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Eine Stadt. Viele Masken. Eine Wahrheit.
Die Straße ist die Bühne. Das Stück heißt Überleben.
AI-driven. Human-approved.
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>_ Folge 20 · Sonntag, 26.07.2026

Der kalte Entzug

Zwischen Mahagonitresen, Giftbuch und Morphiumampullen entdeckt Lila Voss, dass Wien seinen Schmerz nicht heilt, sondern verwaltet.

Wien schleppte sich auf dem Zahnfleisch durch den Februar. Die Kälte kam nicht von oben. Sie stieg aus den Kellern, aus dem festgetretenen Kalkstaub der Gassen, aus den Ruinen, die wie verfaulte Zähne in den Himmel ragten. Auf dem Kohlmarkt schob sich der Wind durch die hohlen Fensterhöhlen, trug den Geruch nach nasser Asche und feuchtem Ziegelstein vor sich her. Ein britischer Militärjeep ratterte über das Pflaster, spritzte grauen Schneematsch gegen die Bordsteinkante und verschwand in Richtung Graben.

Die Tür der Apotheke »Zum Goldenen Greif« schloss sich mit einem satten, schweren Klicken. Sofort fiel die Stadt ab.

Kein Motorenlärm. Kein Hämmern. Kein Wind. Nur dunkles Mahagoni, massives Eichenholz und eine Stille, die fast physisch im Raum stand. Der Geruch war dicht und alt. Getrocknete Kamille, Kampfer, das scharfe Stechen von Äther und die süßliche, staubige Note von Lakritze und zerstoßenen Tabletten. Hier drinnen herrschte noch das neunzehnte Jahrhundert. Messingwaagen glänzten auf dem Tresen, poliert bis zur Spiegelung. An den holzgetäfelten Wänden reihten sich Hunderte kleine Schubladen bis unter die Decke, jede mit goldenen, verschnörkelten lateinischen Lettern beschriftet. Valeriana. Belladonna. Papaver somniferum. Weiße Porzellantiegel standen in militärischer Exaktheit auf den Glasregalen. Es war eine Festung gegen das Chaos draußen. Ein Ort, der eine Behauptung aufstellte: Ordnung. Vorhersehbarkeit. Heilung.

Lilas Lederschuhe hinterließen nasse Ränder auf dem Steinfliesenboden.

Hinter dem massiven Eichentresen stand Helene Kratochvíl. Mitte fünfzig. Das graue Haar war so straff zurückgekämmt, dass es wie ein Helm am Schädel anlag. Sie trug einen weißen Kittel, der so stark gestärkt war, dass er bei jeder Bewegung leise raschelte. Sie stand dort nicht einfach. Sie thronte. Der Tresen war eine Barriere zwischen der Welt der Kranken und der Welt derer, die Linderung verteilten.

Aber ihre Hände verrieten sie. Die Fingerknöchel, die sich um den Rand einer Kladde krampften, waren weiß.

Lila trat an den Tresen. Das Holz war glatt unter ihren verfärbten Fingerspitzen.

»Wir haben geschlossen«, sagte Kratochvíl. Die Stimme war trocken, kontrolliert. Ein Akademiker-Ton.

»Ich komme wegen des Morphiums.«

Die Apothekerin erstarrte. Sie sah zur Tür, dann zu den dunklen Schaufenstern, vor denen die hölzernen Rollläden bereits zur Hälfte herabgelassen waren. Ihr Griff um die Kladde löste sich.

»Kommen Sie nach hinten.«

Das Hinterzimmer roch schärfer. Nach Karbol und destilliertem Wasser. Auf einem Edelstahltisch standen leere Braunglasflaschen, daneben ein Kasten mit winzigen Gewichten für die Feinwaage. Kratochvíl lehnte sich nicht an. Sie behielt die kerzengerade Haltung, die der Kittel von ihr verlangte.

»Morphium«, sagte sie. Kein Vorgeplänkel. »Es verschwindet.«

Lila schwieg. Sie sah sich um. Der Raum war steril, aber nicht tot wie das gerichtsmedizinische Institut. Er war das Herzstück eines funktionierenden Organismus.

