>_ Folge 09 · Samstag, 20.06.2026
Wiener Blutgruppe
Der Nebel über dem Wienfluss roch nach totem Holz und nassem Ruß. Magistralrat Endl roch nach Kampfer und Pfefferminz. Er saß auf der Bank im Stadtpark, den Rücken kerzengerade, die Hände auf dem Krückstock gefaltet. Sein grauer Mantel war fadenscheinig, aber penibel gebürstet. Ein Mann, der sein Leben lang Gewichte auf Milligrammwaagen tariert hatte. Jetzt stimmte die Balance nicht mehr.
»Sie strecken es«, sagte Endl. Er sah auf das braune Wasser des Flusses hinab.
Lila saß am anderen Ende der Bank. »Penicillin?«
»Alliierte Bestände. Offiziell geprüft. Wenn es bei mir in der Apotheke ankommt, fehlt die Hälfte vom Wirkstoff.«
»Wo?«
»In der Qualitätskontrolle. Pharmazeutisches Institut. Die nehmen die Stichproben für den Magistrat. Wenn dort einer abzweigt und die Ampullen mit Kochsalzlösung auffüllt, merkt das im Großlager niemand.«
Die Arithmetik war simpel. Der Schleichmarkt am Karlsplatz zahlte ein Vermögen für jeden Tropfen echten Wirkstoff.
»Warum nicht die Polizei?«, fragte Lila.
Endls Lächeln war nur ein Zucken im Mundwinkel. »Wenn ich Anzeige erstatte, sperren sie mir die Apotheke zu. Schwarzmarktware. Ich verlier die Lizenz.« Er rieb einen Daumen über den glatten Knauf seines Krückstocks. »A Kind is g’storben am Dienstag. Fünf Jahr. Lungenentzündung. Des Penicillin war Wasser mit Kreide.«
Kein Seufzen. Kein Händeringen. Nur der Fakt. Wien rechnete täglich in toten Kindern und gestempelten Papieren. Das Papier wog am Ende immer mehr.
»Ich hab Verantwortung«, sagte Endl in die feuchte Luft hinein. »Auch wenn’s niemand mehr buchstabieren kann. Finden S’ heraus, wer abzapft.«
Lila stand auf. Endl blieb sitzen.
Das Souterrain auf der Wieden war kalt. Fräulein Berger brauchte keine Wärme. Sie brauchte Präzision.
Das Ritual begann am Emaillebecken. Das eiskalte Wasser riss den Schlaf und den Staub der Straße aus den Poren. Das Handtuch rubbelte die Haut rot. Keine Fettschminke. Kein Puder. Das Gesicht blieb nackt, klinisch und streng.
Die Haare wurden mit Wasser befeuchtet und hart nach hinten gekämmt. Eng an den Schädel gepresst. Haarnadeln bohrten sich in die Kopfhaut, fixierten den Knoten im Nacken. Der leichte Schmerz war der Anker. Fräulein Berger war kein Mensch, der lächelte. Sie war eine Funktion.
Der Kittel lag auf dem Stuhl bereit. Weiß. Steif von Stärke und Chlor. Lila schlüpfte hinein. Der Stoff knisterte. Er fiel nicht, er stand. Eine weiße Rüstung, die jede weibliche Form tilgte.
Die Hände verlangten die meiste Aufmerksamkeit. Keine Küchenschuhe, keine aufgeweichten Fingerkuppen mehr. Lila zog gelbliche Gummihandschuhe aus der Tasche. Das Talkumpuder staubte beim Überstreifen in die Luft. Das Gummi schnappte hart gegen die Handgelenke. Sie schob eine runde Schutzbrille aus Bakelit auf die Stirn. Das kalte Material drückte gegen die Haut.
Auf dem Tisch lag das Fachbuch aus der städtischen Bücherei. Grundlagen der pharmazeutischen Analyse. Sie hatte in den Nächten davor gelesen. Titration. Reagenz. Zentrifuge. Vokabeln, hart und spröde wie Glas. Und ein Kapitel über historische Tinten, das sie dreimal gelesen hatte. Aber Theorie war wertlos, wenn der Körper nicht mitspielte.
