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Eine Stadt. Viele Masken. Eine Wahrheit.
Die Straße ist die Bühne. Das Stück heißt Überleben.
AI-driven. Human-approved.
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>_ Folge 11 · Samstag, 27.06.2026

Der stille Zeuge

Ein toter Priester führt Lila Voss in die Schatten einer Kirche, wo Beichte, Flucht und Vergebung gefährlich nahe beieinanderliegen.

Die Hitze drückte den Kalkstaub in die Poren der Stadt. Wien schwitzte grauen Schlamm, aber im Schatten des Pfarrgartens hinter der Rochuskirche blieb die Luft starr und kühl.

Kinski hatte nur einen Namen und eine Uhrzeit auf den Tisch gelegt. Seinen Anteil hatte er bereits abkassiert.

Frau Lindtner saß auf einer steinernen Bank unter einer Kastanie. Sie trug einen schweren, schwarzen Mantel, obwohl das Thermometer achtundzwanzig Grad anzeigte. Alte Frauen in Wien trugen immer Schwarz. Es sparte das Waschen und nahm dem Tod die Überraschung. Ihre Hände ruhten auf einer abgegriffenen Ledertasche. Sie weinte nicht. Ihre Trauer war eine mechanische Störung: Ihre Finger zitterten unkontrolliert, ein Motor, der leerlief.

»Die Schmier rührt sich net«, sagte sie. Ihre Stimme war kratzig, wie trockener Tabak. »Ein alter Priester. Herzversagen, habens z’erst g’meint. Bis das Blut unterm Holz hervorkrochen is.«

Lila stand im Halbschatten und beobachtete die Hände der Frau.

»Für an alten Pfaffen macht sich keiner die Schuhsohlen dreckig«, fügte Lindtner hinzu. Ihre Knöchel traten weiß unter der dünnen Haut hervor. »Der Herr Pater hat z’viel g’wusst. Und in der letzten Zeit z’viel g’redt.«

»Fremde?«, fragte Lila.

»In der Nacht. Sind durch die Hintertür ins Pfarrhaus ‘kommen. Leise warn’s. Und nervös.« Lindtner öffnete den rostigen Bügelverschluss ihrer Tasche. Sie zog ein schmales Bündel Scheine heraus. Fünf- und Zehn-Schilling-Noten, weich gegriffen. Ein paar Münzen klirrten dumpf aneinander. Es war keine Summe für einen Mordauftrag. Es war der Rest eines Lebens. »Er war ein guter Mensch. Die guten Menschen sterben in Wien net an Altersschwäche.«

Lila nahm das Geld. Sie zählte es nicht.

Zwei Stunden später hing der Geruch nach Kampfer und alter Wolle im Souterrain auf der Wieden. Die Schminke, das Puder, der Lippenstift – all das blieb unberührt auf dem Tisch liegen. Für Schwester Agatha brauchte es keine Farbe. Es brauchte Auslöschung.

Das Kostüm war keine Kleidung, es war eine Architektur. Ein schwerer, bodenlanger Habit aus schwarzer Wolle, der jede weibliche Kontur fraß. Die Temperatur im feuchten Kellerraum schien zu steigen, als der Stoff über Lilas Schultern glitt. Dann kam das weiße Leinen. Der gestärkte Kragen legte sich um ihren Hals. Die Kante schnitt in die Haut und zwang das Kinn in eine unnachgiebige, gerade Position. Das Kopftuch, der Schleier.

Die Verwandlung war ein physischer Verlust. Der Schleier raubte das periphere Sehen. Das Gewicht der Wolle zog die Schultern nach unten. Lila betrachtete den fremden Körper im Spiegel. Bisherige Masken verlangten nach Autorität, nach Alter oder nach plumper Sichtbarkeit. Schwester Agatha verlangte Demut. Es war die radikalste und gefährlichste aller Tarnungen. Demut bedeutete, keine Kanten zu haben. Einen Raum nicht zu beherrschen, sondern in ihm zu verschwinden.

Lila korrigierte ihre Haltung. Sie ließ die Spannung aus dem Rücken weichen. Der Schwerpunkt verlagerte sich von den Fersen auf die Ballen – ein lautloser, wartender Gang. Der Blick senkte sich. Er durfte nicht taxieren. Er musste exakt anderthalb Meter vor den eigenen Schuhspitzen auf dem Boden ruhen. Ihre Hände verschwanden in den weiten Ärmeln, die verfärbten Fingerspitzen verborgen unter schwarzem Stoff. Ein hölzerner Rosenkranz wurde am Gürtel befestigt. Die Perlen schlugen mit einem trockenen, hohlen Klacken gegen das Bein. Wer den Habit trug, hatte keinen eigenen Namen mehr.

