>_ Folge 19 · Samstag, 25.07.2026
Tod im Riesenrad
Der Dezember lag feucht und schwarz über den Praterauen. Im Sommer, selbst in diesen verhungerten Jahren, war der Wurstelprater noch eine stampfende Maschinerie der schäbigen Träume gewesen, ein lärmender Basar, auf dem die Verzweiflung der Stadt für ein paar Groschen in Zuckerwatte und Kettenkarussell-Fahrten erstickt wurde. Jetzt, im tiefen Winter des Jahres siebenundvierzig, war er nur ein abgenagtes Skelett aus morschem Holz und rostendem Eisen.
Die großen Fahrgeschäfte standen still. Die grauen Planen über den Karussells flatterten im Wind wie die zerfetzten Fahnen einer längst besiegten Armee. Nur am Rand, wo die kahle Hauptallee in den Asphaltdschungel der Buden überging, flackerten vereinzelt Karbidlampen. Der Geruch nach ranzigem Bratfett, altem Maschinenöl und nassem Sägemehl lag wie ein dichter Film über den vereisten Pfützen.
Lila stand im Schatten einer geschlossenen Geisterbahn. Die Kälte kroch durch die dünnen Sohlen ihrer Lederschuhe, eine präzise, unerbittliche Nadel, die sich langsam ins Knochenmark bohrte. Die offenen Blasen an ihren Fersen, das reibende Andenken an die Gummistiefel der vergangenen Tage, pochten bei jeder Gewichtsverlagerung. Sie bewegte sich kaum. Sie atmete flach, den Kragen ihres dunklen Mantels hochgeschlagen. Neben ihr tropfte Kondenswasser von den abblätternden, bemalten Holzfratzen der Geisterbahnfassade. Ein hohles, unregelmäßiges Echo. Tropfen auf gefrorenem Grund.
Über dem stillen Labyrinth aus Verschlägen thronte das Riesenrad. Es drehte sich. Langsam. Unnötig. Eine gewaltige, knarrende Stahlkonstruktion, deren dicke Tragseile im Wind wimmerten. Die roten Gondeln schwebten wie Käfige durch die Schwärze, die meisten leer. Sie waren das Gerippe einer Zeit, in der die Menschen noch hinaufwollten, um auf Wien herabzusehen. Heute sah niemand mehr gern auf die hohlen Zähne der Ruinen hinab.
Ein Streichholz flammte auf. Wenige Meter weiter, unter dem Vordach eines geschlossenen Losstandes. Der Schwefelblitz beleuchtete für den Bruchteil einer Sekunde das tiefe Kraterland eines alten Gesichts, dann verglühte das Holz. Ein glimmender Punkt Machorka-Tabak blieb zurück.
Lila löste sich aus dem Schatten und trat auf den Mann zu. Er trug einen schweren, speckigen Lodenmantel, der nach feuchtem Hund und kaltem Rauch stank. Seine bloßen Hände ruhten tief in den Taschen, die Schultern hatte er bis zu den Ohren hochgezogen. Ein Pratermensch. Eine ganz eigene Kaste. Sie hatten den Krieg überlebt, den Artilleriebeschuss in den Auen, die Plünderungen, die Besatzer, den Hunger – vor allem, weil sie nie jemandem vertrauten, der nicht nach Sägemehl und Schmierfett roch.
»Sie san die Voss«, sagte der Mann. Keine Frage. Eine heisere Feststellung. Seine Stimme war ein raues Reibeisen, geformt von Jahrzehnten des Marktschreiens gegen blechernen Walzermusik-Lärm.
Lila nickte nur. Sie hielt die Hände ebenfalls in den Manteltaschen. Horvaths Notizblatt aus dem Kommissariat lag als hartes Papierquadrat gegen ihre Fingerknöchel gepresst. Sie schob den Gedanken an den toten Wachtmeister und die Adresse in der Schulerstraße weg. Das hier war Barzahlung. Das hier kaufte Briketts. Das hier zählte jetzt.
