>_ Folge 06 · Sonntag, 07.06.2026
Die Kartoffelkurve
Blut auf Jute sickert langsam. Im eisigen Märzwind trocknet es schorfig ein, bevor es den Boden berührt. Der Mann von Benedeks Partie lag auf dem nassen Kopfsteinpflaster, die Nase zu einem teigigen, violetten Winkel in seinem Gesicht verschoben. Zwei Erdäpfel waren aus dem aufgeplatzten Sack gerollt.
Niemand half dem Mann auf. Ein Passant im zerschlissenen Lodenmantel bückte sich, griff nach den beiden Knollen und verschwand in der Menge.
Polizei kam keine. Ein Streit unter Standlern am Naschmarkt war im Frühjahr 1947 kein Verbrechen. Es war lokales Brauchtum. Nichts, wofür man Papier verschwendete.
Anni Benedek stand drei Schritte entfernt. Sie trug eine abgetragene Männerjoppe und schaute auf den Verletzten hinab. Ihr Gesicht war eine harte, humorlose Fläche.
Eine Stunde später traf Lila sie in einem zugigen Durchgang an der Linken Wienzeile. Kinski hatte eine Nachricht im Souterrain hinterlassen. Ein Name, ein Treffpunkt. Mehr brauchte es nicht.
Lila trug den grauen Mantel. Sie war niemand. Noch nicht.
Anni Benedek musterte sie. Kein Händedruck. Keine Vorstellung. Sie roch nach ranzigem Frittierfett und nassem Hund.
»Der Kinski sagt, Sie richten Sachen.«
»Wenn der Preis stimmt.«
»Zweihundert Kilo Saatkartoffeln«, sagte Anni. »Liegen im Lagerhaus zwischen uns und dem Prohaska. Der Vater kontrolliert die eine Hälfte vom Markt, der Prohaska will die andere. Jetzt hat der junge Hund seine Leit aufgestellt. Wir unsere.«
Ein nasser Husten hallte durch den Durchgang.
»Der Vater schlagt si nimmer«, fuhr Anni fort. »Der hat das Alter nicht mehr für offene Wunden. Des muas anders gehn.«
»Sie wollen keinen Toten.«
»Ich will die Erdäpfel. Wer die hat, hat den Winter. Wenn der Prohaska flennt, is mir des wurscht. Aber kane Polizisten. Kane Russen.«
»Meine Bezahlung?«
»Zehn Kilo von der Ladung.«
Das war ein Vermögen. Für zehn Kilo Saatkartoffeln bekam man auf dem Schleichmarkt einen halben Wintermantel oder drei Penicillin-Ampullen. Man konnte Geldscheine nicht essen. Lila nickte.
Das Souterrain auf der Wieden roch nach nassem Kalkstaub. Lila stand vor dem Spiegel mit dem blinden Fleck. Die nackte Glühbirne summte ein leises, elektrisches Lied.
Das Ritual begann. Zuerst die Auslöschung.
Die aufrechte Haltung des Burgtheaters kollabierte. Die Schultern sanken, das Becken schob sich nach vorn. Lila band sich zwei alte Handtücher um die Hüften. Darüber kam ein dicker, kratziger Wollrock. Das Gewicht zog sie nach unten, verankerte sie im Boden. Der Stoff roch stechend nach Mottenpulver. Eine ausgeblichene Schürze. Ein graues Kopftuch, tief in die Stirn gezogen, verbarg die Haare.
Dann die Schminke. Lila griff in die kleine Blechdose mit der roten Theaterfettfarbe. Der Geruch nach altem Talg und Bienenwachs füllte den Raum. Sie rieb die Farbe brutal auf ihre Wangen, bis die Haut darunter glühte. Keine feine Blässe. Keine Melancholie. Das hier war das Gesicht einer Frau, der seit dreißig Jahren der Ostwind um die Ohren schlug.
Die Infiltration. Sie suchte die Stimme. Nicht leise. Nicht präzise.
Ein Räuspern. Sie drückte den Kehlkopf nach unten, ließ die Vokale in die Breite fließen, bis sie flach und hart klangen.
Gerti.
Die Verwandlung war immer ein Schnitt ins eigene Fleisch gewesen. Jede Maske forderte ihren Tribut, hinterließ einen leeren Raum im Kopf.