Lila griff nach einem leeren Wasserglas auf dem Tisch. Nicht am Rand. Techniker griffen Glas am Boden. Sie schwenkte es aus dem Handgelenk, fließend, ohne auf die Flüssigkeit zu achten, die nicht darin war. Wer im Labor arbeitete, durfte keine Ehrfurcht vor Zerbrechlichem haben. Die Griffe mussten blind sitzen. Routiniert. Gelangweilt von der eigenen Effizienz.
Fräulein Berger trat vor den blinden Spiegel. Die Augen hinter den Brillengläsern waren tot. Das Labor konnte kommen.
Das Institut lag im Erdgeschoss eines Universitätsgebäudes. Draußen zermahlten Jeep-Reifen den Ziegelschutt zu rotem Staub. Drinnen herrschte eine andere Geometrie.
Fliesen. Linoleum. Rechte Winkel.
Der Kontrast schlug physisch zu. Nach Monaten in Kellern, zerbombten Zinshäusern und staubigen Hinterzimmern war das grelle Licht der Neonröhren an der Decke aggressiv. Es warf keine Schatten. Es gab keine dunklen Ecken, in denen sich der Schmutz verbergen ließ. Jeder Fleck war ein Feind.
Die Luft war scharf. Äther schnitt durch die Nebenhöhlen. Formalin legte sich bitter auf die Zunge und kroch in den Rachen. Es roch nach Desinfektion und Konservierung. Nach Dingen, die mit Chemie am Verrotten gehindert wurden.
Lila schob die schwere Schwingtür mit der Schulter auf.
Das Labor lag vor ihr. Reihen von gekachelten Arbeitstischen. Gasbrenner, deren Zündflammen leise fauchten. Batterie-Reihen von Glasröhrchen. Eine Messingwaage in einem staubsicheren Glaskasten. Zwei Frauen in weißen Kitteln standen an einem Abzug und notierten Zahlen auf Klemmbrettern. Das Klirren von Glas auf Glas war das einzige Geräusch.
Alles war sauber. Alles war geordnet. Alles war absolut still.
»Blutsenkung. Reihe vier.« Die ältere Laborantin schob ein Holzgestell mit Reagenzgläsern über die weißen Kacheln, ohne von ihrem Klemmbrett aufzusehen.
Lila nickte. Sie griff nach der Glaspipette. Ihr Daumen drückte den Gummiballon. Keine Hektik. Zentimeter für Zentimeter stieg die zentrifugierte Flüssigkeit im Röhrchen auf. Sie ließ sie an der Innenwand der Testgläser hinablaufen. Ruhig. Mechanisch. Ein Fehler, ein Zittern, und die Maske wäre gerissen.
Der Geruch nach Formalin brannte permanent in den Augenwinkeln. Die Neonröhre an der Decke summte in einem bösartigen, monotonen Ton. In der Ecke des Labors rotierte eine Zentrifuge, das harte Schlagen der Unwucht vibrierte durch die Linoleumfliesen und die dünnen Schuhsohlen bis in Lilas Schienbeine. Fräulein Berger zitterte nicht. Sie war ein Teil der Maschinen.
Die Schwingtür ging auf. Dr. Wiesinger trat ein.
Mitte vierzig. Randlose Brille. Das Haar exakt gescheitelt und mit etwas Pomade fixiert. Unter dem gestärkten weißen Kittel trug er ein makellos gebügeltes Hemd. Er roch nach Rasierseife und frischer Baumwolle. Im Wien von 1947 rochen nur Besatzungsoffiziere und Schwarzmarkt-Schieber nach frischer Baumwolle.
»Guten Morgen, meine Damen«, sagte er leise.
Kein Herumkommandieren. Kein Gebrüll. Wiesinger war ein zivilisierter Mann. Er trat an seinen Arbeitstisch. Vor ihm stand das Penicillin. Bernsteinfarbene Flüssigkeit in kleinen Flaschen. Alliiertes Gold.