Der Alte nahm die linke Hand aus dem Mantel und hielt ihr ein braunes Kuvert hin. Es war abgegriffen und am Rand von Schmutz gezeichnet. Lila nahm es.
»Der Ferdl is runterg’flogen«, sagte der Alte, während er wieder an seiner Zigarette zog. Die Glut warf ein rötliches, schwaches Licht auf seine knollige Nase. »Aus’m Radl. Gondel Nummer acht. Gestern in der Nacht.«
Die offizielle Version stand bereits in den Morgenzeitungen. Ein kleiner Absatz auf Seite drei, unauffällig eingeklemmt zwischen den neuen Rationskürzungen für Fett und einem Leitartikel über Kohlediebstahl am Frachtenbahnhof. Eine Tragödie aus Verzweiflung, hieß es da. Die Polizei liebte Selbstmorde. Ein toter Mann, ein kurzer Flug in der Dunkelheit, keine Zeugen, keine lästige Aktenarbeit. Wien war eine Stadt der offenen Fenster, der Donau-Ertrunkenen, der Gasherd-Schläfer. Einer mehr fiel nicht ins Gewicht.
»Die Schmier sagt, er is g’sprungen«, fuhr der Alte fort. Er spuckte einen Krümel Tabak auf die vereiste Pfütze vor seinen Schuhen. »Der Ferdl springt net. Der Ferdl hat G’schäfte g’macht. Gummistrümpfe. Französisches Parfum. Schokolade für die Amis und die Tommies. Der hat in einer Woche mehr Geld g’habt als der halbe erste Bezirk im Monat. Wer springt, wenn er fressen kann?«
Lila musterte ihn. Schlechtes Handwerk suchte man bei diesem Mann vergebens, weil er gar nicht erst versuchte, eine Rolle zu spielen. Er war nicht trauernd. Er beweinte keinen Freund. Er war schlichtweg berechnend. Und er hatte Angst. Das minimale Zittern seines Kiefers kam nicht nur von der Dezemberkälte.
»Er hat Feinde gehabt«, sagte Lila. Die Stimme flach.
»Im Prater hat jeder Feinde, der was hat, was ein anderer wü«, erwiderte der Alte trocken. »Der Ferdl war aus einer Schausteller-Familie. Aber er is rausg’wachsen. Hat glaubt, er kann mit de feinen Offiziere verhandeln. Hat g’laubt, er is uns entwachsen.« Er wandte den Blick ab, starrte auf die dunkle, geschlossene Schießbude gegenüber. »Aber irgendwer aus unserm Eck hat ihm das G’schäft abnehmen wollen. Da bin i sicher. Irgendwer hat nachgeholfen, dass das Fensterl in der Gondel rechtzeitig offen is.«
Er drehte sich wieder zu ihr. »I wü wissen, wer’s war.«
»Warum?«, fragte Lila.
»Weil i derjenige bin, der ihm damals die ersten Kontakte zu die Amis besorgt hat. Wenn einer aufräumt, bin i der Nächste. I wü an Namen. Was i dann damit mach, is mei Sorge. Die Schmier lassen wir aus’m Spiel.«
Praterjustiz. Eine Ordnungslinie, die älter war als die zerbrochene Republik. Gnadenloser als jedes Militärtribunal der Besatzer. Wien regelte seine Fehler am liebsten im Verborgenen.
Die Kälte in den Knien schien für einen kurzen Moment weniger stechend. »Wo fange ich an?«
»Bei der Mitzi. Mitzi Gruber. Sitzt oft am Losstand beim Hauptweg oder hilft beim Ringelspiel aus. Die sieht alles. Die redet mit jedem.« Der Alte sah abfällig auf Lilas dunklen, städtischen Mantel. »Aber net mit einer Dame von draußen. Die redet nur mit Leuten, die den Prater-Dreck unter die Fingernägel haben.«
Der alte Schausteller schnippte die Zigarette weg. Sie zischte leise, als die Glut das Eis traf. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verschwand im dichten Schatten zwischen den windschiefen Holzverschlägen. Seine Schritte wurden vom feuchten Sägemehl geschluckt.