Aber Gerti war anders. Gerti machte Platz. Gerti nahm Raum ein. Lila stellte sich breitbeinig vor den Spiegel. Sie stützte die Fäuste in die gepolsterten Hüften. Sie legte den Kopf schief und verzog den Mund zu einem verächtlichen, breiten Strich.
Ein Lachen entwich ihrer Kehle. Laut, kratzig, fremd.
Gerti verlangte keine Zurückhaltung. Die Vulgarität war ein dicker Panzer, die Lautstärke eine Waffe. Es war die erste Maske, die sich nicht wie ein Diebstahl an der eigenen Person anfühlte. Das war eine gefährliche Diagnose. Eine Rolle, die nicht kratzte, war wie ein zu gut sitzender Schuh. Man vergaß, dass man ihn ausziehen musste.
Der Naschmarkt roch am späten Nachmittag nach fauligem Kraut, feuchter Asche und Papirosti-Tabak. Lila kannte das Terrain. Als falsche Resi war sie hier Wochen zuvor durch eine Razzia gehetzt. Aber jene Resi war eine graue Maus gewesen.
Gerti war ein gepanzerter Wagen.
Sie stapfte über das nasse Kopfsteinpflaster. Die Holzsohlen ihrer Küchenschuhe klackten hart und rhythmisch. Vor dem provisorischen Büro der Marktleitung lungerten drei Männer in abgewetzten Lederjacken. Prohaskas Leute. Die Pomade in ihren Haaren glänzte im fahlen Licht.
Gerti bremste nicht ab. Sie rammte dem Größten im Vorbeigehen den spitzen Ellbogen gezielt in die Rippen.
»Heast, pass auf, du Trampel!«, blaffte der Mann und rieb sich die Seite.
Gerti drehte sich langsam um. Sie baute sich auf. Die gepolsterten Hüften breit, die roten Wangen leuchtend, die Hände in die Flanken gestemmt.
»Wem sagst du Trampel, du halbe Portion?«, brüllte sie. Ihr Tonfall zerschnitt das Gemurmel des Marktes wie eine rostige Klinge. »Na servas. Wo is da Marktleiter? I brauch an Stand!«
Der Pomadige blinzelte. Für einen Moment zuckte seine Hand in Richtung der Jackentasche, doch er ließ sie sinken. Wer so laut war, hatte keine versteckten Absichten. Wer so schrie, forderte keinen Respekt, sondern Platz. Er murmelte einen Fluch und trat zur Seite.
Gerti schob sich an ihm vorbei. Die Holzsohlen knallten wie Pistolenschüsse auf den Asphalt.
Der Naschmarkt war kein bloßer Umschlagplatz. Er war ein feuchtes, atmendes Organ. Es roch nach verfaultem Frostkraut, nassem Holz, beißendem Kerosin aus den provisorischen Wärmelampen und nach Pferdemist. Die Luft schmeckte nach nassem Ruß.
Männer sah man wenige. Die, die nicht in Russland in der Erde lagen oder in den Gefangenenlagern froren, saßen stumm hinter den Kisten. Das Rückgrat des Marktes war weiblich. Witwen, Trümmerfrauen, Bäuerinnen. Gesichter wie altes Wurzelholz, Hände, die in der Kälte blau angelaufen waren. Wien überlebte, weil diese Frauen nicht aufhörten zu handeln.
Gerti war in ihrem Element. Sie steuerte auf einen Karren mit erdigen Rüben zu, packte eine an der Wurzel und hielt sie der Verkäuferin unter die Nase.
»Zwei Schilling für den schrumpeligen Fetzen?«, krakeelte sie über den Mittelgang. »Wüst mi ausrauben, Mutterl? Da kann i glei in an Pflasterstein beißen!«
Sie lachte, warf die Rübe zurück und schlug einem vorbeigehenden Kohlehändler derb auf die Schulter. »Geh, Schani, moch a bisserl Platz da!«
Unter dem Lärm filterte Lila die Geografie der Macht. Die Trennlinie war unsichtbar, aber in Beton gegossen. Im Westen lag Benedeks Territorium. Solide Holzstände, geordnete Kisten, alte Männer mit dicken Schnurrbärten und Lederschürzen. Hier roch es nach Gewohnheit.
Im Osten begann Prohaskas Reich. Verschlagene Buden aus Wellblech und Ziegelresten. Nervöse Energie. Mehr Lederjacken als Schürzen. Prohaska selbst lehnte weit hinten an einer Laterne. Ein schmaler Mann Anfang zwanzig, der ständig auf einem Streichholz kaute. Die Pomade fror ihm auf dem Kopf. Ein banaler König für eine banale Zeit.
