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056 – Das Giftbuch
Es ist ein schweres Buch. Schwarzer Einband, fadengeheftet, linierte Seiten mit strengen Spalten. Es liegt nicht vorn auf der Budel, wo Zinksalbe und spärliche Vitamine über den Ladentisch gereicht werden. Es liegt im Hintergrund. Meist im Büro, in der Nähe eines versperrten Schranks. Das Giftbuch heilt nicht. Es verwaltet das äußerste Risiko.
Im Wien des Jahres 1947, in dem es an Kohle, Brot und Verbandszeug mangelt, wirkt ein derart exaktes Verzeichnis fast absurd. Doch die Verwaltung der Gefahr duldet keinen Ausnahmezustand. Bestimmte Substanzen unterliegen einer Ordnung, die selbst der Schwarzmarkt offiziell nicht brechen darf. Morphium. Schwere Opiate. Toxische Verbindungen. Stoffe, die den Schmerz töten, das Bewusstsein kappen oder den Körper unwiderruflich an sich binden.
Für diese Stoffe reichte kein gewöhnliches Rezept. Ihre Abgabe musste nach den geltenden Gift- und Suchtgiftvorschriften nachvollziehbar bleiben. Jede Abgabe musste dokumentiert sein: Datum, verordnender Arzt, Rezept, Name, Menge, Bestand. Das Buch ist eine fortlaufende Rechnung zwischen Linderung und Verbrechen. Ein fehlendes Fläschchen ohne passenden Eintrag war keine bloße Unachtsamkeit, sondern konnte den Verdacht auf eine Straftat auslösen. Die Reinheit der Spalten schützte den Apotheker vor dem Verdacht, Teil des dunklen Netzwerks zu sein, das draußen in den Gassen blühte.
Der Druck auf das Buch ist hoch. Aus den Lazaretten und Kriegsgefangenenlagern sind beschädigte Körper zurückgekehrt. Zerschossene Nerven, amputierte Gliedmaßen, chronische Schmerzen. Der Hungerwinter macht die Pein nicht erträglicher. Wer Morphium hat, hat eine Währung, die in der Besatzungsstadt stabiler ist als der Schilling. Eine Ampulle, die nicht im Buch auftaucht, kann ein Vermögen bedeuten.
Auch die zuständigen Gesundheits- und Kontrollbehörden wussten das. Bei einer Revision galt der Blick nicht nur den staubigen Regalen, sondern auch dem Schloss des Giftschranks und den Spalten des Buches. Stimmen Einträge und vorhandener Bestand nicht zusammen, fällt die bürgerliche Fassade der Apotheke in sich zusammen.
In Lilas Welt ist das Giftbuch daher mehr als eine bürokratische Pflicht. Es ist ein Register der physischen Macht. Wer den Schlüssel besitzt und die Tinte für das Buch führt, herrscht über Schlaf, Schmerz und Entzug. Eine überschriebene Zahl, ein gefälschtes Rezept, ein fingierter Bruch einer Glasampulle – die Manipulation des Papiers verändert die Wirklichkeit der Körper. Wer in dieses Buch schreibt, entscheidet darüber, wer ruhig atmet und wer im Entzug zittert.
Die Tinte trocknet schwarz und endgültig. Der Schrank wird verschlossen. Das Buch behauptet, die Gefahr sei gebannt.