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096 – Die Geisterbahn
Der Wurstelprater im Winter 1947 riecht nicht nach gebrannten Mandeln. Er riecht nach nassem Sägemehl, ranzigem Maschinenfett und kaltem Schutt. Zwischen den Gerippen ausgebrannter Buden stehen die ersten reparierten Fahrgeschäfte und provisorischen Schaubuden. Die Farbe an manchen hölzernen Fassaden blättert bereits wieder ab, weil Material knapp ist und jeder Anstrich gestreckt, gerettet oder zusammengesucht wirkt. Hier, wo das Licht der wenigen intakten Lampen schwächer wird, beginnt der behelfsmäßige Schrecken.
Im April 1945 brannte das Vergnügungsviertel. Was das Feuer nicht fraß, wurde von Bomben, Kampfhandlungen und Plünderungen beschädigt oder verschwand in den ersten Hungerwintern als Brennmaterial. Der Wiederaufbau des Praters ist keine fröhliche Wiederauferstehung. Er ist ein hartes Geschäft. Schausteller flicken ihre Betriebe mit Blechresten, altem Holz und Nägeln aus Trümmergrundstücken zusammen.
Die Geisterbahn, wie sie hier gedacht ist, ist keine sichere, glänzende Attraktion. Sie ist eher eine Maschinerie des billigen Schreckens, zusammengesetzt aus Resten, Geräuschen und Erwartung. Ein Stoß der kleinen Lore gegen eine hölzerne Flügeltür, ein Ruck auf unsauber verlegten Schienen, ein plötzliches Knarren im Dunkel. Aus der Schwärze fällt eine Fratze aus bemalter Pappe oder dünnem Holz herab, beleuchtet vom scharfen, flackernden Licht einer Lampe. Irgendwo kratzt ein Rauschen, das ein Heulen sein soll. Es ist ein lauter, klappernder, vollkommen durchschaubarer Spuk.
Doch gerade das macht den Ort nach 1945 so paradox. Wer hier einsteigt, kauft künstliche Angst in einer Stadt, die an echter Angst fast erstickt ist. Draußen, nur ein paar Straßenbahnstationen entfernt, liegen die wirklichen Ruinen. Dort warten keine Papiermaché-Schädel, sondern verschüttete Keller, aus denen noch nicht alles geborgen ist. Dort stehen Besatzungssoldaten an Schlagbäumen, dort entscheidet ein fehlender Stempel auf einem Passierschein über eine Kontrolle, dort hungern Menschen in ungeheizten Wohnungen. Die echte Angst der Nachkriegsjahre ist leise und formlos. Sie kriecht aus leeren Kohlenkellern und aus Briefkästen, wenn Bezugsscheine ausbleiben.
Die Angst der Geisterbahn hingegen ist tröstlich. Sie ist ein Produkt. Sie hat eine definierte Form, einen klaren Preis und vor allem: eine garantierte Dauer. Nach wenigen Minuten Fahrt ist das Schlimmste überstanden. Die Dämonen sind festgeschraubt. Der Wagen bricht durch die letzte Schwingtür und spuckt die Fahrgäste zurück in die Kälte. Es ist das einzige Versprechen, das ein Schausteller in dieser Zeit halten kann: Dieser Schrecken endet sicher.
In der Welt von Vienna Shadow ist die Geisterbahn deshalb kein Ort des Gruselns. Sie ist ein Gebäude der Illusion – nicht, weil die Fratzen nicht echt aussehen, sondern weil sie so tun, als wäre das Böse offensichtlich und laut. Die Ermittlungen im Schutt der Stadt zeigen eine andere Realität. Die wahren Monster klappern nicht mit Ketten. Sie tragen saubere Mäntel, sitzen in warmen Kanzleien und unterschreiben Frachtbriefe. Sie riechen nach guten Zigaretten, nicht nach feuchtem Holz und Schmierfett.
Die Schienen quietschen metallisch, als der Wagen zum Stehen kommt. Die Mechanik ächzt unter der Kabine. Es riecht nach kaltem Eisen, nassem Holz und altem Fett. Der Bügel wird hochgeklappt, das Ticket ist entwertet. Der wahre Schatten wartet ohnehin erst auf dem Heimweg.