Mann rollte den Kopf auf dem flachen Kissen hin und her.
»Pas là…«, flüsterte er. »Fermé. Tout est fermé.«
Französisch. Kein holpriges Schulvokabular aus dem Gymnasium. Die Vokale flossen weich und nasal, gezogen mit dem Rhythmus des Südens. Die Sprache der Mittelmeerküste, eingefangen in einem eiskalten Spitalsbett am Alsergrund.
Die Türscharniere quietschten.
Stationsschwester Gruber stand im Rahmen. Ihre Hände ruhten tief in den Kitteltaschen. Sie roch nach scharfer Kernseife und altem Ersatzkaffee. Sie füllte den Eingang aus wie ein massiver Kasten, der das Licht vom Gang blockierte.
»Die Neue«, sagte Gruber langsam. »Die schaut z’viel hin.«
Lila zuckte nicht zusammen. Schwester Ilse kannte keine Nervosität. Sie ließ das Kinn des Patienten los, griff nach der leeren Fieberkurve am Fußende des eisernen Bettes und zog den Bleistift aus ihrer Brusttasche.
»Der Puls ist flach, aber rast«, sagte Lila. Die Stimme war klinisch, trocken. Der Tonfall einer Frau, die keine Patienten sah, sondern nur offene Aufgaben. »Atmung oberflächlich. Die Lippen sind rissig. Wenn er nicht bald trinkt, trocknet er uns aus.«
Gruber kam näher. Ihre Gummisohlen schmatzten auf dem Linoleum. Sie blickte auf das Klemmbrett, dann auf Lilas Hände. Lila notierte eine erfundene Atemfrequenz. Das Graphit kratzte laut und bestimmt über das raue Papier. Die Bewegungen waren eckig, routiniert. Keine Spur von Neugier. Nur lästige Pflicht.
Gruber schnaubte durch die Nase. »A Vagabund. Die saufen den Frostschutz aus die russischen Jeeps und wundern sich, wenn’s von innen verbrennen. Wann er abkratzt, rufen’s den Sanitäter. Wir brauchen das Bett für an Fleckfieber-Fall auf der Siebzehn.«
»Jawohl, Schwester.«
Gruber musterte das weiße Häubchen, den steifen Kittel, die Haltung. Eine Hierarchie-Prüfung. Lila hielt dem Blick stand, ohne Widerworte zu geben und ohne wegzusehen.
Territorium verteidigt. Aushilfe akzeptiert.
Gruber drehte sich um. Der Gang verschluckte ihre Schritte. Die Holztür fiel ins Schloss und die schwere Stille des Zimmers presste sich wieder gegen die Wände.
Lila legte das Klemmbrett zurück. Sie tauchte einen Wattebausch in das Wasserglas auf dem tristen Nachttisch und tupfte ihn gegen die rissigen Lippen des Mannes.
Dieser Mann war kein unschuldiger Passant. Wer im russischen Sektor aufwachte, nach Südfrankreich klang und ohne Fingerabdrücke existierte, war ein Werkzeug. Ein Kurier. Einer jener Schatten, die im Auftrag anderer Schatten Dokumente über Zonengrenzen trugen. Die Rattenlinie. Er hatte anderen geholfen zu verschwinden, bis seine eigenen Leute beschlossen hatten, dass er selbst verschwinden musste.
Das kalte Wasser berührte seinen Mund. Der Mann schluckte. Ein hartes, trockenes Klicken in seinem Kehlkopf.
Seine Lider flatterten. Die Augen öffneten sich.
Die Pupillen waren stecknadelkopfgroß. Die Iris ein trübes, fiebriges Grau. Er starrte an die rissige Decke, durch den Putz hindurch, weit weg in eine Landschaft, die in diesem Raum keinen Platz hatte.
»Route…«, flüsterte er.
Lila beugte sich näher heran. Der Geruch nach altem Fieberschweiß und Äther stieg von ihm auf, durchmischt mit dem süßlichen Aroma des körperlichen Verfalls.
»Brenner…«
Wien, Tirol, Italien. Die Geografie der Vernichteten, die nicht vernichtet werden wollten. Der Weg, auf dem SS-Offiziere und Blockwarte zu argentinischen Geschäftsleuten wurden.
»Genua.«
Sein Kopf rollte zur Seite. Die Augen fielen wieder zu. Der Kiefer entspannte sich.