Dazwischen lag das Niemandsland. Ein flaches Lagerhaus aus rotem Backstein, das Tor mit einer massiven Eisenkette gesichert.
Zwei Männer lehnten links vom Tor. Schiebermützen, verschränkte Arme. Benedeks Leute.
Zwei Männer standen rechts. Lederjacken, rauchend, unruhig. Prohaskas Leute.
Patt. Niemand griff an. Niemand ging weg.
Gerti blieb an einem kleinen Stand stehen. Eine alte Frau mit einem grauen Wolltuch um die Schultern sortierte maschinell Zwiebeln. Frau Ziegler. Ihr Gesicht war eine Landkarte aus Falten und Schmutz.
Lila tat, als würde sie die Zwiebeln prüfen, doch ihr Blick hing am Lagerhaus. Sie analysierte die Körperhaltung der Bewacher. Das Gewicht auf dem falschen Bein. Die zitternden Hände.
Frau Ziegler schob eine Zwiebel in Lilas Hand. Ihre Stimme war nicht lauter als das Rascheln der trockenen Schalen.
»Schau net so blöd umme, Dirndl.«
Gerti stemmte sofort die Hände in die Hüften. »Wem sagst du blöd? I schau, wohin i will!«
Frau Ziegler hob nicht einmal den Kopf. Sie sortierte weiter. »Wer laut is, den siacht ma. Wer starrt, den siacht ma erst recht. Die Prohaska-Buam san auf Krawall bürstet. Wennst eana zuschauen wüst, moch di net so groß.«
Lilas lautes Getue brach für den Bruchteil einer Sekunde ab. Sie griff fester um die Zwiebel.
»Wie dann?«, fragte sie. Leiser.
»Wer geht, fällt auf«, sagte die Alte und wischte mit einem dreckigen Lappen über die Holztheke. Eine monotone, hypnotische Bewegung. »Wennst was sehn wüst, ohne dass di wer siacht – werd stumm. Mach di rund. Wennst ausschaust wie a Sackerl Erdäpfel, suacht di kaner.«
Vor Lilas Augen schmolz Frau Ziegler in den Stand hinein. Die Schultern sanken noch ein Stück tiefer. Der Lappen wischte. Der Blick wurde leer. Sie war kein Mensch mehr. Sie war Inventar. Niemand würde sie ansprechen. Niemand würde sich an sie erinnern.
Perfekte Schauspieler spielen Inventar.
Lila ließ die Spannung aus ihrem Rücken weichen. Sie nahm den breiten Stand zurück. Die laute Gerti wurde zu einem formlosen, grauen Fleck am Rand des Geschehens. Sie wischte ziellos den Schmutz von einer Zwiebel.
Jetzt, da sie unsichtbar war, verstand sie das Bild am Lagerhaus.
Die vier Wächter froren nicht nur. Sie hatten Angst.
Prohaska hatte Angst vor Benedeks alten Verbindungen. Benedek hatte Angst vor Prohaskas Skrupellosigkeit. Beide Seiten warteten auf einen Auslöser, aber niemand wollte den ersten Schlag führen. Ein Krieg auf dem Naschmarkt kostete Geld. Er zog Uniformen an. Polizei. Und schlimmer: die Russen.
Vor der Besatzungsmacht kuschten beide. Ein Stempel reichte, und die Kartoffeln wanderten direkt in die Kaserne. Davor hatten Lederjacken und Lederschürzen gleichermaßen Respekt.
Lila legte die Zwiebel zurück auf den Stand. Der Wind trug ein vergilbtes Blatt Papier über das Kopfsteinpflaster. Es blieb an einem Holzeimer kleben.
Das Patt musste nicht gebrochen werden. Es musste nur verschoben werden.
Gerti drehte sich um und schlurfte schwerfällig in Richtung der Linken Wienzeile. Sie wusste, wie man den Naschmarkt räumte. Aber sie brauchte eine Schreibmaschine.
Der dicke Sepp saß wieder in den Katakomben unter dem zerbombten Westbahnhof, hinter einer Wand aus feuchten Heeresdecken. Es roch nach Karbid, ranzigem Speck und billigem Fusel.