Die Kirche im dritten Bezirk war ein Bunker aus Stein. Die schweren Eichentüren fielen mit einem dumpfen Knall ins Schloss und zerschnitten den Lärm der Straße. Im Inneren herrschte ein akustisches Vakuum. Die Luft war feucht und roch nach kaltem Wachs, nassem Mauerwerk und beißendem Weihrauch.

Schmale Lichtstrahlen fielen durch die hohen Bleiglasfenster und legten schräge, milchige Säulen in den Staub des Kirchenschiffs. Jeder Schritt von Schwester Agatha erzeugte ein leises, schleifendes Echo auf den Steinplatten.

Ein tiefes Neigen des Kopfes vor dem Altar. Körpererinnerung der Inszenierung. Drei ältere Frauen saßen verstreut in den Holzbänken. Keine von ihnen hob den Kopf. Ein Habit war für sie kein Mensch, sondern ein Teil des kirchlichen Inventars. Unsichtbar durch Heiligkeit.

Der Beichtstuhl stand am Ende des linken Seitenschiffs. Dunkles, massives Nussbaumholz. Ein schwerer, violetter Samtvorhang schützte das Innere vor der Welt. Die Polizei hatte den Boden gewischt, aber zwischen den Fugen des Steins lag ein dunkler Schatten, den kein Wischlappen erreichte. Es gab kein Absperrband. Die Institution duldete keine weltlichen Barrieren. Der Ort der Vergebung war offiziell wieder geöffnet. Doch niemand näherte sich ihm. Die Gemeinde wusste, dass das Holz den letzten Atemzug ihres Paters aufgesaugt hatte.

Schwester Agatha glitt geräuschlos in die zweite Bankreihe. Das Knie berührte das harte Holz der Kniebank. Die schwarzen Falten des Habits legten sich schwer auf den Steinboden. Ihre Hände zogen den Rosenkranz hervor. Die raue Daumenkuppe rieb über die glatte Holzperle. Der Weihrauch kroch tief in die Lungen. Schwester Agatha atmete ein, den Kopf demütig gesenkt, der Blick fest auf den leeren Beichtstuhl gerichtet.

Die Sakristei war ein Raum der Funktionalität. Gott brauchte Vorbereitung. Schwester Agatha faltete Messgewänder an einem langen, zerkratzten Holztisch. Der schwere Brokat war steif vor Alter und roch nach kaltem Rauch und eingetrocknetem Schweiß. Sie strich die Falten glatt, ordnete Bienenwachskerzen der Größe nach und polierte die schweren Messingkelche mit einem grauen Lappen. Dienerarbeiten. Die beste Tarnung war immer die Arbeit, die niemand sonst machen wollte.

Durch den Spalt der schweren Eichentür beobachtete sie das Kirchenschiff. Die Gemeinde bestand an diesem späten Vormittag nur aus einem spärlichen Rest. Die Alten, die Verängstigten. Niemand sprach. Wer in dieser Stadt flüsterte, wurde verdächtigt. Man starrte stur auf den Hauptaltar und mied den Beichtstuhl im linken Seitenschiff. Die Blicke machten einen weiten Bogen um das dunkle Holz. Es war infiziert.

Die Tür zur Sakristei knarrte. Kaplan Höllriegl trat ein. Er war Ende zwanzig, aber der Krieg hatte sein Gesicht bereits ausgehöhlt. Die Haut über seinen Wangenknochen spannte sich wie nasses Pergament. Trotz der feuchten Kälte, die aus den Steinwänden kroch, glänzte ein feiner Schweißfilm auf seiner Oberlippe.

Er nickte der Schwester zu. Ein flüchtiger, unruhiger Blick, der an ihrem schwarzen Habit sofort abprallte. Er zog die weiße Albe über. Seine Hände zitterten. Das metallene Zingulum an seinem Gürtel klirrte gegen die Stuhllehne. Höllriegl bemerkte es nicht. Er ließ sich vor dem kleinen Holzkruzifix an der Wand auf die Knie fallen.