Lila blieb allein zurück. Ein eisiger Windzug strich über den leeren Platz und riss an den morschen Brettern der Geisterbahn. Sie legte den Kopf in den Nacken.
Das Riesenrad drehte sich lautlos gegen den schwarzen Himmel. Ein stoisches, gigantisches Uhrwerk, das die leeren Stunden einer kaputten Stadt zählte. Irgendwo dort oben war ein Mann durch den schmalen Spalt einer roten Gondel in die Leere getreten. Ein kurzer Flug im kalten Wind, das dumpfe Krachen auf dem vereisten Boden.
Der Prater schwieg dazu.
Das Wasser im Emaillebecken des Souterrains war von einer hauchdünnen Eisschicht überzogen. Lila drückte den Daumen dagegen. Das Eis brach mit einem spröden Knacken. Die Kälte, die ihr in die Hände fuhr, war ein notwendiger Schmerz. Er betäubte das Zittern.
Sie zog die Schublade des Schminktisches auf. Die Leichner-Dose lag neben den Pinseln und dem Talkum. Der Deckel klemmte. Als er nachgab, stieg der Geruch nach ranzigem Wachs, rötlichem Staub und totem Theater auf.
Jede Verwandlung war eine kleine Auslöschung. Ein ritueller Mord an der eigenen Existenz. Lila strich die Fettfarbe dick über ihre Wangenknochen. Keine feinen Schattierungen, keine Burgtheater-Nuancen. Sie klatschte das Rouge auf die Haut, bis es aussah wie die fiebrige Hektik einer Frau, die zu laut lacht, um nicht schreien zu müssen. Die feinen Linien ihres Gesichts verschwanden unter der billigen, grellen Maske.
Dann das Kostüm. Ein schwerer, kratziger Fransenrock, der nach feuchtem Kellergewölbe und Mottenpulver roch. Mehrere Schichten ausgewaschener Blusen, darüber ein fusseliger Wollschal, der ihren Hals wie eine kratzende Schlinge einschnürte. Sie streifte fingerlose Handschuhe über. Die raue Wolle rieb sofort an den entzündeten Knöcheln.
Mit der Kleidung mutierte der Körper. Das Rückgrat sackte ein. Der Schwerpunkt rutschte tief in die Hüften. Das Kinn schob sich vor, der Mundwinkel zog sich nach unten. Der Gang verlor jede schwebende Eleganz und wurde zu einem breitbeinigen, harten Auftreten. Mitzi Gruber war keine Frau, die um Verzeihung bat. Sie war eine fleischgewordene Abwehrhaltung, bereit zuzubeißen, bevor jemand anderes die Zähne fletschte. Das Gesicht im gesprungenen Spiegel war eine Fremde. Eine bunte, schäbige Fremde mit toten Augen.
Zwei Stunden später schluckte der Wurstelprater sie.
Der Nachmittag war so grau wie das Blech der zerbombten Dächer. Der Wind pfiff unaufhörlich durch die rostigen Eisengerippe der Fahrgeschäfte und trug den Gestank des Milieus heran: kaltes Maschinenöl, verbrannter Zucker, nasses Sägemehl und der süßlich-faulige Leim der aufgeweichten Geisterbahn-Kulissen. Die Buden klebten aneinander wie frierende Tiere in einer Herde.
Mitzi Gruber stand hinter dem Tresen einer vergilbten Losbude. Die eigentliche Besitzerin, eine alte Frau mit rasselnder Lunge, hatte sich für zwei halbe Stangen amerikanischer Zigaretten ohne Zögern in ihren Wohnwagen zurückgezogen. Niemand stellte hier Fragen, wenn die Währung stimmte.