Lila wuchtete ihre Fäuste auf den wackeligen Tisch. Die Holzsohlen ihrer Küchenschuhe klappten hart auf den feuchten Zementboden.
»I brauch a Schreibmaschin.«
Sepp kaute auf einem nassen Zigarrenstummel. Er schälte sich aus einem speckigen Ohrensessel.
»Fünf Schilling«, grunzte er. »Wenn a Tasten klemmt, brich i da die Finger.«
»Bring’s morgen z’ruck.«
Die Maschine war eine schwere, schwarze Continental. Das ‘E’ klemmte tatsächlich, das Farbband war ausgetrocknet und grau. Perfekt für russische Bürokratie.
Zwei Stunden später saß Lila im Souterrain auf der Wieden vor dem massiven Eisenkasten. Die Marktschürze lag über der Stuhllehne. Sie war nicht mehr Gerti, noch nicht wieder Lila. Ein Zustand der reinen Mechanik.
Manchmal spielt man nicht, manchmal führt man Regie.
Ihre Finger hämmerten auf die vergilbten Tasten. Der Raum hallte von den metallischen Schlägen wider.
Verordnung Nr. 44/B. Kommandantur Sektor IV.
Bürokratensprache war universell. Sie brauchte keine Logik, nur Gewicht. Wer verschachtelte Sätze baute, hatte die Macht.
Hiermit werden sämtliche gelagerten Güter im Bereich Naschmarkt, Halle 3, gemäß Direktive zur Sicherung der städtischen Versorgung bis auf Widerruf beschlagnahmt. Zuwiderhandlung wird als Sabotage am Wiederaufbau geahndet.
Das Papier sah zu sauber aus. Lila warf es auf den Boden und rieb es mit dem Absatz über den feuchten Steinboden, bis die Ränder grau und faserig waren.
Ein Problem blieb. Der Stempel. Niemand am Naschmarkt wusste, wie ein echter russischer Beschlagnahmungsbescheid aussah. Sie kannten nur das Resultat.
Lila schraubte ein altes Tintenfass auf. Sie presste den flachen Daumenballen auf die Öffnung, kippte das Glas kurz an und drückte den feuchten Hautring hart auf das Papier. Ein violetter, unleserlicher Kreis. Offiziell genug für ein Volk, das seit zehn Jahren gelernt hatte, Stempel nicht zu lesen, sondern vor ihnen strammzustehen.
Fünf Uhr morgens. Der Naschmarkt lag unter einer dicken Schicht aus Frost und Kohledunst. Lila, wieder massig und breitbeinig als Gerti, drückte den Zettel mit einer rostigen Reißzwecke an das schwarze Brett neben dem Hauptgang.
Dann kaufte sie bei einer Frühaufsteherin einen Becher trüben Ersatzkaffee, stellte sich hinter einen Stapel leere Kohlkisten und wartete.
Es dauerte vierzig Minuten. Der erste von Prohaskas Lederjacken schlenderte mit hochgezogenen Schultern am Brett vorbei. Er blieb stehen. Er buchstabierte leise. Sein Nacken wurde steif. Er warf die Zigarette in den Matsch und lief zu seinen Kollegen vor dem Lagerhaus.
Kurzes Murmeln. Nervöse Blicke. Einer kratzte sich am Kopf. Fünf Minuten später marschierten sie ab. Sabotage war ein großes Wort für kleine Schieber. Ein paar Kilo Kartoffeln waren kein Ticket nach Sibirien wert.
Benedeks Schiebermützen auf der anderen Seite sahen den hastigen Rückzug. Einer schlich zum Brett. Er las. Er rannte zurück. Auch sie lösten sich in der Morgendämmerung auf.
Perfekte Symmetrie. Zwei verfeindete Armeen kapitulierten vor einem Daumenabdruck in lila Tinte. Die Besatzungsmacht hatte den Platz geräumt, ohne je anwesend gewesen zu sein.
Mitternacht. Kaum Patrouillen, kein Marktverkehr und keine neugierigen Augen. Der Nebel war in Eisregen übergegangen. Das Kopfsteinpflaster glänzte wie der feuchte Panzer eines toten Käfers. Der Mond schnitt harte, weiße Kanten aus den zerschossenen Fassaden der Wienzeile.