Er begann zu beten. Das Vaterunser. Er sprach die Worte aus. Zu deutlich. Zu laut. Das Echo warf das »Dein Wille geschehe« von den kahlen Wänden zurück in den Raum.

Schlechtes Handwerk. Wer betet, murmelt. Wer spielt, deklamiert.

Lila polierte den Kelch weiter. Das Metall war eiskalt gegen ihre Handfläche. Höllriegl glaubte nicht, er fürchtete sich. Die Angst war ein drittklassiger Regisseur. Sie ließ ihn überagieren. Er wollte dem unsichtbaren Publikum beweisen, dass er ein frommer Mann war. Ein Mann mit reinem Gewissen. In Wien hatte niemand ein reines Gewissen, am wenigsten die Männer in langen Gewändern. Er war kein Mörder. Mörder beteten nicht so laut. Mörder schliefen nachts. Höllriegl war ein Mitwisser, der unter dem Gewicht seines eigenen Schweigens zusammenbrach. Eine banale, alltägliche Schuld.

Die Glocken im Turm schlugen an. Höllriegl erhob sich hastig, wischte sich den Schweiß von der Stirn und verließ die Sakristei in Richtung Altarraum.

Sobald die Tür ins Schloss fiel, hörte Schwester Agatha auf zu existieren. Der Rücken wurde gerade. Der Blick hob sich vom Boden. Lila Voss legte den Putzlappen an die Stelle zurück, von der sie ihn genommen hatte, und ging durch den schmalen Verbindungsgang ins Pfarrbüro.

Der Raum roch nach altem Papier und Bohnerwachs. Ein vergittertes Fenster ließ trübes Licht aus dem Innenhof herein. Der Schreibtisch von Pater Matthias war aus dunkler Eiche. Ein aufgeräumter Ort. Zu aufgeräumt für einen Toten.

Lila zog die Schubladen auf. Nichts klemmte. Alles war katalogisiert. Taufregister, Sterbeurkunden, Rechnungen für Altarwein. Ein ledergebundener Kalender lag exakt mittig auf der Löschwiege. Lila blätterte zurück. Die Seiten der letzten zwei Monate waren zerkratzt. Termine waren durchgestrichen, mit so viel Druck, dass die Stahlfeder das raue Papier durchtrennt hatte. Daneben standen Initialen. Keine Namen.

14. Mai. 22:00. M.
28. Mai. 23:30. G.

Nachttermine. Man beichtete nicht um halb zwölf Uhr nachts, es sei denn, die Sünde duldete keinen Aufschub bis zum Morgen.

Im Papierkorb neben dem Tisch lagen Briefkuverts. Sie waren in grobe Stücke zerrissen und hastig mit glänzendem Klebestreifen wieder zusammengefügt worden. Jemand hatte versucht, Spuren zu vernichten, und es sich dann anders überlegt. Oder jemand anderes hatte den Müll des Paters durchsucht. Wien vernichtete Beweise immer nur halbherzig. Die Bürokratie klebte an allem, selbst an der Vertuschung. Lila besah sich die Poststempel auf den Fetzen. Innsbruck. Salzburg. Triest. Keine religiösen Zentren. Es waren Transitrouten. Die Nadelöhre nach Süden.

Hinter einem Regal mit alten Gebetbüchern befand sich eine schmale Tür. Unverschlossen. Wer ein Geheimnis im Pfarrhaus versteckte, baute auf den Respekt vor der Institution. Eine schlechte Versicherung.

Lila öffnete die Tür. Eine Treppe aus abgetretenem Sandstein führte hinab in den Keller.

Mit jedem Schritt nach unten wurde die Luft kälter und feuchter. Der Geruch nach Weihrauch verschwand völlig. Hier unten roch es nach nassem Kalk, Kohlenstaub und Schimmel. Eine nackte Glühbirne hing an einem schwarzen Kabel von der Decke. Lila zog an der Schnur. Gelbes Licht fraß sich in die Schatten.

Gegen die Wandfeuchtigkeit waren Holzpaletten aufgeschichtet worden. Darauf standen Koffer.

Keine billigen Pappkoffer für Flüchtlinge. Kein Vulkanfiber. Schweres, teures Rindsleder. Dokumentenkoffer.

Lila trat heran. Sie öffnete die Messingschnallen des ersten Koffers. Das Leder knarzte steif auf, die Scharniere waren frisch geölt. Keine Leichen. Keine Waffen. Papier.

