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036 – Die Straßenbahn
Die Kälte saß im Holz der Bänke und kroch durch die schlechten Sohlen. Wenn der Waggon ruckelnd anfuhr, roch es nach nasser Wolle, nach ungesalzenem Schweiß und dem scharfen, metallischen Funkenflug der Oberleitung. Die Scheiben waren von Atem beschlagen, eine trübe, undurchdringliche Schicht, durch die das graue Licht der Nachkriegsstadt nur gedämpft nach innen sickerte. Man sah nicht hinaus in die Ruinen, und man sah einander nicht an. Man hielt sich an den eisigen Haltestangen fest und wartete auf den nächsten Bremsstoß, begleitet vom harten, rhythmischen Klicken der Schaffnerzange, die kleine Löcher in graues, faseriges Papier stanzte.
In den Jahren nach dem Krieg war die Straßenbahn kein Transportmittel aus Bequemlichkeit. Sie war die einzige Arterie, die den beschädigten Stadtkörper überhaupt noch zusammenhielt. Wer Kohlen organisieren, zum Tauschhandel auf den Naschmarkt, zum Passamt in einen anderen Sektor oder zur Schicht ins Spital musste, war auf die schwerfälligen Wagen angewiesen. Benzin war rationiert, Autos gehörten vor allem den Besatzungsmächten, Schiebern, Dienststellen und hohen Funktionären. Das nackte Überleben fand auf den Schienen statt.
Das Streckennetz war gezeichnet. Bomben hatten Gleise zerrissen, Fahrdrähte und Anlagen wurden notdürftig repariert, oft mit Material, das irgendwo aufzutreiben war. Wenn der Strom ausfiel oder die Versorgung gedrosselt wurde, konnten Wagen stehenbleiben. Manchmal geschah das mitten auf offener Strecke, zwischen zerborstenen Fassaden. Dann warteten die dicht gedrängten Fahrgäste im Dunkeln und in der Kälte, bis das Summen der Leitungen zurückkehrte. Es mangelte an intakten Wagen und an Ersatzteilen. Der städtische Betrieb war ein mühsames Kriechen, eine administrative Kampfhandlung gegen den völligen Stillstand.
Der Waggon war eine drängende, stickige Enge, in der die soziale Schichtung der Stadt zusammentraf. Trümmerfrauen mit kalkstaubigen Händen standen neben Heimkehrern in zu großen Militärmänteln, Aktenboten mit glatten Gesichtern neben Frauen, deren leere Körbe gegen die Schienbeine der Mitreisenden schlugen. Eine Fahrt durch Wien war immer auch eine Fahrt durch Zuständigkeiten. An manchen Grenzen, Haltestellen oder Knotenpunkten konnte eine Uniform genügen, um den Waggon enger werden zu lassen. Ein fehlender Stempel oder ein unpassendes Papier verwandelte Bewegung schnell in Risiko. Die Schaffnerinnen und Schaffner bahnten sich mit eisernem Gleichmut ihren Weg durch diese Masse, Wächter über Tarife und Zonen, während ringsum das lautlose Misstrauen mitfuhr.
Für Vienna Shadow ist diese Straßenbahn mehr als bloße Kulisse. Sie ist ein fahrender Zeugenraum, eine unerbittliche Engstelle der Nachkriegsgesellschaft. Hier reisen die versteckten Dokumente unter dem Mantel mit. Hier verrät das nervöse Umklammern einer Aktentasche mehr als eine offizielle Vernehmung. Wer inmitten des Lärms auf das Atmen der Anderen achtet, erfährt die wahre Währung der Stadt. In einem überfüllten Wagen werden Dinge gehört und gesehen, die auf keinem Kommissariat zu Protokoll gegeben werden. Die Straßenbahn ist ein rollendes Archiv aus Angst, Machorka und Kalkstaub.
Die Falttüren schlugen mit einem harten, mechanischen Knall zu, und das schwere Eisen zog ruckelnd an.