Wiesinger zog sich Gummihandschuhe über. Das helle Schnalzen des Gummis klang wie ein Peitschenhieb in der sterilen Stille. Er nahm eine Pipette, zog eine Probe aus einer der Flaschen und träufelte sie auf einen gläsernen Objektträger. Er trat ans Mikroskop. Er drehte behutsam an den Messschrauben. Ein Mann der Wissenschaft bei der Arbeit.
Lila wusch Erlenmeyerkolben am Ausguss. Das Wasser war eisig. Die dicken Gummihandschuhe schützten nur vor der Nässe, nicht vor der Kälte, die langsam in die Fingerknöchel kroch. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie den Laborleiter.
Wiesinger blickte durchs Okular. Fünf Sekunden. Dann griff er zum Füllfederhalter und notierte etwas in das schwere, in Leder gebundene Protokollbuch. Er nahm das nächste Fläschchen. Fünf Sekunden. Notiz.
Lila drehte den Wasserhahn zu. Sie nahm ein trockenes Tuch, griff nach einem Glaskolben und trat an Wiesingers Tisch heran, um ihn ins Regal zu räumen. Ihr Blick streifte das aufgeschlagene Buch.
Blaue Tinte auf weißem Papier.
Charge 44-B. Wirkstoffgehalt: 100,0 %.
Probe 2: 100,0 %.
Probe 3: 100,0 %.
Probe 4: 100,0 %.
Schlechtes Handwerk.
Wer echte Proben nahm, hatte Ausreißer. Die Temperatur im Raum schwankte. Die Pipette zog einen winzigen Mikroliter Luft. Das Reagenz reagierte träge. Wahrheit war unruhig. Ein echtes Protokoll las sich 98,4. 101,2. 99,1. Wiesingers Kolonne war ein totes Strichband aus Nullen. Er maß nicht. Er lieferte eine geschriebene Vorstellung ab, und die Assistentinnen an den Abzügen waren sein blindes Publikum.
»Fräulein Berger.« Wiesinger sah nicht vom Okular auf. »Holen Sie die nächste Charge aus dem Kühlraum, bitte.«
»Ja, Herr Doktor.«
Der Kühlraum lag am Ende des Flurs. Die Stahltür war massiv, der Hebelgriff kalt und schwer. Lila stemmte ihr Körpergewicht dagegen. Die Tür schmatzte laut, als sich die festgefrorene Gummidichtung vom Rahmen löste.
Schlagartig fiel die Temperatur auf knapp über null. Die Luft roch nach Frost, Zink und altem Ozon. Lilas Atem kondensierte sofort zu weißen Fahnen. Das Neonlicht flackerte hier drinnen in einem unregelmäßigen Rhythmus.
Wandhohe Metallregale. Auf Augenhöhe standen die leeren Großgebinde. Zehn bauchige Literflaschen mit dem roten Kreuz der US-Armee. Magistralrat Endls Lieferung von gestern. Zehn Liter reiner Wirkstoff. Alle leer.
Darunter standen die vorbereiteten Tabletts für die Stationen des Allgemeinen Krankenhauses. Tausend kleine Glasampullen zu je zehn Milliliter. Zehn Liter fertiges Medikament. Auf den ersten Blick war die Arithmetik makellos. Eingang gleich Ausgang. Zehn Liter rein, zehn Liter raus. Kein Diebstahl.
Aber Lila sah den Gitterkorb in der Ecke.
Darin lagen leere Apothekenflaschen aus Braunglas. Das Etikett zeigte ein simples schwarzes Kreuz. Sterile Kochsalzlösung. Fünf Literflaschen. Alle leer. An den Glaswänden hingen noch winzige Wassertropfen.
Lilas Blick wanderte zurück zu den Tabletts.
Wenn Wiesinger fünf Liter Wasser verbraucht hatte, um Ampullen abzufüllen, dann müssten fünfzehn Liter Flüssigkeit auf dem Tisch stehen. Die zehn Liter Wirkstoff aus der Lieferung plus das Wasser. Es standen aber nur zehn Liter dort.