Lila griff nach einem feuchten Tuch am Waschbecken, um ihm den Schweiß von der aschfahlen Stirn zu wischen. Die routinierte Geste einer Krankenschwester, die ihre Arbeit zu Ende bringt.
Ihre Hand war auf halbem Weg, als seine hochschnellte.
Es war keine fließende Bewegung. Es war das Zucken einer gespannten Drahtfeder. Seine Hand schloss sich um Lilas Handgelenk.
Die glatten, verätzten Kappen der Fingerkuppen rutschten nicht ab. Sie fühlten sich an wie warmes Wachs, aber der Griff war eisern. Knochen und Sehnen gruben sich in Lilas Haut. Eine absurde, verzweifelte Kraft für einen Organismus, der nur noch aus Resten bestand.
Seine Augen rissen auf.
Das Fieber war aus dem trüben Grau verschwunden. Für den Bruchteil einer Sekunde war der Blick glasklar, scharf und kalt.
Er starrte nicht auf die gestärkte weiße Haube. Er starrte nicht auf Schwester Ilse.
Er sah Lila an.
Der Griff dauerte nur wenige Sekunden. Aber in diesem Moment lag in der Hand das Gewicht eines Mannes, der wusste, dass er aufhörte zu existieren.
Lila zog den Arm nicht zurück. Schwester Ilse kannte keinen Fluchtreflex. Sie hielt vollkommen still.
Der Mann atmete ein. Es klang wie zerreißendes Pergamentpapier.
»Sie tragen den Kittel«, flüsterte er. Die Stimme war brüchig, der weiche französische Rhythmus war einem rauen, kratzenden Ton gewichen. »Aber Sie atmen nicht wie eine Schwester. Schwestern haben keine Zeit. Schwestern hetzen. Sie stehen hier und warten.«
Er ließ ihr Handgelenk los. Sein Arm fiel schwer zurück auf die Wolldecke. Die leeren Fingerkuppen strichen ziellos über den rauen Stoff, suchten nach einem Halt, den die weggeschmolzene Haut nicht mehr finden konnte.
Lila blieb über ihn gebeugt. »Auf wen warten Sie?«
»Auf niemanden.« Er drehte den Kopf zur Decke. Die Klarheit in seinen Augen blieb. Ein isolierter Moment der Wachsamkeit, herausgeschält aus dem Fieber. »Ich habe niemanden erwartet. Ich habe sie nur weitergeschickt.«
»Wen?«
»Die Geister.« Er lachte lautlos. Es war nur ein trockenes Zucken in der Kehle. »Sie kamen ohne Gesichter. Sie gingen mit Namen.«
Das Licht im Krankenzimmer verfärbte sich. Der späte Nachmittag legte sich als grauer, schmutziger Film über die gekalkten Wände. Aus dem Korridor drang das dumpfe Klappern eines Blechwagens. Die Essensausgabe der Spätschicht. Der Geruch nach wässriger Brühe und totem Gemüse kroch unter dem Türspalt hindurch.
»Rattenlinie«, sagte Lila trocken. Keine Frage. Eine Feststellung.
Er widersprach nicht. Er starrte auf den blinden Fleck an der Decke. »Papier. Pässe. Rote-Kreuz-Ausweise für Staatenlose. Taufscheine aus zerbombten Kirchen im Osten, die niemand mehr überprüfen kann. Ich habe Stempel aus Linoleum geschnitzt. Ich habe die Tinte mit Zigarettenasche gemischt, damit sie drei Jahre alt aussieht. Ich habe sie zu neuen Menschen gemacht.«
Der Papier-Mann. Der Bürokratie-Künstler der Unterwelt. Ein Architekt für jene, die feldgraue Uniformen getauscht hatten gegen argentinische Schiffskarten und die Maßanzüge ehrbarer Kaufleute. Er hatte den Abfall des Kontinents in makelloses Papier gewickelt.
»Welche Namen haben Sie vergeben?«, fragte Lila.