»Seit wann?«

»Sechs Wochen. Erst dachte ich an einen Buchungsfehler. Ein falsches Rezept, ein verrutschtes Komma im Giftbuch.« Kratochvíl blinzelte. Die Panik schob sich langsam durch das gestärkte Weiß. »Letzte Woche waren es fünfzehn Ampullen. Davor zehn.«

»Polizei?«

»Um Gottes willen.« Die Apothekerin presste die Lippen aufeinander. »Wenn das Kommissariat oder die Briten davon Wind kriegen, sperren sie mir den Laden zu. Schwarzhandel mit Betäubungsmitteln. Entzug der Konzession. Das ist mein Lebenswerk, verstehen Sie?«

Kein schlechtes Handwerk, nur nackte Panik. Lila registrierte das flache Atmen. Die Frau spielte nichts. Sie stand am Abgrund.

»Wann ist die Revision?«

»In zehn Tagen. Das Gesundheitsamt schickt Prüfer, unangekündigt, aber sie kommen immer im Februar. Wenn die Bestände im Tresor nicht mit dem Giftbuch übereinstimmen…« Sie brach ab.

»Wer hat Zugriff?«

»Untertags? Jeder.« Kratochvíl strich eine unsichtbare Falte aus dem Kittel. »Mein Provisor. Zwei Magistrae. Der Lehrling. Wir haben Stoßzeiten, da stehen die Leute bis auf die Straße. Da bleibt der Giftschrank oft unverschlossen. Es geht nicht anders.«

Lila sah zurück in den Verkaufsraum. Die spiegelnden Schubladen, der lange Tresen. Das war kein Fall für die Straße. Man konnte diesen Diebstahl nicht von außen lösen. Wer auch immer das Morphium abzweigte, tat es im laufenden Betrieb. Zwischen Rezeptannahme, Beratung und dem Herausgeben von braunen Papiertütchen. Es war ein geschlossenes System. Ein Theaterstück mit festem Ensemble. Wer den Fehler in der Choreographie finden wollte, musste mit auf die Bühne.

Kratochvíl griff in die tiefe Tasche ihres Kittels. Sie legte ein Kuvert auf den Edelstahltisch. Es war dick. Apotheker hatten immer Geld. Vor dem Krieg, während des Krieges, nach dem Krieg. Schmerz kannte keine Währungsreform.

»Für Ihre Spesen«, sagte Kratochvíl. »Und für ein Ergebnis vor der Revision. Keine Polizei. Ich brauche nur den Namen. Den Rest kläre ich intern.«

Lila nahm das Kuvert. Das Papier war schwer und teuer. Sie sah an der Apothekerin vorbei auf einen zweiten Kittel, der an einem Haken neben der Tür hing. Er war makellos weiß. Eine Rüstung aus Baumwolle.

Wer diesen Kittel trug, stellte keine Fragen. Er gab Antworten. Er verabreichte Heilung. Er nahm den Schmerz der anderen entgegen und ordnete ihn in ein Register ein. Eine Rolle mit absoluter Autorität.

»Ich brauche Papiere«, sagte Lila. Sie fixierte den leeren Kittel. »Ein Abschlusszeugnis. Eine Zulassung. Und einen Arbeitsvertrag für eine Aushilfskraft.«

Kratochvíl blinzelte irritiert. »Sie wollen… hier arbeiten?«

»Morgen früh um acht. Ich stehe an der Kasse.«

Kratochvíl nickte knapp. »Sie bekommen alles.« Sie erklärte ihr die Mechanik des Hauses: Giftbuch links unter der Theke, Rezepte nach Datum, Morphium nur gegen Unterschrift, der Tresorschlüssel am Kettchen unter dem Kittel. Magistra Veit musste keine Apothekerin sein. Sie musste wissen, wo die Zahlen nicht stimmten.

Wenige Minuten später trug Lila ein in braunes Papier eingeschlagenes Paket mit Papieren, Kittel und Dienstschuhen durch den dunklen Verkaufsraum zurück zur Tür. Die Straße schlug ihr ins Gesicht, hart und feucht. Der Schneematsch war bereits am Gefrieren. Lila zog den Kragen ihres Mantels hoch. In der rauen Wolle hing der Geruch nach Kamille und Äther. Ein Versprechen von Ordnung. Sie brauchte eine Brille. Etwas Randloses. Und eine Frisur, die keinen Zweifel zuließ.