Fünf Liter fehlten.
Die Differenz war exakt. Es war kein plumper Raub. Jemand hatte fünf Liter des amerikanischen Goldes in eigene Gefäße abgezapft und den Verlust in den Klinik-Ampullen mit Salzwasser aufgefüllt. Das Volumen auf dem Tisch stimmte nur, weil der Inhalt eine Lüge war.
Es war ein lautloses, mathematisches Verbrechen. Wiesinger ließ genau so viel Penicillin in den Flaschen, dass es bei einer einfachen Infektion noch anschlug. Fünfzig Prozent reichten für den Durchschnitt. Er rechnete mit der Überlebenswahrscheinlichkeit der Masse, um sein eigenes Risiko zu minimieren.
Für eine doppelte Lungenentzündung bei einem fünfjährigen Kind reichte es nicht.
Lila wischte sich den Reif von den Handschuhen. Das Kondenswasser bildete graue Perlen auf dem Metall der Regale. Sie starrte auf die tausend kleinen Fläschchen im eisigen Licht. Die Zahlen stimmten nicht. Und draußen auf Dr. Wiesingers Schreibtisch bewies das Protokoll mit blauer Tinte, dass alles in bester Ordnung war.
Das Blatt Papier lag auf der sauberen Lederunterlage des Schreibtischs. Eine exakte Abschrift der Kühlraumbestände. Fünf Liter destilliertes Wasser, abgezogen von zehn Litern amerikanischem Wirkstoff. Daneben lagen die makellosen Nullen aus dem Laborprotokoll.
Magistralrat Endl stand in der Mitte des Büros. Er stützte beide Hände auf den Knauf seines Krückstocks. Dr. Wiesinger saß in seinem Sessel, die Fingerspitzen zu einem Dach geformt.
Lila stand im angrenzenden Vorraum und spülte Erlenmeyerkolben am Ausguss. Die Milchglastür zum Büro stand einen Spaltbreit offen. Das Wasser aus dem Hahn rann lautlos über das dicke Gummi ihrer Handschuhe.
»Woher haben Sie diese Zahlen?«, fragte Wiesinger. Seine Stimme war ruhig. Kein Zittern, keine plötzliche Höhe.
»Spielt keine Rolle«, sagte Endl.
»Sie haben jemanden in mein Labor eingeschleust.«
»Sie stehlen.«
Wiesinger lehnte sich zurück. Das Leder seines Sessels knarrte. »Sehen Sie sich die Lieferlisten des Magistrats an, Endl. Die Amerikaner knausern. Die Spitäler sind voll. Wir haben nicht genug für alle.« Er rückte seine randlose Brille zurecht. Ein Mann, der die Welt in Brüchen dachte. »Die volle Dosis ist Verschwendung. Fünfzig Prozent reichen für die meisten Infektionen völlig aus.«
Ein tiefes, kontrolliertes Einatmen.
»Es ist ein pragmatischer Akt. Niemand geht leer aus. Die Verteilung ist effizienter.«
Das Wasser im Ausguss strudelte grau in den Abfluss.
»Nicht für ein Kind«, sagte Endl. Die Worte fielen schwer und trocken in den Raum. »A fünfjähriges Kind in Favoriten. Lungenentzündung. Dafür reichen Ihre fünfzig Prozent nicht. Dafür reicht Ihr Pragmatismus nicht.«
Stille. Das tickende Geräusch der Wanduhr zerschnitt die Luft.
Wiesinger strich langsam über den makellosen Kragen seines Hemdes. »Das ist bedauerlich. Ein statistischer Ausreißer in der Kurve.«
Endl hob den Krückstock und stieß die eiserne Spitze einmal hart auf das Linoleum. Der Knall war ohrenbetäubend.