Er schüttelte fast unmerklich den Kopf. »Namen sind Munition. Man gibt sie nicht weg.«
»Sie liegen am Alsergrund im Spital. Ihre eigenen Leute haben Ihnen die Finger in ein Säurebad getaucht, bevor sie Sie in der Leopoldstadt auf den Asphalt geworfen haben. Ihre Munition ist nass.«
»Sie verstehen das Handwerk nicht.« Sein Atem rasselte, ein mechanisches, nasses Geräusch. »Wer die Namen nennt, verliert seinen letzten Wert. Solange ich die Routen im Kopf behalte, bin ich jemand. Wenn ich sie ausspreche, bin ich nur ein toter Vagabund mit verbrannten Händen.«
Lila richtete sich ein paar Zentimeter auf. Die Kälte des Zimmers kroch durch die gestärkte Baumwolle ihres Kittels. Der Mann im Bett war eine wandelnde Leerstelle. Seine Auftraggeber hatten nicht nur seinen Körper bestraft. Sie hatten seine Expertise gegen ihn gewendet. Der Fälscher, der Identitäten aus dem Nichts erschuf, war selbst ins Nichts zurückgeschickt worden. Keine Fingerabdrücke. Keine Dokumente. Kein Name. Die perfekte administrative Auslöschung.
»Sie haben einen Fehler gemacht«, sagte Lila.
»Ich habe gelesen.« Seine Stimme sank, als würde die Kraft aus ihm herausrinnen, Silbe für Silbe. »Eine Liste. Ein Frachtbrief. Dinge, die nicht für meine Augen bestimmt waren.«
»Was stand auf der Liste?«
»Wissen ist schlimmer als Gift.« Seine leeren Fingerkuppen zuckten auf der Wolldecke. »Man kann Gift ausspucken.«
Das Fieber kroch zurück. Die Klarheit in seinen Pupillen begann zu verschwimmen, der milchige Schleier legte sich wieder über die Iris. Die Sekunden der Wachsamkeit waren verbraucht.
Lila beugte sich wieder dicht an sein Gesicht. Der medizinische Äther und der süßliche Geruch des körperlichen Verfalls brannten in der Nase.
»Wer hat Sie hierher gebracht?«
»Niemand.« Seine Augenlider flackerten schwer. »Ich bin gefallen.«
»Wer hat die Säure benutzt?«
Er schluckte hart. Der Kehlkopf sprang unter der dünnen, aschfahlen Haut auf und ab. »Leute… Leute, die wissen, wie man schreibt.«
Lila wartete. Die Holztür zum Korridor vibrierte leicht in ihren Angeln, als draußen schwere Schritte vorbeigingen. Das Husten auf der Station bildete einen gleichmäßigen, schleimigen Rhythmus. Die Heizungsrohre in der Wand knackten metallisch, als die Temperatur über der Stadt fiel.
Der Mann schloss die Augen. Der Brustkorb hob und senkte sich.
Dann bewegten sich seine rissigen Lippen. Ein Geräusch, kaum lauter als das Reiben von trockenem Stoff über raue Haut. Ein Hauch, der sich fast im Takt seines Atems verlor.
»Der Schreiber.«
Zwei Worte. Geflüstert in die schwere Luft des Krankenzimmers. Die Augen des Mannes blieben geschlossen.
Lila stand vollkommen still. Die dicken Gummisohlen ihrer Schuhe klebten auf dem kalten Linoleum.
»Wer ist der Schreiber?«, fragte sie. Die Stimme von Schwester Ilse. Ruhig. Fordernd. Keine Bittstellerin, sondern eine Frau, die Antworten erwartete.
Keine Antwort.
Der Mann atmete tief ein, dann lang aus. Das Rasseln in seiner Kehle war zurück, beständig und unerbittlich. Er schlief. Oder er überließ dem Fieber die vollständige Kontrolle. Oder er hatte beschlossen, dass er die absolute Grenze erreicht hatte. Ein Wort mehr, und er besiegelte sein eigenes Urteil. Seine Hände lagen reglos auf dem grauen Stoff der Decke. Die glatten, rosa verätzten Fingerkuppen schimmerten schwach im trüben Licht der aufkommenden Nacht.
Lila stand am Bett. Das weiße Baumwollhäubchen zog straff an ihrer Kopfhaut.
Die zwei Worte fielen nicht zu Boden. Sie blieben im Raum stehen, zwischen dem Rost des Bettgestells und dem blinden Fenster.
Der Schreiber.
Es war kein Begriff, der am Naschmarkt über die Kartoffelwaagen gerufen wurde. Niemand im Hinterzimmer des Sachers flüsterte diesen Namen über schlechtem Kaffee. Er war nicht Teil der gewöhnlichen Wiener Unterwelt, in der Schieber um Penicillin, amerikanische Zigaretten und Brennholz feilschten.