Der Spiegel im Souterrain auf der Wieden war an den Rändern von blindem Schimmel zersägt. Das trübe Glas schluckte das Licht der nackten Glühbirne, es gab keine Reflexion, nur ein Echo.

Lila saß auf dem wackeligen Holzhocker. Die Auslöschung begann an der Kopfhaut.

Keine Perücke. Das eigene Haar, mit Wasser schwer gemacht, mit zäher Pomade durchtränkt und mit einem feinzinkigen Kamm so hart aus der Stirn gezogen, dass die Haut an den Schläfen spannte. Ein dumpfer, andauernder Schmerz. Er half. Er war der Anker. Drei eiserne Haarnadeln fixierten den Knoten im Nacken. Jedes Drehen des Kopfes erinnerte an den Zug.

Die Haut brauchte keine Leichner-Farbe. Nur Talkum. Weißes, staubiges Pulver, mit einem feuchten Schwamm in die Poren getrieben, bis jeder Glanz, jede Restwärme, jedes Echo von Straßenstaub erstickt war. Das Gesicht im Spiegel wurde flach. Eine matte Leinwand für akademische Autorität.

Dann die Brille. Randlos. Das kalte Metall der Bügel schob sich scharf hinter die Ohren. Das Glas besaß keine Dioptrien, aber es veränderte die Welt. Es rahmte sie ein. Es schnitt den Raum in Quadrate. Es schuf eine gläserne Barriere zwischen dem Auge und dem Beobachteten.

Zum Schluss der Kittel.

Er hing über der Lehne. Frisch gewaschen, knochentrocken, hart gestärkt. Lila schob die Arme in die Ärmel. Der Stoff raschelte nicht, er krachte leise. Eine Rüstung aus Baumwolle. Mit jedem der weißen Kunststoffknöpfe, der durch das enge, steife Knopfloch gepresst wurde, verschwand ein weiteres Stück von Lila Voss. Die Schultern verloren ihre geduckte, straßenbereite Vorsicht. Sie zogen sich zurück. Die Wirbelsäule straffte sich zu einer eisernen Stange. Das Kinn hob sich um zwei Millimeter an.

Der Geruch nach Karbol und Kernseife verdrängte den modrigen Kellergeruch des Souterrains.

Lila atmete ein. Magistra Veit atmete aus.

Diese Maske juckte nicht. Sie juckte nicht wie die grelle Fettfarbe der Mitzi Gruber im Prater. Sie roch nicht nach Bohnerwachs und klassenloser Unterwerfung wie die Kittel der Putzfrau Kolar. Diese Maske war rein. Sie war makellos. Sie verlieh Macht. Die Verwandlung war kein Abstieg in den Schmutz der Stadt, sie war eine Heiligsprechung. Es war gefährlich leicht, diesen Kittel zu tragen.

Am nächsten Vormittag stand Magistra Veit hinter dem dunklen Mahagonitresen der Apotheke »Zum Goldenen Greif«.

Der Rhythmus des Raumes war ein Metronom aus klirrendem Glas und knisterndem Papier. Das Ticken der schweren Wanduhr. Das Schaben der winzigen Messinggewichte auf der Feinwaage. Das gleitende Aufziehen der holzgetäfelten Schubladen. Magistra Veit sortierte braune Glasröhrchen ein. Die Hände bewegten sich ruhig. Präzise. Keine verschwendete Geste.

Zwischen dem Einsortieren von Zinksalbe und dem Abwiegen von getrockneter Baldrianwurzel lag das Giftbuch aufgeschlagen unter der Theke.

Ermittlung im Stillstand. Keine Fragen. Nur Listen.

Fünfundvierzig Ampullen Morphium laut Bestand. Dreißig im Tresor. Fünfzehn fehlten.

Magistra Veit blätterte durch den Stapel der eingelösten Rezepte der letzten vierzehn Tage. Die Ränder der Papiere waren weich und speckig vom vielen Anfassen. Sie verglich die Ausgänge im Giftbuch mit den Unterschriften auf den kleinen Zetteln.

Ein Arzt aus Hietzing. Ein Krankenhaus in der Alservorstadt. Wieder Hietzing.