»Sie gehen«, sagte der Apotheker. Das Wienerische wich aus seiner Stimme, übrig blieb nur noch Kälte. »Freiwillig. Sofort.«
Wiesinger schwieg. Er sah auf die Papiere vor sich. Keine Reue. Nur die schnelle, geräuschlose Berechnung von Alternativen.
»Das städtische Krankenhaus in Lainz sucht einen Leiter für die Blutbank«, sagte Wiesinger schließlich. »Ich werde um eine Versetzung bitten. Aus gesundheitlichen Gründen. Noch heute Nachmittag.«
»Den Schlüssel lassen S’ am Tisch.«
Das war alles. Keine Polizei. Kein Magistrat. Keine Anzeige. Ein totes Kind in Favoriten wurde gegen eine Versetzung nach Lainz getauscht. Das System schützte sich selbst. Es riss keine Wunden auf, die zu groß für ein einfaches Pflaster waren. Wiesinger würde in Lainz weiterrechnen. Die verdünnten Ampullen blieben in Umlauf, bis die Charge aufgebraucht war.
Wien putzte seine Fliesen mit schmutzigem Wasser und nannte es sauber.
Die Uhr über der Tür des Labors zeigte Mitternacht. Das Institut war verlassen. Die Neonröhren an der Decke waren dunkel, nur die Messing-Schreibtischlampe neben der Waage warf einen harten Lichtkegel auf die Kacheln.
Lila schob die schwere Bakelitbrille von der Stirn auf die Nase. Keine Maskerade mehr. Nur noch Handwerk.
Sie stand allein im Licht. Der Geruch nach Äther und kaltem Zink hing in den Vorhängen. Sie zog den rechten Gummihandschuh aus. Das Talkumpuder rieselte leise auf den Tisch. Ihr Zeigefinger war nackt.
Unter dem Nagelrand saß ein feiner, schwarzer Strich.
Seit vier Wochen trug sie ihn dort. Seit dem Rathauskeller. Seit dem Aktenzeichen 73/B-1938. Sie hatte den Schmutz der Stadt von sich gewaschen, die Schminke aus den Poren geschrubbt, diesen winzigen Halbmond unter dem Fingernagel hatte sie absichtlich nie ausgekratzt. Er war eingetrocknet, verkrustet. Vergessen von der Bürokratie, aber nicht von ihr.
Sie griff in die Schublade des Labortisches und zog eine Präpariernadel heraus. Stahl, fein wie ein Haar.
Lila legte einen gläsernen Objektträger unter das Objektiv des Mikroskops. Sie hielt ihren Finger unter das Licht der Schreibtischlampe. Die Nadelspitze kratzte vorsichtig unter dem Keratin. Ein trockenes, winziges Schaben.
Ein schwarzes Körnchen fiel auf das Glas. Fast nichts. Ein Hauch von Schatten, kaum mit freiem Auge sichtbar.
Aus dem Gestell über dem Ausguss nahm sie eine Glaspipette und ein Fläschchen Reagenzlösung. Verdünnte Salzsäure. Ein einziger Tropfen fiel schwer auf den Objektträger.
Das Glas zischte nicht. Aber die Schwärze des Körnchens begann sofort auszubluten.
Lila schaltete die Lampe des Mikroskops ein. Sie beugte sich vor, schloss das linke Auge und presste das rechte gegen das eiskalte Metall des Okulars.
Die Vergrößerung riss die Welt auf.
Das schwarze Korn war nicht einfach schwarz. Im grellen Licht der Linse zerfiel die Struktur. Die Salzsäure löste die Bindung. Aus dem dunklen Kern krochen tiefblaue Schlieren, die an den Rändern sofort zu einem harten, rostbraunen Krustenrand oxidierten.
Kein Ruß. Kein Graphit. Kein billiges Pigment.
Eisenoxid. Gerbsäure.
Eisengallustinte.
Lila drehte an der Messschraube. Das Bild wurde schärfer. Die Zusammensetzung war spezifisch, fast aggressiv. Die intensiv blauen Ränder sprachen für einen hohen Anteil an Indigokarmin, die schnellen braunen Krusten für exzessives Eisensulfat.
