Eine Stadt. Viele Masken. Eine Wahrheit.
Die Straße ist die Bühne. Das Stück heißt Überleben.
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089 – Eine Straßenbahnfahrt

Es roch nach nasser Wolle, schlechtem Tabak und Funkenflug. Wer im Winter 1947 in eine Wiener Straßenbahn stieg, betrat kein Verkehrsmittel, sondern einen fahrenden Wartesaal. Die Fenster waren vom Atem so dicht beschlagen, dass die Ruinen der Stadt draußen nur als dunkle, gezackte Schatten vorbeizogen.

Die Straßenbahn war das eiserne Rückgrat einer zusammengebrochenen Metropole. Das Netz war notdürftig geflickt, manche Wagen waren alt, zugig oder nur notdürftig instand gehalten. Man saß auf harten Holzsitzen oder stand dicht gedrängt auf den Plattformen. Jeder Bremsvorgang kreischte in den Ohren, jeder Funke am Fahrdraht knisterte. Zwischen den nassen, schweren Mänteln gab es keine Distanz mehr. Man spürte die Knochen des Nachbarn, den Husten des Vordermanns, die scharfen Kanten von Aktentaschen. Wer sich die Fahrt nicht leisten konnte, ging stundenlang durch den Matsch. Wer fuhr, kaufte sich ein paar Minuten Schutz vor dem Wind, bezahlt mit bedrängender Nähe.

Die Waggons durchquerten eine geteilte Stadt. Eine Fahrt konnte durch amerikanisches, französisches, britisches und sowjetisches Gebiet führen, durch sichtbare Grenzen, Zuständigkeiten und Kontrollmöglichkeiten. Die Kontrollposten standen draußen, doch drinnen herrschte eine eigene Ordnung. Die Schaffnerin zwängte sich mit umgehängter Tasche durch den Gang. Das metallische Klacken ihrer Lochzange war der einzige Rhythmus, der Verlässlichkeit versprach. Jeder Fahrschein war ein winziges Dokument des erlaubten Weiterfahrens.

In Lilas Welt ist die Straßenbahn ein mobiler Beobachtungsraum. Die Enge bot Deckung. Wer dicht an dicht stand, musste sich nicht in die Augen sehen. Die Stadt saß nebeneinander und übte den starren Blick ins Leere. Das ohrenbetäubende Rattern der Stahlräder schluckte vieles: ein geflüstertes Wort, eine Drohung, eine konspirative Absprache. Ein plötzlicher Stoß in die Rippen, ein unauffällig weitergereichtes Papier, ein gestohlener Bezugsschein – das Verbrechen brauchte hier keine Dunkelheit, es brauchte nur das anonyme Gedränge.

Wer überleben wollte, lernte das Wegsehen. Man starrte auf die rinnenden Tropfen an der trüben Scheibe und war im Zweifelsfall niemals Zeuge gewesen. Wenn die Türen oder Plattformen an der Endstation freigegeben wurden, löste sich die Notgemeinschaft wortlos auf. Übrig blieben nur nasse Pfützen aus Schmelzwasser auf den geriffelten Bodenbrettern und der scharfe Geruch nach erhitztem Eisenwerk.