Dann ein Stempel: Dr. med. H. Wernig, Praktischer Arzt.
Das Datum von vor drei Tagen. Fünf Ampullen Morphium.
Zwei Tage davor: Dr. med. H. Wernig. Vier Ampullen.

Magistra Veit hielt die beiden Rezepte nacheinander gegen das milchige Licht der Schaufenster.

Das Papier war identisch. Der Stempel war identisch. Ein echter Kautschukstempel, keine aus Gummi geschnitzte Fälschung. Die blaue Tinte war am oberen Rand des runden Rings minimal verschmiert. Immer an exakt derselben Stelle.

Aber die Tinte der Unterschrift.

Die Schrift war blass. Ein billiger Füllfederhalter. Das Datum war mit demselben Stift geschrieben, aber in einem völlig anderen Winkel. Die Buchstaben der Medikamentierung drängten sich nicht an die gedruckten Linien. Sie schwebten im Leerraum.

Niemand füllte ein Rezept so aus. Ein echter Arzt schrieb den Namen des Patienten, das Medikament und hämmerte dann den Stempel samt Unterschrift darunter. Ein einziger, fließender Vorgang am Schreibtisch.

Diese Rezepte waren gestempelt worden, als das Papier noch blanko war. Im Stapel. Schnell, mit hohem Druck. Die fette Tinte am Stempelrand war der Beweis. Erst viel später hatte jemand die Medikamentierung und das Datum eingetragen.

Wer auch immer diese Zettel in der Apotheke über den Mahagonitresen schob, hatte Zugang zu unbegrenzten Blankorezepten. Und zu einem echten Arztstempel.

Der Nachmittag kroch über das dunkle Holz. Der Staub tanzte zäh im schrägen Licht der Türfenster.

Die Messingglocke schepperte.

Ein Mann trat ein.

Er war nicht alt, vielleicht Mitte dreißig, aber der Krieg hatte sein Gesicht ausgehöhlt wie einen Holzlöffel. Unter den Wangenknochen lagen tiefe, aschgraue Schatten. Sein Mantel war aus schwerer, kratziger Wolle, die Ränder der Ärmel in lose Fransen aufgelöst. Er roch nach feuchtem Stoff, nach nassem Hundehaar und dem beißenden Rauch von Machorka-Tabak.

Er blieb einen halben Meter vor dem Tresen stehen.

Magistra Veit sah auf. Der Rahmen der randlosen Brille schnitt sein eingefallenes Gesicht in saubere Hälften.

»Was darf es sein?«, fragte sie. Die Stimme war kühl. Ein chirurgisches Instrument.

Der Mann kramte in der rechten Tasche seines Mantels. Seine Hand kam zum Vorschein. Sie zitterte. Es war kein witterungsbedingtes Frieren. Es war ein tiefes, unkontrollierbares rhythmisches Beben, das im Handgelenk begann und sich bis in die gelben Fingerspitzen fortsetzte. Das zerrissene Nervensystem eines Mannes, der Monate zu lange unter Artilleriefeuer gelegen hatte.

Er schob ein zerknittertes Rezept über die Politur.

Kein Morphium. Kein Codein. Aspirin. Fünfzig Gramm.

Magistra Veit nahm den Zettel. Sie drehte sich um, zog die entsprechende Schublade auf. Das Scharnier lief lautlos. Sie entnahm ein braunes Papiertütchen, faltete den oberen Rand zweimal millimetergenau um, strich die Falz mit dem Daumennagel glatt. Eine mechanische, absolut perfekte Bewegung.

Sie legte das Tütchen auf den Tresen.

»Zweimal täglich eine halbe Tablette in Wasser auflösen. Nach dem Essen. Nicht auf leeren Magen.«

Die Instruktion gehörte zur Rolle. Ein medizinisches Diktat.

Der Mann nickte stumm. Er legte ein paar zerknitterte, schmutzige Schilling-Scheine neben das Tütchen. Seine zitternden Finger brauchten drei Anläufe, um das dünne Papier des Tütchens zu greifen. Die Münzen für das Wechselgeld rutschten ihm fast über die Tresenkante auf den Steinboden. Er schämte sich. Das graue Gesicht zog sich zusammen, der Blick haftete am Holz.