Aber der Name passte. Er legte sich wie eine maßgeschneiderte Schablone über die Erinnerung. Er konnte auf die kleine, pedantische Handschrift in der Schwarzen Notiz passen. Aktenzeichen 73/B-1938. Das war kein kleiner Beamter gewesen, der in vorauseilendem Gehorsam einen Akt mit einer falschen Notiz versehen hatte. Die stählerne Feder. Der präzise, tiefe Druck der dunklen Tinte. Die fehlerlose Grammatik der Vernichtung.
Wenn der Mann im Bett die Wahrheit sagte, war der Schreiber jemand, der sein Handwerk als Kunst verstand. Jemand, der Identitäten nicht einfach verwaltete, sondern sie steuerte. Jemand, der im Verborgenen Pässe für die Rattenlinie autorisieren und gleichzeitig Existenzen im Rathauskeller auslöschen konnte. Professionell. Kalt. Vernetzt.
Der Mann im Bett war nur ein Handlanger gewesen. Ein Schnitzer von Linoleumstempeln, ein Mischer von Asche und Tinte. Ein Rädchen, das ausgetauscht wurde, als es zu viel sah. Der Schreiber war die Instanz darüber. Jemand, der nicht nur Stempel benutzte, sondern Systeme dirigierte.
Lila griff nach der Klemmmappe am Fußende des eisernen Bettes. Sie zog den Bleistift aus der Tasche ihres Kittels. Das Graphit kratzte laut über das raue Papier, als sie den fiktiven Puls notierte. Eine schwarze, zackige Linie, die eine Vitalität behauptete, die in diesem Körper längst nicht mehr existierte.
Sie hängte die Mappe zurück an den Haken. Das Metall des Bettgestells war eiskalt unter ihren Fingern.
Der Mann atmete.
»Der Schreiber.« Die zwei geflüsterten Worte wogen schwerer als die gesamte Akte im Keller des Rathauses.
Dr. Kessler stand am Ende des Ganges im Zugluftbereich neben der eisernen Pforte. Sie rauchte nicht, aber sie hielt eine unangezündete, geknickte Zigarette zwischen den verfärbten Fingern, ein mechanischer Ersatz für die fehlende Pause. Das ferne, beständige Husten der Tuberkulose-Station echote durch das gekachelte Treppenhaus hinunter.
»Er stabilisiert sich«, sagte Kessler nüchtern. Ihr Blick wanderte nicht zu Lila, sondern blieb auf der rissigen Linoleumkante am Boden haften. »Das Fieber sinkt. Der Puls wird ruhiger.«
»Die Polizei wird nicht zurückkommen«, sagte Lila.
»Nein.« Kessler brach die unangezündete Zigarette in der Mitte durch und ließ die trockenen Tabakkrümel in eine blecherne Nierenschale fallen. »Manche Fälle haben keine Akte.«
Kein Bedauern. Keine Empörung über ein fehlerhaftes System. Nur eine klinische Diagnose der Stadt. Sie griff in die tiefe Tasche ihres vergrauten Kittels und schob Lila ein schweres, in braunes Packpapier geschlagenes Päckchen über die halbhohe Anmeldungstheke. Das leise, harte Rasseln von Tablettenröhrchen war durch das raue Papier zu hören, als Lila es entgegennahm.
»Drei Röhrchen Aspirin, Mull, weiße Wundsalbe«, sagte Kessler. Ihre Stimme war völlig flach. »Aspirin ist auf dem Schwarzmarkt zehn Schilling die Tablette. Nehmen Sie es als Wechselgeld.«
Lila nickte einmal knapp. Sie drehte sich um und drückte die schwere Schwingtür auf. Die Kälte des Vorhofs schlug ihr wie eine flache Hand entgegen.
Der Wind vom Alsergrund trug feinen, eisigen Nieselregen und den beißenden Geruch nach nassem Ruß. Lila blieb im toten Winkel der massiven Ziegelmauer stehen. Ihre nackten Hände griffen an den Hinterkopf. Sie zog die harten Metallnadeln aus dem Haar. Die gestärkte weiße Haube löste sich mit einem reißenden Geräusch von der Kopfhaut. Der Kittel folgte. Der steife, nach Karbol und Kernseife riechende Stoff wehrte sich gegen die Faltung, bevor sie ihn mit Gewalt tief in ihre Segeltuchtasche presste. Sie streifte die schweren Gummisohlen-Schuhe ab und stieg in ihre eigenen abgetragenen Lederschuhe.
Schwester Ilse verschwand in knapp dreißig Sekunden. Der eisige Regen traf auf Lilas ungeschützten Nacken.