Mitzi sortierte mit klammen Fingern Nieten und verschmutzte Papierlose. Das kalte Holz des Tresens zog die letzte Wärme aus ihren Unterarmen.
Das Milieu beobachtete sie. Die Schausteller waren ein Dorf hinter Stacheldraht, eine geschlossene Gesellschaft von Überlebenden. Fremde wurden seziert. Wer nicht den gleichen Dreck unter den Fingernägeln hatte, existierte für sie nicht. Die Blicke aus den benachbarten Verschlägen waren schwer, stumm und feindselig.
Am Stand gegenüber reparierte ein untersetzter Mann mit Schiebermütze die Mechanik eines winzigen Kinderkarussells. Er hämmerte auf ein verbogenes Zahnrad ein. Der Lärm war rhythmisch und ohrenbetäubend.
Mitzi lehnte sich über den Tresen, spuckte auf den staubigen Asphalt und rief gegen den Wind an. »Wannst das Zahnradl noch weiter drescht, Pepi, dreht sich das Ringelspiel rückwärts!«
Der Mann hielt inne. Er legte den Hammer langsam auf den Tresen und wischte sich die ölverschmierten Hände an seiner speckigen Hose ab. Sein Blick war kalt, taxierend. Er roch nach Schweiß und Schnaps.
»Fette Goschn für a Neue«, sagte er langsam.
»Wer was braucht, muss laut sein«, konterte Mitzi. Sie warf ein Bündel Nieten achtlos in einen Pappkarton. Das Geräusch war trocken. »Und i brauch a warme Suppen und kan kaputten Nachbarn. Also hau net so deppert drauf.«
Der Mann schnaubte. Die Aggression war die einzige Sprache, die hier als Begrüßung akzeptiert wurde. Er griff in seine Manteltasche, holte einen zerknüllten Stumpen hervor und zündete ihn an. Der Rauch schmeckte nach verbranntem Laub. Er trat näher an ihre Bude heran. Die Grenze war überschritten, die Infiltration hatte begonnen.
»Wie lang bleibst?«, fragte er.
»Bis die Alte nimmer hustet. Oder bis i erfrier. Was z’erst kommt.« Mitzi kratzte mit dem Daumennagel einen Kaugummirest vom Tresen. Sie sah ihn nicht an. Beiläufigkeit war die beste Waffe. »Is eh nix los. Seit der Ferdl g’flogen is, riecht der ganze Platz nach Schmier. Z’viele Uniformen im Gestrüpp.«
Der Name fiel wie ein Stein auf den Tresen. Der Mann erstarrte. Nur für einen Bruchteil einer Sekunde, aber der Rhythmus seines Atems brach ab.
»Der Ferdl is b’soffen g’stolpert«, sagte er. Die Stimme war plötzlich um eine Nuance zu flach. Zu einstudiert.
»Geh bitte«, schnaubte Mitzi. Sie stützte sich auf die Ellenbogen und sah ihm direkt in die Augen. »Der Ferdl hat die Amis beliefert. Parfüm. Strümpfe. Der war voller Schotter. Wer rechnet, trinkt net. Und wer net trinkt, stolpert net aus einer Gondel.«
Der Mann zog tief an seinem Stumpen. Die Glut knisterte. Er sah auf seine öligen Hände hinab, strich mit dem Daumen über einen schwarzen Fleck. Die Mauer des Schweigens zog sich hoch, feucht und undurchdringlich.
»I weiß net, was du g’hört hast, Mitzi. Aber der Ferdl war a Einzelgänger. Hat si um niemanden g’schert. War nie da. Hat mit unserm Eck nix am Hut g’habt.«
Schlechtes Handwerk.
Der Gedanke zerschnitt die kalte Luft in Lilas Kopf. Es war eine miserable Vorstellung. Zu viel Text zur falschen Zeit. Wer wirklich gleichgültig ist, rechtfertigt sich nicht mit drei Sätzen am Stück. Und die Mechanik des Körpers lügt nie.