»Danke«, sagte er heiser. »Danke, Frau Magistra.«

Der Riss war lautlos.

Lila sah auf die zitternden Finger. Sie sah auf den zerschlissenen, feuchten Ärmel, der das Holz berührte. Die Maske fiel nicht. Sie tat etwas Schlimmeres. Sie wuchs fest.

Es war nicht Magistra Veit, die reagierte. Veit war eine Hülle aus gestärkter Baumwolle.
Aber es war Lilas Hand, die sich über das Holz schob.
Eine unkalkulierte Bewegung. Ein Verrat an der Mechanik.
Lilas Finger legten sich auf den zitternden Handrücken des Mannes.

Nur für einen Sekundenbruchteil. Nur ein winziger, drängender Kontakt.

Die Haut des Mannes war eiskalt und rau.

»Lassen Sie sich Zeit«, sagte die Stimme.

Es war nicht der kühle, klinische Ton der Apothekerin. Keine akademische Distanz. Es war eine weiche, ungeschützte Resonanz. Ein Ton, der wusste, wie man in der Kälte verstreute Münzen aufsammelt. Ein Ton, der den Schützengraben verstand. Ein menschlicher Übergriff in einer sterilen Welt.

Der Mann hielt inne. Das Zittern unter Lilas Fingern stoppte für den Bruchteil eines Atemzugs. Er hob langsam den Kopf. Er sah sie an, wirklich an, durch das randlose Glas hindurch. Ein Funke von roher, nackter Dankbarkeit flackerte in den trüben Augen.

Dann zog er die Hand hastig zurück. Er schob das Tütchen tief in die Manteltasche, nickte noch einmal, schwerfälliger diesmal, und drehte sich um.

Die Glocke schepperte. Die Tür fiel ins Schloss.

Der Staub tanzte wieder ungestört im Licht.

Hinter dem Tresen war es vollkommen still. Das Ticken der Uhr schlug in das Mahagoni ein. Magistra Veit stand reglos. Die Wirbelsäule war kerzengerade. Der Kittel war weiß und unangetastet. Die Brille saß exakt und drückte auf den Nasenrücken.

Aber auf dem Tresen lag eine Hand.

Lila starrte auf ihre eigenen Finger. Sie zuckten nicht. Sie ruhten flach auf dem kalten Holz. Der Impuls war ungefiltert passiert. Der Trost war entglitten. Die Grenze zwischen der Rolle und dem Fleisch darunter existierte nicht mehr.

Die Hand war warm. Das war der Fehler.

Die Fingerknöchel pochten leise gegen die Politur.

Die Türglocke riss den Nachmittag entzwei.

Ein Mann trat über die Schwelle. Schwarzer Wollmantel, makellos gebürstet. Keine abgewetzten Ränder. Keine losen Fäden. In der rechten Hand hielt er eine Aktentasche aus genarbtem Rindsleder. Er brachte die Kälte der Straße mit in den Raum, aber keinen Schmutz.

Lila wusste, wer er war, bevor er den Mund aufmachte.

Dr. H. Wernig.

Er strich sich im Gehen eine unsichtbare Schneeflocke vom Revers. Sein Haar war mit Brillantine glatt nach hinten gelegt. Er roch nach teurer Rasierseife und frisch gefettetem Leder. Ein Fremdkörper im grauen Wien von 1948. Ein Mann ohne Mangel.

»Magistra Veit?«, fragte er. Akzentfreies Hochdeutsch. Die Stimme glattpoliert wie der Mahagonitresen. »Wernig. Ich habe einen Termin mit Frau Kratochvíl bezüglich der neuen Lieferkontingente.«

»Frau Kratochvíl ist beschäftigt.« Magistra Veit trat unter dem Türrahmen des Hinterzimmers hervor. Die Wirbelsäule rastete in die korrekte Haltung ein. Der Kittel raschelte steif. »Kommen Sie nach hinten. Ich übernehme das.«

Wernig zögerte keine Sekunde. Ein kurzes, höfliches Nicken. Er folgte ihr in das fensterlose Hinterzimmer. Der scharfe Geruch nach Karbolsäure und destilliertem Wasser schluckte das teure Rasierwasser.