Das war keine Schreibtinte. Keine Tinte aus einem Fässchen, das man im Schreibwarengeschäft am Graben kaufte, um Liebesbriefe oder Einkaufszettel zu verfassen.
Das Zeug auf dem Glas fraß sich tief in Papierfasern. Es reagierte mit der Luft, oxidierte zu einem unzerstörbaren Schwarz, das weder durch Wasser noch durch Zeit ausgewaschen werden konnte. Es war gemacht, um Jahrhunderte zu überdauern.
Dokumentenecht.
Notariatstinte. Nicht Rathaus. Kanzlei.
Lila richtete sich auf. Ihre Wirbelsäule knackte leise in der Stille des Labors.
Der Schreiber verfasste keine flüchtigen Notizen. Er schrieb Urkunden. Testamente. Verträge. Aktenvermerke, die Existenzen auslöschten. Er war ein Mann der Paragrafen, ein Mann, der mit Säure und Eisen das Schicksal der Stadt dokumentierte. Jemand aus einem juristischen Umfeld. Ein Notar. Ein Anwalt. Ein Richter.
Der Kreis schloss sich ein wenig enger.
Lila zog den rechten Gummihandschuh wieder über die nackte Hand. Das Material schnappte unangenehm gegen das Handgelenk. Nichts von ihr sollte im Labor bleiben. Kein Hautfett, kein Abdruck, keine Spur.
Lila griff nach einem Bleistift, der neben dem Laborjournal lag. Das Holz fühlte sich warm an nach dem kalten Glas der Pipetten. Auf einen leeren Zettel riss sie drei Worte.
Eisengallustinte. Spezialmischung. Kanzlei.
Sie legte den Bleistift zurück. Sie nahm den Zettel und faltete ihn in der Mitte. Eine scharfe, saubere Kante. Dann noch einmal. Ein kleines, weißes Quadrat.
Ihr eigener Mantel hing über dem Stuhl in der Ecke. Sie schob das gefaltete Quadrat in die tiefe, rechte Manteltasche.
Es war kein Talisman. Es war kein Relikt einer abgelegten Haut. Es war nur Tinte, aufgeschlüsselt in Eisen und Säure. Der erste forensische Beweis.
Der Nieselregen wusch die Pflastersteine in der engen Seitengasse hinter dem Spital blank. Magistralrat Endl wartete unter dem verrosteten Vordach einer geschlossenen Bäckerei. Er stand vollkommen still. Sein fadenscheiniger Mantel hing schwer von den Schultern, der nasse Wollstoff roch nach feuchtem Staub und Kampfer.
Als Lila aus dem Schatten der Hauswand trat, griff er in die Tasche. Er reichte ihr ein flaches Kuvert.
»Der vereinbarte Betrag«, sagte Endl. Seine Stimme war tonlos. Die Silben fielen wie Steine auf das nasse Pflaster.
Lila schob das Kuvert in ihren Mantel. Sie zählte nicht nach. Ein Mann, der sein Leben lang Gewichte tarierte, betrog nicht bei Papierscheinen.
Endl zog die Hand nicht zurück. Zwischen seinem Daumen und Zeigefinger steckte ein kleines, bauchiges Fläschchen aus Braunglas, verschlossen mit einem grauen Gummistopfen.
»Für den Fall«, sagte er.
Das Glas war eiskalt. Es war nicht viel größer als ein Fingerhut. Fünf Milliliter. Zehntausend Einheiten amerikanisches Gold. Echtes, ungestrecktes Penicillin. Auf dem Schwarzmarkt am Karlsplatz kaufte man für dieses kleine Stück Glas Überleben. Oder zumindest die Illusion davon. Endl bezahlte mit Heilung. Einer Heilung, die in seiner eigenen Apotheke an diesem Nachmittag nicht mehr stattgefunden hatte.
Lila ließ das Fläschchen in die Tasche ihres Mantels gleiten.
