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068 – Kartoffel und Ersatzkaffee
Erde an den Fingern, braunes Wasser in der Tasse. Das Jahr 1947 roch nicht nach Röstfeuer und Schmalz. Es roch nach nassem Jute, Kellerkalt und gerösteter Zichorie. Wer überleben wollte, hörte auf, in Rezepten zu denken. Man dachte in Kalorien, in Gewicht, in Tauschwert.
Die Kartoffel war kein Gemüse mehr. Sie war Mathematik. Ein Jutesack voll Knollen entschied darüber, wie oft der Ofen im Winter kalt bleiben durfte, ohne dass der Körper aufgab. Sie war schwer, sie war schmutzig, und sie war eine der härtesten Währungen der besetzten Stadt. Die Rationen auf den Lebensmittelkarten waren bedrucktes Papier und nützten wenig, wenn die Ausgabestellen leere Kisten zeigten. Die Kartoffel hingegen war Materie. Man trug sie in dünnen Stofftaschen durch die geteilte Stadt, man verhandelte um sie in dunklen Hauseingängen.
Der Frost war der Feind der Knolle. Eine angefrorene Kartoffel konnte süß werden, weich, wässrig, später faulig. Man aß sie trotzdem, wenn nichts anderes blieb. Besonders unerbittlich war die Logik der Saatkartoffel. Wer sie aß, überlebte den Februar, aber hungerte im Oktober. Wer sie behielt, musste wachen. Nichts wurde 1947 genauer gezählt als das, was noch unter der Erde lag.
Der Ersatzkaffee war das andere Ende dieser Ordnung. Er war die Behauptung von Normalität, wo keine mehr war. Gerste, Roggen, Feigen, Zichorienwurzel, manchmal Eicheln. Dunkel geröstet, heiß aufgegossen. Das Kaffeehaus funktionierte 1947 als kühle Kulisse. Die Spiegel waren trüb, das Holz zerkratzt. Der Kellner brachte keinen Mokka, er brachte ein Heißgetränk, das den Namen Kaffee nur als höfliche Lüge trug.
Die Brühe wärmte die Finger durch das Porzellan, aber sie hielt niemanden wach. Ersatzkaffee war ein Ritual, das sich weigerte zu sterben. Man saß in ungeheizten Räumen zusammen, hielt die angeschlagene Tasse mit beiden Händen und trank eine bittere Illusion. Der Geschmack erinnerte bei jedem Schluck daran, was fehlte. Die echte Bohne lag in alliierten Beständen, auf Schwarzmarkttischen oder dort, wo Zugang mehr zählte als Anspruch. Für den Rest blieb gefärbtes Wasser.
In Lilas Welt sind diese Dinge keine Requisiten der Armut. Sie sind die Physis der Nachkriegsordnung. Eine Knolle, die aus einem aufgeplatzten Sack auf das nasse Pflaster rollt, ist kein Zufall, sondern Beute. Wer sie aufhebt, zeigt, wie viel Scham der Hunger bereits gefressen hat. Der Ersatzkaffee, den man in Kanzleien und Wartezimmern anbietet, schmeckt nach dem kollektiven Betrug einer ganzen Stadt. Man tut so, als gäbe es Akten, als gäbe es Recht, als gäbe es Kaffee. Alles ist Ersatz. Alles ist Mangel, der sich eine saubere Form gibt.
Wien aß den Schmutz der Äcker und trank verbranntes Korn. Es hielt den Körper aufrecht, gerade lange genug für den nächsten Tag.