Wer lügt, schaut weg. Wer die Wahrheit kennt und sie verbergen will, schaut hin – an die falsche Stelle.
Der Blick des Mannes hatte sich für eine Sekunde von ihr gelöst. Er war nicht zu Boden gewandert, nicht in den leeren Himmel. Die Pupillen waren millimeterweit nach links gezuckt. Nur ein Reflex. Ein unbewusster Ankerwurf des Gehirns.
Mitzi hielt sein Schweigen aus. Sie nickte nur langsam, zog den kratzigen Wollschal enger um den Hals und wandte sich wieder ihren Losen zu. »Hast recht. Einzelgänger leben gefährlich.«
Der Mann murmelte etwas Unverständliches, drehte sich um und ging zurück an sein defektes Karussell. Der Hammer schlug wieder auf das Eisen. Lauter diesmal. Fahriger.
Lila rührte sich nicht. Unter den juckenden Handschuhen waren ihre Finger starr vor Kälte. Sie hob langsam den Kopf und folgte der unsichtbaren Linie, die der Blick des Mannes in die winterliche Luft gezeichnet hatte.
Links. Vorbei am geschlossenen Autodrom. Vorbei an den abgedeckten Kirmeswägen.
Dort, am äußersten, dunkelsten Rand der Hauptallee, wo die morschen Bäume ihre kahlen Äste wie Krallen über den Asphalt reckten, stand eine grüne Schießbude. Die Rollläden waren halb heruntergelassen. Davor lehnte ein breitschultriger Schatten an der Holzfassade und rauchte. Er trug eine schwere Lederjacke. Er reparierte nichts. Er sortierte nichts. Er beobachtete den Platz.
Der Prater schwieg. Aber seine Augen verrieten jeden.
Hilde hatte den Namen fallen lassen. Ein ehemaliger Garderobier, von Klara S. aus dem Haus gedrängt. Er lebte jetzt vom Flaschensammeln im Prater und ertrank seinen Groll in Zwetschgenschnaps. Er hatte zugestimmt, in einer leeren Gondel zu reden. Oben hörte niemand zu.
Das Riesenrad knarrte. Ein mahlendes, rostiges Stöhnen der Stahlträger, das sich durch die Holzdielen der roten Gondel tief in Lilas Waden bohrte. Fünfundsechzig Meter über dem Boden hörte Wien auf, eine Stadt zu sein. Es war nur noch eine schwarze, von Frost gezeichnete Kraterlandschaft. Die hohlen Zähne der Ruinen warfen scharfe, tintenblaue Schatten in die reglose Nacht. Die Sektorengrenzen waren von hier oben unsichtbar, das Elend grenzenlos. Ein endloses Feld aus gebrochenem Ziegel, blinden Fenstern und dunklen Gassen, in denen niemand ein Licht entzündete.
Der Mann auf der gegenüberliegenden Sitzbank stank nach Zwetschgenschnaps, kaltem Schweiß und ungelüftetem Stoff. Er trug einen abgeschabten Anzug, der ihm an den Schultern zwei Nummern zu groß war. Vor dem Krieg Garderobier im Kulturbetrieb, jetzt ein Schatten, der Flaschen sammelte. Seine zitternden, fleckigen Finger klammerten sich an einen blechernen Flachmann.
»Die Höhe is gut«, murmelte er und starrte auf die beschlagenen Glasscheiben der Gondel. »Da oben lauscht ka Ratte.«
Lila schwieg. Das Riesenrad hielt an. Die Kabine schwankte im eisigen Wind. Das Metall wimmerte.
»Sie wollen was über die S. wissen.« Er schraubte den Deckel ab und nahm einen Schluck. Der scharfe Fuselgeruch schlug gegen die Kälte in der Kabine. »Jeder schaut nur auf das Gesicht. Auf den Gang. Auf die Kleider. Aber die Frau ist ka Schauspielerin. Die ist a Fleischwolf.«
Er wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab. Seine Augen flackerten, gehetzt und von altem Groll zerfressen.