Im ersten Koffer lagen Pässe. Stapelweise. Das Internationale Rote Kreuz. Die Republik Österreich. Graue und grüne Umschläge. Manche blanko, manche bereits ausgefüllt. Daneben kleine, gebündelte Stapel von Fotografien. Männergesichter in hartem Schwarz-Weiß. Keine Priester. Keine verängstigten Gemeindemitglieder. Es waren harte, knochengeformte Gesichter von Soldaten ohne Uniformen. Gesichter, die an den Checkpoints der Alliierten in den Fahndungsmappen steckten.

Lila öffnete den zweiten Koffer. Stempel. Schweres Messing mit Holzgriffen. Die Hoheitszeichen verschiedener Konsulate und Ämter. Ein Stempelkissen, dessen Tinte noch feucht und violett glänzte. Blanko-Formulare für Transitvisa. Ausreisegenehmigungen.

Das war das Vermächtnis des beliebten Pater Matthias. Keine geretteten Seelen. Eine Spedition für die Verlierer des Krieges. Ein bürokratischer Ablasshandel, gestempelt und abgeheftet im Keller eines Pfarrhauses.

Die Rattenlinie war kein Abenteuer. Sie war Verwaltung. Sie lag in Koffern und roch nach Leder und Klebstoff.

Lila schloss die Messingschnallen. Das Leder knarzte abermals, das Metall schnappte mit einem harten, satten Klicken ein. Sie ließ das gelbe Licht brennen, stieg die abgetretenen Sandsteinstufen hinauf und drückte die Tür zum Keller wieder ins Schloss.

In der Sakristei roch es noch nach dem Schweiß des Kaplans. Er kam wenige Minuten später durch die schwere Tür vom Altarraum zurück. Der Gottesdienst war beendet. Die wenigen Gläubigen hatten das Kirchenschiff verlassen. Höllriegl zog die weiße Albe über den Kopf. Der Stoff verhedderte sich am Kragen, er riss ungeduldig daran, bis die Naht leise knackte.

»Herr Kaplan«, sagte Schwester Agatha.

Höllriegl zuckte zusammen. Die Albe glitt aus seinen Fingern und fiel auf den Steinboden. Er drehte sich um. Schwester Agatha stand im toten Winkel des Raumes, die Hände in den weiten Ärmeln des schwarzen Habits verborgen, den Blick starr auf die Kante des Holztisches gesenkt. Ihre Stimme war ein tonloses, gleichmäßiges Fließen. Sie stellte keine Frage. Sie legte eine Tatsache in den Raum.

»Der Herr Pater hatte Besuch. Fremde Männer in der Nacht. Und jetzt ist er tot.«

Höllriegl stützte sich mit beiden Händen auf die Stuhllehne. Das Holz knackte leise unter seinem Gewicht. Er versuchte nicht, die Haltung eines Priesters einzunehmen. Er war zu erschöpft für Empörung, zu leer für eine Lüge. Die Haut unter seinen Augen wirkte fast durchscheinend.

»Er hat geglaubt, er rettet Seelen«, sagte Höllriegl in die absolute Stille der Sakristei. Sein Atem ging flach, als fehlte der Luft der Sauerstoff.

»Manche von denen hatten keine mehr.«

Höllriegl schloss die Augen. Er leugnete die Koffer nicht. Er fragte nicht, woher die Nonne es wusste. In Wien war Wissen keine Überraschung, nur eine Währung, die früher oder später gehandelt wurde.

»I hab’s g’sehen«, flüsterte er. Der Wiener Dialekt brach weich durch die glatte Priestersprache, ein Rest von ungeschützter Herkunft. »Die Pässe. Die Stempel. I hab g’wusst, wer da nachts durch die Tür kommt. Männer, die im Krieg keine Gnade g’kannt haben und jetzt in der Nacht darum betteln.«

»Und Sie haben zugesehen.«

»Was hätt’ i tun sollen?« Höllriegls Knöchel traten weiß auf dem Holz hervor. »Die Weisung kam von oben. Die Caritas, der Bischof, Rom. Wer Reue zeigt, dem wird g’holfen. Das war die Doktrin.« Er stieß ein trockenes, lautloses Lachen aus. »Pater Matthias hat an die Reue glaubt. Am Anfang. Aber dann hat er die G’sichter g’sehen. Er hat g’merkt, dass sie nur das Land verlassen wollen, net ihre Schuld.«

Schwester Agatha hob den Kopf nicht um einen Millimeter. Die Holzperlen des Rosenkranzes klackten leise aneinander, als sie das Gewicht auf das andere Bein verlagerte.