Das Souterrain auf der Wieden lag stumm in der Dunkelheit. Der feine Kohlenstaub knirschte unter Lilas abgetragenen Lederschuhen. Der Geruch nach feuchten Ziegeln und abgestandenem Wasser kroch in die Lungen.
Am Emaillebecken drehte sie den verkalkten Wasserhahn auf. Das Wasser schoss rostbraun aus dem Rohr, bevor es klar und eiskalt wurde. Lila tauchte beide Hände ein und strich über ihr Gesicht. Es gab heute Abend keine dicke Schicht Theaterfettfarbe abzuwaschen. Kein fremdes Alter, das sie aus den Poren schrubben musste, keine falschen Falten um die Augen, keinen fremden Schatten auf den Wangen. Nur kaltes Wasser auf bloßer Haut.
Sie griff nach dem Handtuch am Haken. Der raue Leinenstoff rieb über ihre Wangen.
Als sie das Tuch senkte und in das zersprungene Glas des Spiegels sah, bemerkte sie, dass die Maske nicht von ihr abgefallen war. Der Körper gehorchte nicht dem alten Rhythmus. Nach Erna oder der Witwe Wendt sanken die Schultern nach vorn, froh, das Gewicht der Demut abwerfen zu dürfen. Aber jetzt blieb der Rücken gerade. Das Kinn senkte sich nicht. Die Knie waren durchgedrückt, die Wirbelsäule bildete eine straffe, eiserne Linie. Die dicken Gummisohlen fehlten, doch der Stand auf den kalten Dielen war so fest, als könnte niemand sie von diesem Punkt wegschieben.
Autorität klebte tiefer im Fleisch als jede Schminke. Macht war warm. Sie linderte die Kälte des Zimmers. Ein vollkommen lautloser, starrer Zustand im eigenen Körper.
Lila legte das Handtuch ab und trat an den Schminktisch. Die kleine Petroleumlampe warf einen scharfen, flackernden Lichtkegel auf das zerkratzte Holz. Die Sammlung lag geordnet in der Mitte. Relikte aus einer Zeit, die nicht mehr existierte, und Spuren einer Jagd, die gerade erst begann. Das blassgraue Programmheft von 1937. Der Pudertiegel. Die steife Eintrittskarte fürs Burgtheater mit ihrem durchgestrichenen Namen. Der goldfarbene Lippenstift mit den eingravierten Initialen K.S.
Lila öffnete die Segeltuchtasche und legte das braune Papierpäckchen mit dem Aspirin, dem Mull und der Wundsalbe aus dem AKH stumm daneben. Es passte in die Reihe.
Sie starrte auf das Stillleben im trüben Licht. Zwischen dem glänzenden Messing des Lippenstifts und dem rauen, braunen Packpapier war ein schmaler Fleck freies Holz. Ein leerer Raum, der nicht leer war.
Der Schreiber.
Es war kein physisches Objekt. Es warf keinen Schatten, es hatte kein Gewicht und roch nicht nach Schießpulver oder Tinte. Aber es lag auf dem Tisch. Zwei Worte, herausgepresst aus der Kehle eines Mannes, der aufhörte zu existieren. Eine Funktion. Ein Knotenpunkt in einem unsichtbaren Netz. Dinge ohne Körper konnte man nicht in Päckchen packen, aber man konnte nach ihnen suchen.
Sie hob die Hand und drehte den kleinen Messingknauf der Lampe. Der Docht zischte kurz, fraß das restliche Petroleum und hüllte den Tisch in vollständige Dunkelheit.
Auf Station Sieben des Allgemeinen Krankenhauses schlief ein Mann. Die berechnete Dosis Morphium hielt seinen flachen, nassen Atem in einem erzwungenen Takt. Seine Hände ruhten ruhig auf der kratzigen Wolldecke. Zehn glatt verätzte, rosa schimmernde Flächen ohne Wirbel, ohne Linien, ohne Geschichte. Er hatte Identitäten aus dem Nichts erschaffen, hatte sie in Tinte und Asche gewendet, bis seine eigene vom Säurebad bis auf das Fleisch gefressen wurde. Lebendig, aber aus den Registern gewaschen. Die Stadt hatte für diesen namenlosen Zustand kein Wort. Wien hatte für vieles kein Wort. Es baute lieber Opern, während draußen der Frost unbemerkt in die offenen, schwarzen Fugen der Fassaden kroch.