»Die räumt auf. Leise. Gründlich. Wer ihr z’nahe kommt, verschwindet. Der Intendant hat drei Leute entlassen, die ihr in der Kantine widersprochen haben. Fristlos. Die Kritikerin von der Presse, die früher in der ersten Reihe gesessen is, hat plötzlich keine Karten mehr bekommen.« Er lachte freudlos. Ein feuchtes Röcheln in der Kehle. »A Garderobiere, die ihr g’sagt hat, dass ihr der Siegelring ned g’hört — die ist jetzt in Graz. Wer im Weg steht, wird ausradiert.«
Lila betrachtete das rußige Schachbrett der Stadt unter sich.
Nicht Diebstahl. Verwaltung.
Klara stahl keine Rollen. Sie stahl keine Requisiten. Sie verwaltete Macht. Und sie beseitigte Störfaktoren mit klinischer Präzision. Das war keine Eitelkeit einer alternden Diva. Das war Logistik.
Der Garderobier schraubte den Flachmann quietschend zu. »Kommen’s ihr ned in die Quere. Die S. stolpert ned. Und sie lässt keinen am Leben, der sieht, wie sie trickst.«
Ein Ruck ging durch die dicken Stahlseile über ihnen. Die Gondel setzte sich wieder in Bewegung. Abwärts. Zurück in den Schmutz.
Der Boden des Wurstelpraters schlug ihr mit Lärm und Gestank entgegen, kaum dass der Maschinist die Kabinentür aufgeschoben hatte. Das Heulen des Windes mischte sich sofort wieder mit dem hämmernden Takt eines defekten Karussell-Generators.
Lila zog die Schultern hoch. Das Rückgrat sackte ein. Der Schwerpunkt fiel tief in die Hüften, der Gang wurde breit und hart. Mitzi Gruber übernahm die Gelenke.
Sie überquerte die dunkle Hauptallee. Der gefrorene Schlamm knirschte unter den Sohlen ihrer Lederschuhe. Die grüne Schießbude am äußersten Rand des Platzes war kaum mehr als ein schiefer Bretterverschlag. Davor lagen zersplitterte weiße Tonröhrchen und plattgetretene Bleikugeln im Eis. Der breitschultrige Mann in der Lederjacke rauchte noch immer. Aus der Nähe sah er aus, als hätte ihn jemand mit einem stumpfen Meißel aus einem Block Beton gehauen. Ein breites, flaches Gesicht, die Nase über dem Steg mehrfach gebrochen. Er roch nach billigem Haaröl und Waffenöl.
Mitzi blieb einen Meter vor ihm stehen. Sie schob die Hände in die kratzigen Taschen ihrer Strickjacke.
»Hast a Feuer für mi?«, fragte sie. Die Stimme schnarrend, schmutzig.
Der Mann musterte sie. Ein langsamer, abwertender Blick von den geflickten Schuhen bis zum Wollschal. Er schnippte seine Zigarette in eine Pfütze. Es zischte kurz.
»Schleich di.«
»Der Pepi drüben is schlecht beinand«, sagte Mitzi unbeeindruckt. Sie wischte sich einen unsichtbaren Tropfen von der Nase. »Redet wirres Zeug. Sagt, der Ferdl hat si net von allan aus der Gondel verabschiedet.«
Der Mann versteifte sich. Es war keine fließende Bewegung, sondern ein brutales Einfrieren der gesamten Muskelmasse. Die schwere Lederjacke knarrte.
»Der Pepi redet, wenn der Tag lang is.«
»Er redet von amerikanischem Parfüm«, bohrte Mitzi weiter. Sie verlagerte das Gewicht auf ein Bein, die perfekte Imitation einer tratschenden Nachbarin, die Sensationen auf der Straße aufsammelte. »Von G’schäften, die jetzt an neuen Chef brauchen. Einer, der zupackt. Einer, der ned ganz so fein is wie der Ferdl.«
Der Mann machte einen Schritt auf sie zu. Er war massig. Die kalte Luft zwischen ihnen wurde augenblicklich verdrängt.