Lila wartete, bis Wernig seine Aktentasche auf dem Edelstahltisch abstellte.

Sie legte die fünfzehn Blankorezepte nebeneinander auf das eiskalte Metall. Kein Wort. Nur Papier. Wernig sah darauf hinab. Lila suchte den Bruch. Ein Blinzeln. Einen beschleunigten Puls an der Halsschlagader. Eine unbewusste Gewichtsverlagerung.

Nichts. Seine Augen blieben ruhig. Kein Zucken um den Mund.

»Fünfzehn Ampullen«, sagte Magistra Veit. Der Ton war klinisch. »In sechs Wochen. Die Rezepte sind vorab gestempelt. Die Medikamentierung wurde nachträglich von einer anderen Hand eingetragen. Tinte und Winkel stimmen nicht überein.«

»Eine schlampige Angewohnheit von mir.« Wernig klickte die Messingschlösser seiner Aktentasche auf. Das Geräusch schnitt scharf durch die Stille. »Der Praxisalltag ist hektisch. Man bereitet Dinge vor.«

»Sie haben keinen Praxisalltag. Die Adresse in Hietzing ist ein zerbombtes Zinshaus. Es gibt dort keinen Arzt.« Sie schob ein weiteres Papier über den Edelstahl. »Und die Lieferscheine der Großhändler wurden manipuliert. Drei Kartons Morphium berechnet. Nur zwei im Giftbuch verzeichnet. Sie fangen die Kisten an der Hintertür ab, bevor der Provisor sie einräumt. Frau Kratochvíls Unterschrift ist eine Fälschung.«

Wernig zog einen makellosen weißen Umschlag aus seiner Tasche. Das Papier war schwer und teuer. Er legte ihn an die Tischkante.

»Eine eidesstattliche Erklärung der Großhandlung«, sagte er ruhig. »Ein bedauerlicher Logistikfehler. Drei Kartons wurden irrtümlich berechnet, aber nur zwei geliefert. Die Bestände Ihrer Apotheke stimmen. Die Revision nächste Woche wird nichts beanstanden. Frau Kratochvíl behält ihre Konzession.«

Lila betrachtete Wernig durch die randlosen Gläser.

Das war kein schlechtes Handwerk. Es war gar kein Handwerk. Wernig spielte keine Rolle. Er log nicht, um sich zu schützen. Er spulte ein Programm ab. Ein Beamter, der einen Akt schließt. Die Konfrontation langweilte ihn beinahe. Er hatte keine Angst vor der Polizei, keine Angst vor den britischen Militärpatrouillen. Er hatte das System längst auf seiner Seite. Ein Versicherungsvertreter, der einen Wasserschaden reguliert.

»Sie verkaufen das Morphium weiter.«

»Verkaufen.« Wernig schloss die Ledertasche. Ein erneutes, hartes Klicken. »Das ist ein vulgäres Wort, Frau Magistra. Wissen Sie, wer am Schottentor sitzt? Männer, die in Stalingrad ihre Knochen im Schnee gelassen haben. Die Republik gibt ihnen eine Holzprothese. Eine Invalidenrente, die nicht für ein halbes Brot reicht. Wenn der Stumpf im Winter fault, schickt das Gesundheitsamt sie nach Hause. Mit Aspirin.«

Er sah sie direkt an. Seine Augen waren wasserblau. Flach. Ohne Tiefe.

»Sie haben heute Nachmittag Kunden bedient. Sie kennen das Zittern der Hände. Ich nehme diesen Männern das Zittern. Ich sorge dafür, dass sie morgens aus dem Bett kommen, ohne vor Schmerzen zu brüllen.«

»Sie machen sie süchtig.«

»Sie sind längst süchtig.« Wernig strich mit dem Daumen über den Griff seiner Tasche. Der Nagel war perfekt manikürt. »Der Krieg hat sie süchtig gemacht. Das Artilleriefeuer. Der Frost. Ich liefere nur den Nachschub, den der Staat ihnen verweigert. Ich heile niemanden, Frau Magistra. Ich verwalte den Schmerz.«

Verwaltung. Immer Verwaltung.

