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035 – Die Apotheke
Es roch nach altem Kalkstaub, scharfen Lösungsmitteln und vertrockneten Kräutern. Die Apotheke im Wien der Nachkriegszeit war kein Ladenbalken für schnelle Einkäufe. Sie war ein Tresor. In den dunklen, raumhohen Holzregalen reihten sich braune Glasflaschen mit verblassenden lateinischen Etiketten. Auf dem Holztresen ruhte die feine Messingwaage. Jedes Gramm, jeder Tropfen wurde abgemessen. Jeder Vorgang hier war leise, bedächtig und von administrativem Misstrauen geprägt.
Wien im Winter 1947 war ein kranker, beschädigter Körper. Die Spitäler waren voll, die Souterrainwohnungen klamm, die Schuhe feucht. Wer fieberte, wer hustete oder eitrige Wunden aus längst vergangenen Kriegstagen mit sich trug, landete unweigerlich vor dieser Theke. Die Apotheke bildete den schmalen Flaschenhals zwischen dem körperlichen Schmerz und der Linderung. Doch Heilung war keine Frage des medizinischen Bedarfs mehr. Sie war eine Frage der geduldeten Lieferwege, der Zonenübergänge und der Papiere.
Die Nachkriegsmedizin war reine Mangelverwaltung. Die Versorgung mit Arzneien hing an beschädigten Lieferwegen, knappen Importen, Besatzungszonen und dem, was überhaupt noch produziert oder verteilt werden konnte. Verbandsmull, einfache Schmerzmittel, Jod und Desinfektionsmittel konnten fehlen, verspätet eintreffen oder nur in kleinen Mengen abgegeben werden. Penicillin war für die gewöhnliche Bevölkerung noch kein selbstverständliches Medikament, Morphium lag unter Verschluss. Um überhaupt an etwas heranzukommen, brauchte es Rezepte, Dosierungsvorgaben, Unterschriften und manchmal Stempel. Betäubungsmittel, Gifte und starke Arzneien verschwanden nicht einfach aus der Lade. Ihre Abgabe musste vermerkt werden, in Vormerkbüchern, Listen oder Belegen, mit Datum, Menge und Namen. Diese bürokratische Routine des Zählens und Eintragens war der verzweifelte Versuch der Verwaltungen, die Ordnung über den Mangel zu stülpen.
Doch in dieser Zeit verwandelte sich jede Arznei in harte Währung. Eine Glasampulle, eine saubere Binde oder eine kleine Dose Wundsalbe konnte einen Tauschwert bekommen, der den offiziellen Preis weit hinter sich ließ. Die Apotheke war damit nicht nur ein Ort des Vertrauens, sondern der ständigen Versuchung. Wo noch verwertbare Vorräte lagerten, drohten Einbruch, Diebstahl und der heimliche Verkauf unter der Hand. Hinter der hölzernen Theke entschied ein Mensch im fleckig gewordenen weißen Kittel darüber, was ein fremder Körper bekam und was ihm verwehrt blieb. Wer vor der Theke stand, fragte längst nicht mehr, welches Mittel am besten half. Man fragte nur noch, was überhaupt noch da war.
In Lilas Welt ist die Apotheke kein Ort der milden Fürsorge. Sie ist ein kleiner, sauberer Kontrollraum im Trümmerfeld. Der kühle Geruch nach Karbol und Kampfer kriecht in die Mäntel und haftet an den Wänden. Es ist der Ort der winzigen Messingschlüssel an dünnen Ketten, die lautlos in versperrte Schränke für Opiate und starke Mittel gesteckt werden. Lila weiß, dass das Weiterleben selten von guten Worten abhängt. Es hängt an einer unleserlichen Unterschrift, einem gefälschten Stempel oder an jemandem, der bereit ist, für ein Medikament mehr zu fordern als bedrucktes Papier. Die Schalen auf der Waage wiegen nicht nur chemische Substanzen. Sie wiegen Verzweiflung gegen Bestand.
Der kleine Schlüssel dreht sich, und das braune Glas klirrt hart, wenn die Schublade zurück ins Schloss geschoben wird.