Benedeks Partie kam lautlos. Drei Handwagen mit gummibereiften Rädern. Der alte Benedek war nicht dabei, aber seine Tochter Anni gab die stummen Zeichen. Ein Brecheisen fuhr unter die eiserne Kette an Halle 3. Ein trockenes, knirschendes Geräusch, dann gab das Metall nach.
Gerti stand an der Straßenecke, den Rücken an die kalte Ziegelmauer gepresst. Die Nässe kroch ihr durch die Holzsohlen in die Schienbeine.
Dann rollten die Kartoffeln. Der Geruch von schwerer Erde und stockiger Kellerluft verdrängte den Frost. Jute scheuerte auf Holz. Das dumpfe Poltern der Knollen, wenn ein Sack umgeladen wurde, war der Herzschlag dieses Winters. Zweihundert Kilo Überleben. Nichts daran war elegant. Alles daran war schwer, dreckig und roh.
Innerhalb von fünfzehn Minuten war die Halle leer. Die Handwagen verschmolzen mit der Schwärze der Seitenstraßen. Keine Schüsse. Keine Polizei. Nur das nasse Schmatzen der Gummiräder im Matsch.
Neun Uhr am nächsten Morgen. Der Naschmarkt lärmte, roch und handelte.
Der junge Prohaska stiefelte zur Halle 3. Die Pomade in seinem Haar trotzte stur dem grauen Nieselregen. Er bremste abrupt ab.
Die zerschnittene Kette hing schlaff herab. Das Vorhängeschloss fehlte. Die Holztür stand einen Spaltbreit offen.
Dahinter: absolute Leere.
Prohaskas rechte Hand, ein Riese mit flacher Nase, tippte ihm auf die Schulter und zeigte stumm auf das schwarze Brett. Prohaska ging hinüber. Er starrte auf den Zettel. Auf die russische Warnung. Auf den violetten Tintenkreis.
Sein Kiefer mahlte auf dem Streichholz herum, bis das Holz laut knackte. Die Wangen zuckten. Er hob die Hand, ließ sie aber wieder in die Jackentasche gleiten. Gegen die Russen zu verlieren, war keine Schande. Gegen die Russen verloren Feldmarschälle. Da durfte ein aufstrebender Schwarzmarktkönig auch nachgeben. Es wahrte das Gesicht. Die absurde Lüge war hundertmal bequemer als die Wahrheit, dass er ohne einen einzigen Schuss von seinem eigenen Platz gefegt worden war.
»Scheiß Iwan«, zischte Prohaska. Er spuckte den Holzsplitter auf das nasse Pflaster.
Er drehte sich um, holte aus und trat mit der blanken Stahlkappe seines Stiefels gegen die Tür von Halle 3. Das Holz splitterte, aber es klang hohl und erbärmlich. Dann zog er den Kragen hoch und stapfte davon. Seine Männer folgten ihm schweigend.
Das leere Lagerhaus gähnte in den Vormittag. Am schwarzen Brett flatterte der gefälschte Bescheid im kalten Wind. Wien hatte heute gehandelt. Wie jeden Tag.
Der alte Benedek wartete im Schatten eines massiven Brückenpfeilers an der Linken Wienzeile. Er roch nach nassem Leder, kaltem Pfeifentabak und alter Macht. Ein Mann wie ein Amboss, dessen breite Schultern den grauen Frühlingshimmel zu stützen schienen. Seine riesigen Hände ruhten tief in den Taschen einer abgewetzten Joppe. Anni stand einen halben Schritt hinter ihm. Schweigend. Ihre Arme waren fest vor der Brust verschränkt.
Auf einem umgedrehten, verwitterten Holzkasten lag ein bauchiger Jutesack.
»Zehn Kilo«, sagte Benedek. Seine Stimme war ein leises, brüchiges Reibeisen. Er schob den Sack mit der ledernen Kappe seines Stiefels ein paar Zentimeter nach vorn. Das Material kratzte rau über das nasse Holz. »Des is mehr als Geld.«
Lila griff in den groben Stoff. Die Knollen darunter waren hart, unförmig und unnachgiebig. Sie waren dreckig. Sie rochen nach schwerer Erde, nach feuchtem Keller und nach Zukunft.
Er hatte recht. Papiergeld verbrannte im Ofen, ohne Wärme zu spenden. Papierscheine verloren über Nacht ihren Wert, wenn in den Ämtern eine neue Verordnung erlassen wurde. Kartoffeln hielten den Magen zusammen. Wer aß, dachte nicht ans Frieren. Wer aß, stellte keine unnötigen Fragen.