Klara S. verwaltete Informationen. Wernig verwaltete Schmerz. Lila verwaltete Gesichter. Niemand besaß etwas. Alles war nur geborgt, gestohlen oder gefälscht.

»Sie verdienen hervorragend an dieser Verwaltung«, stellte Magistra Veit fest. Die Kälte im Hinterzimmer schien direkt von den weißen Fliesen abzustrahlen.

»Ich trage das Risiko. Risiko hat einen Preis.« Wernig nahm seinen Hut vom Tisch. Keine hastige Bewegung. Ein präzise choreografierter Abgang. »Geben Sie Frau Kratochvíl den Umschlag. Ihr Problem ist gelöst. Die Bücher stimmen. Das Morphium, das nächste Woche geliefert wird, gehört wieder exakt in der Menge der Apotheke, die auf dem Lieferschein steht.«

Er zog seine Handschuhe an. Dunkles, weiches Leder. Jede Naht saß perfekt.

»Wir werden unsere Kontingente in Zukunft woanders abziehen. Es gibt genug Apotheken in Wien.«

Keine Drohung. Eine rein geschäftliche Mitteilung. Der Strom aus braunen Glasampullen würde nicht abreißen. Er würde nur durch andere Kanäle in die Adern der Männer am Schottentor fließen. Die Holzprothesen würden weiter knarren. Die gelben Finger würden weiter Schillinge über andere Tresen schieben.

Magistra Veit stand reglos am Edelstahltisch. Sie griff nicht nach dem Umschlag. Sie hielt ihn nicht auf.

Es gab keine Beweise mehr. Keine manipulierten Listen, die einen Diebstahl belegten. Wernig hatte den Fehler im System radiert. Eine glatte Oberfläche. Ein geschlossener Akt.

»Guten Tag, Frau Magistra.«

Wernig drehte sich um. Er ging durch den dunklen Verkaufsraum. Seine Schritte waren weich und dumpf auf den Steinfliesen. Die Türglocke schepperte. Die schwere Eichentür schloss sich mit dem gewohnten, satten Klicken.

Lila trat aus dem Hinterzimmer an das milchige Schaufenster. Der schmale Spalt zwischen den herabgelassenen Holzrollläden gab den Blick auf das regennasse Pflaster frei.

Wernig ging die Straße hinunter. Der Kragen seines Mantels war exakt hochgeschlagen. Er eilte nicht. Er blickte sich nicht um. Er pfiff keine Melodie. Die Ledertasche schwang im Rhythmus seiner Schritte. Er ging wie ein Mann, der weiß, dass niemand ihn aufhalten wird.

Der Kittel lag über dem wackeligen Holzhocker. Eine leere Rüstung. Das dicke Kuvert mit den Schillingen steckte noch in der Manteltasche am Haken.

Lila stand vor dem blinden Spiegel.

Auf dem zerkratzten Schminktisch lagen die Konstanten. Das Programmheft von 1937. Der Pudertiegel aus Glas. Die Theaterkarte mit dem dicken Strich auf der Rückseite. Der Lippenstift K.S. Das braune Paket mit Schmerzmitteln. Das winzige Fläschchen mit dem Alliierten-Gold. Der gefaltete Zettel mit der Tintenanalyse.
Lila nahm die randlose Brille ab und legte sie kurz auf das freie Stück Holz. Das Metall klackte hart.

Sie sah in das trübe Glas.
Die Schultern waren gerade. Die Wirbelsäule bildete ein Lotrecht zum Boden. Das Kinn stand exakt zwei Millimeter zu hoch.

Lila griff nach dem Wasserhahn. Sie drehte ihn auf. Kaltes Wasser schoss in das fleckige Emaillebecken.
Sie nahm den massiven Block Kernseife. Sie rieb ihn zwischen den Handflächen, bis ein zäher Schaum entstand. Das Wasser war eisig. Es betäubte sofort die Fingergelenke. Sie presste die Hände in das Gesicht. Sie schrubbte. Das weiße Talkum löste sich aus den Poren. Es verwandelte sich in eine graue, schlierige Masse, die über die Handgelenke in den Abfluss rann. Sie zog die eisernen Haarnadeln aus dem Nacken. Die pomadendurchtränkten Strähnen fielen schwer und nass herab.
Sie wusch. Sie spülte. Das Wasser schlug laut auf.