»Er hat g’sagt, es reicht«, sagte Höllriegl. Die Stimme brach ihm weg, ein raues Kratzen im Hals. Er starrte stur auf den kalten Steinboden. »Letzte Woche. Er wollte net mehr stempeln. Er hat g’sagt, er macht die Tür in der Nacht net mehr auf. Und dann war er tot.«

Er wusste den Namen des Mörders nicht. Er musste ihn nicht wissen. Die Maschinerie hatte eine Störung beseitigt. Die Institution schluckte ihre Sünden, faltete die Hände und schwieg. Das Netzwerk funktionierte ungehindert weiter. Ein alter Priester mit Gewissen war ein Sicherheitsrisiko. Ein toter Priester war ein nützlicher Märtyrer. Das System opferte seine eigenen Leute mit derselben beiläufigen Effizienz, mit der es die Pässe stempelte. Keine Moral. Nur Logistik.

Schwester Agatha ließ Höllriegl mit seinem Verrat allein. Sie wandte sich ab und glitt geräuschlos durch den Verbindungsgang zurück in das Pfarrbüro.

Der Raum war leer. Das trübe Licht im Hof hatte sich zu einem matten, undurchdringlichen Grau verdichtet. Auf einem niedrigen Rollwagen neben dem Schreibtisch lag das Gemeindeverzeichnis. Ein massiver Foliant, eingebunden in abgewetztes Schweinsleder, die Ecken mit oxidiertem Messing beschlagen. Die Chronik der Pfarre.

Lila klappte den schweren Deckel auf. Die Seiten rochen nach Kellermuff, Staub und getrocknetem Tierleim. Taufregister, Eheschließungen, Wohnortwechsel. Fein säuberlich in schwarzer, gestochener Tinte dokumentiert.

Das Jahr 1938 stand in großen, blockhaften Ziffern am oberen Rand der linken Seite.

Der Geruch des alten Papiers vermischte sich in Lilas Nase mit dem beißenden Weihrauch, der noch immer tief in den Fasern ihres Habits saß. Die feuchte Kälte des Raumes schien sich für den Bruchteil einer Sekunde zu verschärfen. Ein harter, metallischer Schnitt durch die Wahrnehmung.

März 1938. Die Kirche am Minoritenplatz. Kein Zufluchtsort, nur zentimeterdicke Mauern. Die Kälte des Holzes im Rücken. Auf der Straße das Grölen, das Zersplittern von Fensterglas, das Marschieren von Stiefeln, die keinen Takt, sondern ein Urteil auf den Asphalt schlugen. Lila saß in der letzten Reihe. Sie betete nicht. Sie atmete flach, um keinen Platz einzunehmen. Der Priester am Altar räumte hastig die goldenen Kelche weg, als fürchtete er nicht um seinen Gott, sondern um das Inventar. Die Kirche bot keinen Schutz. Sie verschaffte nur Zeit. Ein paar Stunden bürokratischen Aufschub, bevor die amtlichen Stempel fielen und der Name Lila Voss aus den Registern der Stadt gestrichen wurde.

Lila atmete aus. Die Luft im Pfarrbüro roch wieder nur nach Bohnerwachs und Staub. Der Riss schloss sich.

Sie blätterte weiter. Sie suchte keine Beweise für den Mord an Pater Matthias. Sie suchte Zeugen. Menschen, die vor dem Fall der Stempel existiert hatten. Menschen, die in den verstaubten Kulissen des Burgtheaters gestanden, die ihr nach der Vorstellung Kaffee eingeschenkt oder ihr die Wagentür aufgehalten hatten. Wer beweisen konnte, dass sie eine Verfolgte und keine Kollaborateurin war, besaß den Schlüssel zu ihrer Rückkehr.

Es gab Menschen, die sich erinnerten. Die Frage war, ob sie noch lebten.

Lilas Zeigefinger glitt über die Kolonnen. Spalte für Spalte. Geburtsdatum. Beruf. Letzte Meldeadresse. Die Tinte war an einigen Stellen bräunlich verblasst.

Dann blieb der Finger stehen. Ein Name.
Anton Vogl. Maschinist.