Lila wuchtete den Sack hoch. Das Gewicht zog sofort schmerzhaft an ihren Schultern, trieb ihre Hacken tief in die eigenen Holzschuhe.
Anni nickte. Ein einzelnes, hartes Nicken im feuchten Wind. Kein Händedruck. Keine Verbeugung. Keine Worte des Respekts. In Wien bedankte man sich nicht. Man machte sein Geschäft, man nahm seinen Anteil, und man verschwand, bevor jemand auf die Idee kam, eine Rechnung aufzumachen.
Der Weg zurück auf die Wieden war ein stummer, monotoner Kampf gegen die Schwerkraft. Jeder Schritt klappte hart auf das Straßenpflaster. Zehn Kilo rissen an den Sehnen, drückten das Kopftuch tiefer in die Stirn. Lila schwitzte unter dem dicken, kratzigen Wollrock, obwohl die Luft in den Trümmergassen schneidend kalt war und nach nasser Asche schmeckte.
Das Souterrain empfing sie mit dem vertrauten, trockenen Geruch nach altem Kalkstaub. Lila ließ den Sack mit einem dumpfen, satten Schlag auf die morschen Dielen krachen. Staub wirbelte im fahlen Licht der nackten Glühbirne auf und tanzte in der kalten Luft.
Sie trat vor den Spiegel mit dem blinden Fleck im Glas.
Das Ritual endete. Die Abwaschung.
Normalerweise war es ein Schaben, ein verzweifeltes Ringen um die eigene Kontur. Ein schmerzhaftes Ausreißen falscher Haut. Diesmal ging es schnell. Zu schnell. Das graue Kopftuch fiel achtlos auf den Tisch. Der dicke Wollrock glitt schwerfällig zu Boden. Der beißende Geruch nach Mottenpulver riss ab. Mit einem rauen Lappen und eiskaltem Wasser aus dem Hahn wusch sie die dicke Schicht Fettfarbe aus dem Gesicht. Die Haut brannte unter der Kälte. Das künstliche Rot verschwand im trüben Wasser der Schüssel. Die breite, laute, raumgreifende Gerti rann in schmutzigen Schlieren davon.
Lila löste den Knoten der Schürze im Nacken. Der Stoff war ausgewaschen, speckig vom Frittierfett der Marktstände und weich. Sie zog die Schürze über den Kopf.
Sie legte sie nicht sofort ab.
Lila stand im Dämmerlicht. Sie hielt den groben Stoff in beiden Händen. Die nassen Finger strichen langsam über die ausgefransten, schmutzigen Säume. Die Schürze wog fast nichts mehr. Zehn Sekunden vergingen. Zwanzig. Ein tiefer, ruhiger Atemzug im kalten Raum. Ein Moment vollkommener Stille.
Dann ließ sie die Schürze auf die Lehne des Stuhls fallen.
Auf dem zerkratzten Schminktisch ordnete sich das Inventar. Das alte, knittrige Programmheft des Burgtheaters. Der Tiegel aus Glas mit dem hellen Puder. Die entwertete Theaterkarte aus dem sechsten Bezirk, die Rückseite quer mit schwarzer Tinte durchgestrichen.
Direkt darunter wuchtete sie den Jutesack.
Die braune, erdige Leinwand scheuerte hart gegen das feine Papier der Eintrittskarte. Trockene Erde krümelte auf die Dielen. Die Relikte einer toten Welt und das schiere, rohe Überleben der Gegenwart berührten sich auf fünfzig Quadratzentimetern Holz.
Draußen am Naschmarkt war die Nacht vollständig eingefallen. Das nasse Kopfsteinpflaster glänzte schwarz und leer unter den wenigen intakten Straßenlaternen. Zwischen den verlassenen Holzständen und den geschlossenen Wellblechbuden hing der saure, schwere Geruch von verfaultem Frostkraut und ausgelaufenem Kerosin. Der Wind strich feucht durch die hohlen Gassen, riss an zerrissenen Segeltuchplanen und trieb den Unrat des Tages vor sich her. Morgen früh würden die gummibereiften Karren wieder rollen. Neue Kisten würden aufgeschlagen, neue Gewichte justiert, neue Grenzen auf dem Asphalt gezogen. Die Reviere würden neu verteilt und neu verteidigt. Wien handelte. Der Markt schloss nie.