Sie griff nach dem rauen Handtuch. Sie drückte den Stoff gegen Stirn und Wangen. Die Haut brannte. Sie war rot gerieben.

Lila ließ das Handtuch sinken. Sie sah wieder in den Spiegel.

Das Talkum war weg. Die Pomade verlor ihren strengen Halt.
Aber der Rücken war gerade.

Sie stand da. Die Wirbelsäule gab nicht nach. Die Schultern fielen nicht in die geduckte, vorsichtige Haltung der Straße zurück. Die Muskeln waren arretiert.

Lila hob die rechte Hand. Sie betrachtete ihre nassen Finger. Die Knöchel waren schmerzhaft gerötet vom eiskalten Wasser. Aber tief unter der Kernseife, in den feinen Linien der rauen Haut, saß der Geruch von trockener Kamille. Von Äther.
Es war die Hand, die den zitternden, aschgrauen Handrücken auf dem Mahagonitresen berührt hatte.
Die Hand, die warm gewesen war.
Die Bewegung war noch immer im Muskelgewebe gespeichert. Eine absolute, unkontrollierbare Restwärme. Ein Übergriff der Rolle auf das Fleisch darunter. Der feuchte Ärmel des Soldatenwollmantels brannte sich in das Gedächtnis der Fingerkuppen. Die Stimme im Hals war lautlos, aber sie war weich, fürsorglich, sicher. Sie wartete nur auf den nächsten Satz.

Lila versuchte, die Schultern fallen zu lassen. Sie versuchte, das Gewicht der Stadt wieder auf den Nacken zu laden. Den Gang der Unsichtbarkeit abzurufen.

Der Rücken blieb vollkommen gerade.

Das Gesicht im blinden Spiegel war eine Unschärfe. Die Konturen schwammen im feuchten Dämmerlicht. Die Augen, die zurückblickten, gehörten nicht Lila Voss. Sie gehörten nicht Magistra Veit. Sie gehörten etwas Neuem, etwas Dazwischenliegendem. Einer Maske, die sich von innen an die Knochen gesaugt hatte. Einem Gesicht, das Trost spendete und Heilung verabreichte. Einer Behauptung von Menschlichkeit, die so fehlerlos ausgeführt worden war, dass sie nicht mehr verschwand.

Das Wasser lief aus dem Hahn. Es spritzte gegen das rostige Abflusssieb.

Lila stand.
Sie starrte auf die fremde Geometrie im Glas. Der Nacken war starr. Der Atem ging in dem ruhigen, abgemessenen Rhythmus einer Frau, die am Abend das Giftbuch zuschlägt.
Der Raum roch nach Schimmel und nassem Kalk.
Die Finger rochen nach Kamille.

Das Gesicht im Spiegel formte sich nicht zurück.
Sie stand. Sie wusch sich nicht mehr. Sie drehte den Hahn nicht zu. Das eiskalte Wasser schoss weiter in den Abfluss, ein endloses, hohles Rauschen im engen Souterrain. Lilas Hand sank auf die Kante des Schminktisches. Exakt im rechten Winkel. Makellos. Gefangen im eigenen Körper.

Draußen drückte sich der Februar gegen die rußigen Fassaden. Wien war eine Stadt der Narkosen. Sie atmete nicht, sie pumpte sich voll. Das Morphium floss lautlos von den Laderampen in die zittrigen Adern der invaliden Bataillone am Schottentor. Die Kälte kroch in das Mark, aber der Schmerz wurde nur verwaltet. Jeder hing an einer Nadel. An schwarzen Marktscheinen, an falschen Pässen, an der Kühle von Marmortischen in überheizten Kaffeehäusern, an Masken, die davor schützten, das eigene verfaulende Fundament anzusehen. Die Stadt betäubte sich jeden Morgen neu. Das Pflaster riss auf. Der Frost sickerte durch die Ritzen. Niemand wollte nüchtern sein, wenn die Dämmerung fiel. Die Ruinen blieben stehen, hohle Zähne im grauen Himmel, betäubt bis auf den tiefsten Nerv. Es gab keine Heilung. Nur den nächsten stummen Schuss in die Dunkelheit.

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