Sie kannte diesen Namen. Er hatte die schweren Hanfseile über der Bühne bedient. Er hatte ihr im Winter 1937 einmal eine brennende Zigarette aus der Hand geschlagen, weil die Feuerordnung des Theaters strenger war als der Respekt vor der Hauptdarstellerin. Vogl war in dieser Gemeinde registriert.

Lilas Augen fixierten die Adresse in der schmalen Nebenspalte. Erdbergstraße 42. Sie starrte auf die schwarzen Ziffern, bis der Kontrast auf der Netzhaut nachbrannte. Sie zog keinen Stift aus der Tasche. Wer in Wien Dinge auf Papier festhielt, lieferte den Strick für den eigenen Hals gleich mit. Das Archiv in ihrem Kopf wuchs. Ein Name. Ein Anfang.

Sie schlug den Folianten zu. Das Leder klatschte hart und trocken aufeinander. Ein Geräusch wie ein gefälltes Urteil.

Schwester Agatha verließ das Pfarrbüro. Sie durchquerte das leere, dämmrige Kirchenschiff. Der Beichtstuhl im Seitenschiff war in tiefe Schatten getaucht. Der violette Samtvorhang hing starr herab. Das flache Echo ihrer Sohlen wurde von den massiven Kreuzgewölben geschluckt.

An der schweren Eichentür blieb sie stehen. Das kupferne Weihwasserbecken war direkt in den grauen Stein eingelassen. Das Wasser darin war abgestanden und trüb.

Ohne innezuhalten, ohne einen bewussten Befehl ihres Verstandes abzuwarten, tauchte sie den Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand in das eiskalte Wasser. Die nassen Fingerspitzen berührten die Stirn, die Mitte der Brust, die linke Schulter, die rechte Schulter. Ein fließendes, makelloses Kreuzzeichen. Die Hand sank sofort zurück in die dunklen Falten des Habits. Lila stieß die Tür auf und trat hinaus in die gleißende Hitze der Straße. Das Wasser auf ihrer Stirn trocknete langsam im Fahrtwind eines vorbeiratternden Jeeps.

Frau Lindtner saß noch immer auf der steinernen Bank unter der Kastanie im Pfarrgarten. Die Sonne stand tief, die drückende Hitze des Nachmittags wich einer klammen Schwüle. Der schwarze Stoff ihres Mantels verschmolz mit den wachsenden Schatten der Steinmauer.

Schwester Agatha trat aus dem Hintereingang der Kirche. Der Kies knirschte nicht unter ihren flachen Sohlen. Sie glitt geräuschlos über den Weg und blieb vor der alten Frau stehen. Dann hob sich ihr Kinn. Die Demut verschwand aus der Nackenmuskulatur. Die Schultern strafften sich. Lila Voss blickte auf die Haushälterin hinab.

»Kriegsverbrecher«, sagte Lila. Keine Einleitung. Keine Schonung. »Pater Matthias hat Pässe und Visa gestempelt. Für Männer, die das Land schnell verlassen mussten. Eine Logistik für Mörder. Als er Skrupel bekam und aufhören wollte, hat ihn das Netzwerk zum Schweigen gebracht.«

Frau Lindtners Hände ruhten reglos auf der zerschlissenen Ledertasche. Das nervöse Zittern ihrer Finger war verschwunden. Die Diagnose lag auf dem Tisch, die Ungewissheit war tot.

Lila wartete auf den Aufschrei. Auf die fromme Empörung einer Frau, die zwei Jahrzehnte lang den Altarwein bestellt, den Boden der Sakristei gebohnert und die Bettwäsche des Priesters gekocht hatte.

Nichts davon kam.

Frau Lindtner starrte auf die rissigen Spitzen ihrer eigenen Schnürschuhe. Die Stille im Pfarrgarten war massiv und unbeweglich, unterbrochen nur vom Krächzen einer Krähe auf der Dachrinne des Kirchenschiffs.

»I hab’s g’ahnt«, sagte die alte Frau. Ihre Stimme war völlig flach. Kein Riss, kein Weinen. Nur eine trockene, bodenlose Resignation. »Die Koffer drunten im Keller. Die schweren Schritt’ in der Nacht. Das Flüstern im Vorzimmer. I hab’s g’ahnt.«

Sie hob den Kopf nicht.

»Und i hab nix g’sagt.«

Zwanzig Jahre Dienst für einen Priester. Das Wegschauen war eine körperliche Routine geworden, fester eingeübt als jedes Ave Maria. Sie hatte morgens den Schmutz der fremden Stiefel vom Linoleum gewischt und die Existenz dieser Stiefel ignoriert. Jetzt zahlte sie eine Fremde, um genau das laut ausgesprochen zu bekommen, was sie hinter der geschlossenen Küchentür längst gewusst hatte.

