>_ Dinge
040 – Seife
Es ist nur ein Rest, hart und rissig, schmaler als ein Daumen. Er liegt auf dem Rand einer angeschlagenen emaillierten Waschschüssel. Das Wasser darin ist eiskalt, weil jedes Stück Kohle für den kleinen Ofen abgewogen werden muss. Wenn man diesen harten Kern zwischen den nassen Händen reibt, schäumt er kaum. Er kratzt. Er hinterlässt eine stumpfe, raue Schicht auf der Haut. Aber dieser Rest entscheidet darüber, wer man ist, wenn man die Wohnungstür hinter sich schließt.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit war Seife keine Selbstverständlichkeit. Sie war ein rares Gut, oft mehr Ersatzstoff als Reinigungsmittel – hart, scharf, gestreckt, mit wenig Fett und kaum Schaum. Echte Seife, die pflegte und reinigte, hing an Rohstoffen, die in der zerschlagenen Stadt fehlten, und an Lieferketten, die nur stockend funktionierten. In einem Wien der kaputten Dächer, der überfüllten Notwohnungen und der beschädigten Kanalisation war Hygiene ein täglicher, zermürbender Kraftakt. Seife half gegen Infektionen, gegen Läuse, Krätze und entzündete Kratzer. In einer Stadt mit beschädigter Kanalisation war Hygiene kein Luxus, sondern Schutz. Sie war keine Kosmetik. Sie war ein medizinisches Schild.
Und sie war Währung. Ein Stück gute Kernseife war Tauschware auf dem Naschmarkt, begehrte Ware in Bahnhöfen und Lagern und ein gehüteter Schatz im Schrank. Man hob sie für das Wichtigste auf: Säuglingspflege, Spitalsalltag, den Gang zu einer Kommandantur, um einen Passierschein zu erbitten.
In dieser Stadt war Geruch keine Privatsache, sondern soziale Information. Mangel roch. Wer nach feuchtem Kellerdach, nach Kohlestaub, nach ungewaschener Wolle, nach Krankheit oder eiskaltem Schweiß roch, wurde sofort gelesen und eingeordnet. Ein Stück Seife bedeutete die Möglichkeit, diese Spuren zu verwischen. In vielen Wohnungen standen Menschen mit schrundigen, aufgeplatzten Fingern im kalten Wasser und versuchten, Flecken aus Stoffen zu bürsten, die längst mürbe waren. Wer nach Seife roch, wusch nicht nur seinen Körper. Er verteidigte seine gesellschaftliche Existenz und den Rest seiner Würde.
In Lilas Welt ist Sauberkeit oft nur eine verzweifelte Behauptung. Es ist die Welt der grauen Handtücher, die feucht über gespannten Wäscheseilen hängen. Es ist die Welt der Spitalskorridore, in denen scharfe Desinfektionsmittel den Geruch von Blut und Jodoform übertünchen sollen. Seife ist hier der tägliche Versuch, die Stadt draußen zu halten. Der feine Kalkstaub der Trümmer, der Ruß der defekten Öfen, der Schmutz der zerschlagenen Gassen – alles kriecht in die Poren.
Man wäscht sich vor dem Treffen mit einem Vorgesetzten. Man wäscht sich nach der Berührung durch einen Fremden. Man versucht, Aktenstaub und falsche Entscheidungen abzuschrubben, bis die Gelenke rot werden. Seife ist die Grenze zwischen der eigenen Ohnmacht und der nächsten Rolle, die man spielen muss.
Doch nicht alles, was an einem Menschen haftet, lässt sich mit Wasser und gestreckter Lauge lösen. Die Haut wird sauber, aber sie bleibt beschädigt.