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039 – Schuhe
Wer 1947 durch Wien ging, spürte die Stadt bei jedem Schritt. Der Asphalt war aufgerissen, der Schutt scharfkantig, der Schnee feucht und schmutzig. Die Grenze zwischen dem menschlichen Körper und der zerstörten Stadt bestand oft nur aus dünnem, rissigem Leder, aus abgetretenem Gummi oder aufgeweichter Pappe. Der Klang der Schritte auf dem Pflaster verriet, wer unterwegs war: das harte Klackern von Holzschuhen, das schleifende Geräusch einer losen Sohle, das dumpfe Auftreten von Füßen, die in viel zu großen Wehrmachtsresten staken.
Schuhe waren im Nachkriegswien keine Frage der Garderobe. Sie waren ein Werkzeug des Überlebens. Ohne Schuhe gab es keinen Ausgang. Ohne Ausgang gab es keine Rationen, kein Brennholz, keinen Weg zur Kommandantur, keine Arbeit. Wer keine funktionierenden Schuhe besaß, dessen Welt schrumpfte auf die Größe eines ungeheizten Zimmers zusammen. Ein Paar intakte Schnürer entschied darüber, ob man sich durch die Stadt bewegen konnte oder in ihr festsaß.
Das Material war erschöpft. Echtes Leder war rar, beständiges Sohlenmaterial ein Privileg, Gummi schwer zu bekommen. Selbst Schnürsenkel und Schusternägel waren Mangelware. Wenn die Sohle durchgescheuert war, wurde sie mit dem geflickt, was die Ruinen hergaben. Manchmal wurden alte Autoreifen zu Sohlenstücken geschnitten, mehrfach gefaltetes Papier wurde in feuchte Schuhe gestopft, um die Nässe aufzusaugen und die blanke Haut zu schützen. Füße waren wund, entzündet und taub vor Kälte. Der Frost des Hungerwinters kroch durch das improvisierte Material direkt in die Knochen.
Gleichzeitig waren Schuhe das härteste soziale Maß der Stadt. Ein sauberer Mantel ließ sich noch aus Vorkriegsbeständen wenden oder aus alten Stoffen umarbeiten. Er konnte Armut verbergen. Aber Schuhe nutzten sich ab. Sie erzwangen Reibung am Boden. Wer 1947 auffallend gutes, genähtes Leder trug, zeigte unfreiwillig seine Netzwerke. Gute Schuhe konnten von Schwarzmarktgeschäften erzählen, von Verbindungen zu den Besatzungsmächten, von Tauschhandel im großen Stil – oder schlicht davon, dass jemand rechtzeitig Zugang zu den richtigen Stellen gehabt hatte. Kaputte Schuhe hingegen erzählten von stundenlangem Stehen in Warteschlangen, von den langen Wegen durch die geteilte Stadt und von der täglichen Erschöpfung durch die Bürokratie.
In Lilas Welt ist der Blick nach unten oft aufschlussreicher als der Blick ins Gesicht. Gesichter können lügen, Hände können tief in den Manteltaschen versteckt werden, Worte können täuschen. Aber Schritte hinterlassen eine physische Signatur. Wer hinkt, wer schleift, wer den Fuß vorsichtig abrollt, weil das Wasser bereits durch die Pappe sickert – all das sind Informationen. Die Sohlen verraten, wie weit jemand gelaufen ist. Der feine Kalkstaub der Aktenkeller, der rußige Schlamm der Frachtbahnhöfe, der Dreck des Naschmarkts – alles sammelt sich im Profil.
Eine neue Identität ließ sich auf dem Papier mit einem sauberen Stempel herstellen. Aber die Nässe der Straße fragte nicht nach Passierscheinen. Sie kroch durch die Nähte.