Lindtners Hände öffneten den rostigen Bügelverschluss der Tasche. Sie griff hinein, tastete, zog die Finger wieder leer heraus. Die Banknoten lagen bereits in Lilas Tasche. Lindtner griff tief in die Tasche ihres schweren Mantels. Eine Holzkugel kratzte hell an einer anderen. Sie holte einen Rosenkranz hervor. Die Perlen waren klein und schwarz, das Kruzifix am Ende bestand aus billigem Blech. Das Material war an den Rändern trüb angelaufen.

Sie hielt ihn Lila hin. Eine Bezahlung für den Boten der eigenen Feigheit.

Lilas Finger, halb verborgen im weiten Ärmel des Habits, nahmen den Rosenkranz entgegen. Das billige Blechkreuz speicherte noch die Körperwärme der alten Frau.

Lindtner senkte den Blick wieder auf ihre rissigen Schuhe. Lila drehte sich um und ging.

Zwei Stunden später stand sie vor dem trüben Spiegel im Souterrain auf der Wieden.

Der Habit war kein Kleidungsstück, er war ein Käfig. Lila löste den Haken des gestärkten Kragens. Die harte Kante des weißen Leinens hatte eine feine, rote Linie in die Haut ihres Halses geschnitten. Sie zog den Schleier vom Kopf. Das periphere Sehen kehrte schlagartig zurück, ein optischer Überfall der feuchten Wände an den Rändern des Kellers.

Dann fiel die bodenlange Wolle schwer auf die Holzdielen.

Es war das erdrückendste Kostüm, das sie bisher getragen hatte. Schwerer als jeder Krankenhauskittel, steifer als die raue Schürze einer Putzfrau, dicker als der feine Stoff der Baroness. Der Habit wog Tonnen, vollgesogen mit der Autorität und dem historischen Schweigen einer gewaltigen Institution.

Der Geruch von Weihrauch klebte hartnäckig an ihrer Haut. Er fraß sich in die Poren wie das Formalin aus dem Allgemeinen Krankenhaus, ein süßlicher, beißender Dunst, der Heiligkeit simulierte und Verfall kaschierte. Sie rieb sich mit einem rauen Handtuch über Gesicht und Arme. Die Haut rötete sich, aber das Aroma blieb.

Was vor dem Spiegel stand, war eine Frau in einem farblosen Unterkleid, die gerade in einer Kirche gespielt hatte, dass sie an Gott glaubte.

Lila trat an den Schminktisch.

Das Inventar ihres Überlebens lag in exakter, unangetasteter Ordnung auf dem Holz. Das Programmheft. Der Pudertiegel. Die Theaterkarte mit durchgestrichenem Namen. Der Lippenstift in der goldenen Hülse mit den Initialen K.S. Das braune Papier des Medikamenten-Pakets. Das bernsteinfarbene Braunglas des Penicillin-Fläschchens. Der penibel gefaltete Zettel mit der chemischen Tintenanalyse.

Sie legte den blechernen Rosenkranz nicht dazu. Sie ließ ihn in die tiefe Tasche ihres zivilen Mantels gleiten.

Auf dem Tisch fehlte nichts. Und doch hatte sich das Archiv erweitert. Kein Gegenstand, den man greifen konnte. Ein Name, gespeichert im Dunkeln ihres Verstandes. Anton Vogl. Maschinist. Erdbergstraße 42. Die Jagd nach den Zeugen ihrer eigenen Existenz war eröffnet.

Die Rochuskirche im dritten Bezirk stand massiv und stumm in der einbrechenden Sommernacht. Der Beichtstuhl im linken Seitenschiff war vom Küster mit Kernseife und einer harten Wurzelbürste gereinigt worden. Das dunkle Holz des Bodens trug keine Blutflecken mehr. Am kommenden Sonntag würden die schweren Eichentüren wieder aufschlagen. Die Gläubigen würden eintreten, sich in die schmalen Holzbänke knien und für die reine Seele ihres toten Paters beten. Sie wussten nicht, dass er in der Nacht Mördern die Tür geöffnet und sie mit offiziellen Stempeln reingewaschen hatte. Wien betet. Wien betet immer. Es hilft nie.

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