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070 – Fingerabdrücke
Eine Kuppe aus Haut, gepresst auf Papier. Schwarze Tinte, die in die feinen Rillen kriecht. Linien, Schleifen, Wirbel. Ein Fingerabdruck ist das einzige Geständnis, das ein Körper macht, ohne gefragt zu werden.
Wien 1947 ist eine Stadt der verlorenen Namen und der geliehenen Existenzen. Papiere verbrannten in den letzten Kriegstagen. Karteien wurden beschädigt, verlagert, unvollständig oder schwer auffindbar. Nun tragen Heimkehrer fremde Mäntel. Tote in den Trümmern haben keine Gesichter mehr, und Überlebende wechseln ihre Biografien so oft wie ihre abgetragenen Schuhe. Die Besatzungsmächte verwalten den Mangel mit Zetteln, aber ein Stempel auf einem Passierschein lässt sich fälschen. Eine Unterschrift auf einem Bezugsschein lässt sich üben. Das Gesicht ist ohnehin nur eine weiche Fassade, die man nach Bedarf in Trauer, Unschuld oder Erschöpfung falten kann.
Aber die Haut lügt schlechter.
Die Identifizierung durch Fingerabdrücke ist in diesen Jahren keine Wissenschaft der sterilen Labore und leuchtenden Bildschirme. Sie riecht nach Karbol, Stempelkissen und feuchtem Kellerpapier. Sie ist langsame, manuelle Handarbeit. Ein Abdruck auf einem Trinkglas, einem Messinggriff oder einem zerrissenen Frachtbrief wird zum stummen Zeugen. Feines, dunkles oder graues Pulver konnte mit einem Pinsel aufgetragen werden. Mit einer schweren Lupe beugt sich ein Kriminalbeamter über Karteikarten, sucht nach Übereinstimmungen, nach Endungen und Gabelungen der Papillarlinien. Wenn das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zerstört oder das Alibi wasserdicht formuliert ist, konnte das Muster auf der Fingerkuppe zum letzten physischen Anker der Wahrheit werden. Der Körper wird zur Akte.
Doch auch jenseits der Tinte verraten Hände alles, was offiziell verschwiegen wird. Sie sind Archive der Arbeit und des Elends. Kalkstaub unter den Nägeln vom Trümmerräumen. Ruß in den Handrillen vom illegalen Heizen. Verätzungen durch gepanschte Putzmittel und scharfe Schmierseife vom Schwarzmarkt. Harte Schwielen vom Schaufeln, ein tiefer Gelbstich vom billigen Machorka. Der ranzige Geruch von Theaterfettfarbe, der sich tagelang in den Poren hält. Wer beim Verhör behauptet, ein harmloser Schreibtischarbeiter zu sein, verrät sich womöglich an Händen, die nach Öl, Ziegelstaub und Eisen riechen.
In dieser Welt sind Hände niemals unschuldig. Darum trägt man Handschuhe. Nicht nur gegen die beißende Kälte des Hungerwinters, sondern als Schutz vor dem Verrat der eigenen Berührung. Handschuhe isolieren den Körper von der Stadt. Sie verhindern, dass man einen Teil von sich auf einem Aktenordner oder der Türklinke einer Dienststelle zurücklässt. Das Gesicht spielt seine Rolle für das Publikum. Die Hand aber greift zu. Sie hält die Waffe, sie bricht das Siegel, sie dreht den Schlüssel im fremden Schloss.
Wer seine Vergangenheit auslöschen will, muss mehr tun, als Dokumente zu verbrennen. Manchmal steht jemand nachts an einem eiskalten Waschbecken. Eine grobe Bürste, scharfe Kernseife, rohe Gewalt gegen das eigene Fleisch. Man schrubbt, bis die Haut reißt und das Wasser im Becken rostig wird. Aber die Linien bleiben.