»Der Ferdl is g’flogen«, sagte er. Seine Stimme war tief, ein raues Schaben. »Und wennst dei Pappen net hältst, fliegst als Nächstes. Im Prater rutscht ma schnell aus.«
Zu viel Druck. Ein Unschuldiger drohte nicht mit derselben Methode. Ein Unschuldiger drohte mit Schlägen, nicht mit der Schwerkraft. Der Mann war kein brillanter Taktiker. Er war ein Schläger, der den toten Winkel einer Riesenrad-Gondel genutzt hatte.
Mitzi grinste. Es war ein hässliches, entblößtes Lächeln. Sie trat einen Schritt zurück. »Schon gut. I bin nur a Weib, das g’fragt hat. Rutschen wü i net.«
Sie drehte sich um und ging. Sie spürte seinen Blick zwischen ihren Schulterblättern, eine physische Drohung im eisigen Nachmittag. Sie verlangsamte den Gang nicht.
Zehn Minuten später stand sie im Schatten hinter dem abgedeckten Autodrom. Der alte Schausteller tauchte lautlos aus der Dunkelheit der Planen auf. Der trockene, scharfe Geruch nach Machorka-Tabak kündigte ihn an.
»Die Schießbude«, sagte Lila. Die Stimme war wieder ihre eigene. Kalt, präzise, ohne Melodie. »Grüne Rollläden. Lederjacke. Er hat mir gedroht, dass ich auch fliegen könnte.«
Der Alte sah durch die morschen Holzstreben des Fahrgeschäfts in Richtung Hauptallee. Sein Gesicht blieb unbewegt, ein versteinertes Profil in der Dunkelheit.
»Der Wessely«, murmelte er. Er spuckte in den schmutzigen Schnee. Das Geräusch war nass und endgültig. »Der hat vor zwa Wochen versucht, sich beim Ferdl einzukaufen. Der Ferdl hat ihn ausg’lacht.«
Er drehte den Kopf zu ihr. Die Augen unter den buschigen Brauen waren schwarz und hart wie Kohle.
»Hast dei Arbeit g’macht.«
»Was passiert jetzt?«, fragte Lila.
Der Alte nickte langsam. Er zog den speckigen Lodenmantel enger um den Hals. »I kümmere mi drum.«
Er drehte sich um und ging. Seine Stiefel zerdrückten das Eis. Der kalte Wind trieb nasses Sägemehl über den Asphalt.
Der Morgen brachte kein neues Licht, nur eine andere, schmutzigere Schattierung von Grau. Die Kälte stand als unsichtbare Wand zwischen den rostigen Karussells.
Die grüne Schießbude am Rand der Hauptallee war geschlossen. Die Rollläden waren bis zum Boden heruntergelassen. Quer über das lackierte Holz waren zwei unbesäumte, frische Fichtenbretter genagelt. Das helle Holz leuchtete im düsteren Einheitsgrau des Platzes. Keine Polizeiabsperrung. Keine Fragen stellenden Uniformierten. Nur dicke, hastig ins Holz getriebene Nägel und die absolute physische Abwesenheit des Mannes in der Lederjacke. Wessely war aus der Maschinerie des Praters entfernt worden.
Der alte Schausteller stand zehn Meter entfernt neben der Ratterbahn. Er rieb mit einem schwarzen Lappen über ein freiliegendes Messinggetriebe. Als Mitzi Gruber breitbeinig auf ihn zukam, hielt er in der Bewegung inne. Er sah nicht zu der vernagelten Bude hinüber. Er griff unter den speckigen Lodenmantel und zog ein braunes Kuvert hervor.
Er reichte es ihr. Das Papier war klamm. Die gebündelten Banknoten darin fühlten sich hart und ungleichmäßig an.