Endl nickte knapp. Er drehte sich um und ging. Das harte Klacken seines Krückstocks hallte durch die leere Gasse, rhythmisch und unerbittlich, bis es im fernen Rattern eines britischen Jeeps ertrank.
Das Souterrain auf der Wieden empfing sie mit der Kälte einer Gruft. Der Kalkstaub lag auf dem Rand des Emaillebeckens.
Fräulein Berger wurde demontiert.
Lila griff an den Kragen des weißen Laborkittels. Das gestärkte Leinen knisterte, als sie es über die Schultern zog. Der Stoff fiel schwer zu Boden und blieb wie ein leeres Zelt stehen. Die weiße Rüstung der Wissenschaft.
Die Gummihandschuhe waren das Schlimmste. Das Material hatte sich durch die Körperwärme und den Schweiß an die Haut gesaugt. Lila zog an den Fingerspitzen, das Gummi dehnte sich, widerstand und schnalzte schließlich hart ab. Das Talkumpuder klebte an ihren Händen, ein kreidiger Film, der die Poren verstopfte. Rote Rillen zogen sich über ihre Handgelenke, wo die Bündchen das Blut abgeschnürt hatten.
Die Haarnadeln fielen klirrend auf den Rand des Waschbeckens. Das eiskalte Wasser aus dem Hahn spülte den Straßenschmutz weg, aber es richtete nichts gegen das Labor aus.
Der Geruch blieb. Formalin brannte in den Nasenwurzeln. Es schmeckte bitter hinten auf der Zunge. Es war der Geruch der totalen Konservierung. Man rieb ihn nicht mit einem groben Handtuch ab. Man wartete, bis der Körper ihn von selbst ausschwitzte, Tropfen für Tropfen.
Lila trat vor den Schminktisch. Die Glühbirne flackerte einmal, bevor sie ihr hartes Licht über das zerkratzte Holz warf.
Die Sammlung wartete. Ein Friedhof der abgelegten Häute.
Das abgegriffene Programmheft. Der runde Glasbehälter mit dem Puder. Die Burgtheaterkarte mit dem dicken schwarzen Strich auf der Rückseite. Die schwere Hülse aus goldenem Metall des Lippenstifts K.S. Das in braunes Packpapier geschlagene Paket mit den Medikamenten aus dem Allgemeinen Krankenhaus.
Relikte. Erinnerungen an Tote, an Lügen, an Rollen, die gebrannt hatten.
Lila griff in ihren Mantel. Sie stellte das bernsteinfarbene Fläschchen Penicillin neben das graue Papier. Das Glas fing das schwache Licht der Glühbirne ein.
Dann zog sie den Zettel aus der Tasche.
Sie legte das weiße Quadrat auf das zerkratzte Holz. Zweimal gefaltet. Eine scharfe, saubere Kante. Das Papier lag zwischen der Theaterkarte und dem Lippenstift.
Eisengallustinte. Säure. Eisenoxid. Notariatstinte.
Das Papier trug keine Erinnerung in sich. Es roch nicht nach Schminke oder fremdem Schweiß. Es war kein Talisman, den man aus Sentimentalität behielt. Es war ein Bruch in der Geometrie des Tisches. Ein Befund. Ein forensischer Fakt. Die Sammlung war kein Archiv mehr. Die Zeit der Nostalgie war vorbei.
Lila starrte auf das Papier. Die Glühbirne summte.
Draußen kroch der Nebel aus den offenen Kanalschächten und legte sich feucht über die hohlen Zähne der Ruinenfassaden. Wien heilte sich selbst. Die Stadt war ihr eigener, sturer Patient. Sie behandelte ihre Infektionen mit verdünnter Medizin. Sie desinfizierte ihre Wunden mit geschwärzten Akten. Sie operierte mit halben Wahrheiten, schnitt hier ein Stück ab, schloss dort ein Auge, bis der Schmerz dumpf genug war, um ihn im Grundrauschen der Sirenen zu überhören. Die Diagnose stand in jedem kalkstaubigen Gesicht auf den Straßen. Jeder kannte sie. Die Behandlung wollte niemand.
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