Er nickte einmal. Ein kurzes, trockenes Senken des Kinns. Kein Dank. Keine Erklärung. Der Prater bedankte sich nicht für das Aufspüren von Fehlern im Getriebe. Er zahlte, und er schwieg. Der Alte wandte sich wieder seinem Motor zu. Das metallische Schaben des dreckigen Lappens war das einzige Geräusch, das Mitzi auf ihrem Weg zurück zur Hauptallee begleitete.
Das Souterrain auf der Wieden roch nach nassem Ziegel und altem Kalk. Aber im Haar hing hartnäckig das Milieu: ein penetranter, süßlicher Gestank nach ranzigen gebrannten Mandeln und beißendem Maschinenöl.
Lila stand am Emaillebecken. Sie streifte die fingerlosen Wollhandschuhe ab. Die groben Maschen hatten die Haut an ihren Knöcheln aufgeraut. Der dicke, kratzige Fransenrock fiel mit einem dumpfen Klatschen auf den Boden. Die Blusen folgten. Die schwere, breite Körperlichkeit von Mitzi Gruber rutschte einfach von ihren Schultern. Das Rückgrat richtete sich auf, lautlos und steif.
Sie drehte den Wasserhahn auf. Der Strahl war ein eisiger, dünner Faden. Die Maske leistete keinen Widerstand. Mitzi Gruber war nur Schmutz und Hektik gewesen, keine eiserne Rüstung, keine in Stärke gegossene Autorität wie eine Archivarin oder Kanzleikraft. Die harte Kernseife zersetzte die grelle Fettfarbe in Sekunden. Das Wasser, das über Lilas Handballen in den Abfluss rann, war rötlich-grau. Die aggressive Überlebensstrategie des Vormittags verschwand im röchelnden Gurgeln des Rohrs.
Sie trocknete sich mit einem rauen Handtuch das Gesicht ab. Die Haut darunter spannte, nackt und farblos.
Auf dem Holz des Schminktisches lagen sieben Gegenstände. Das Programmheft. Der Glastiegel mit dem geriffelten Messingdeckel. Die durchgestrichene Theaterkarte. Der Lippenstift mit den Initialen K.S. Das braune Paket mit Aspirin, Mull und Wundsalbe. Das winzige Penicillin-Fläschchen. Der Zettel mit der Tintenanalyse. Keine Trophäe aus der Schießbude. Das Kuvert mit den Schillingen lag auf dem schmalen Bett. Horvaths Notizblatt mit der Adresse in der Schulerstraße steckte als hartes, gefaltetes Quadrat tief in der Tasche ihres Mantels.
Was blieb, war die kratzige Stimme des Garderobiers aus der schwankenden Gondel. Die Information lag im Raum, losgelöst von jeder Wertung. Klara S. handelte nicht aus Eitelkeit. Sie verwaltete ihre Position. Sie war eine Mechanik, die Hindernisse eliminierte. Ein Widerspruch in der Kantine. Eine Kritikerin in der ersten Reihe. Eine unbequeme Garderobiere. Das Ergebnis war identisch: Der Störfaktor verschwand. Leise. Gründlich. Ausradiert aus der Besetzungsliste der Realität. Keine Beweise, keine Anklagen. Nur ein leeres Feld, wo vorher ein Mensch gestanden hatte.
Draußen über der Stadt drehte sich das Riesenrad weiter. Ein gigantisches, stählernes Uhrwerk vor einem tintenschwarzen Winterhimmel. Wien liebte seine Vergnügungen. Es war ein Ort, an dem die Illusionen billig zusammengezimmert wurden, um das Elend zu übertünchen. Aber die Schwerkraft blieb echt. Die Stadt hatte ihre eigene Justiz, älter als jedes Besatzungsstatut und gnadenloser als jedes geschriebene Gesetz. Sie brauchte keine Akten. Sie stellte keine Richter. Sie ließ einfach fallen. Der eisige Wind pfiff durch die offenen Fenster der roten Gondeln. Niemand zählte die leeren Plätze.
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