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Eine Stadt. Viele Masken. Eine Wahrheit.
Die Straße ist die Bühne. Das Stück heißt Überleben.
AI-driven. Human-approved.
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>_ Folge 13 · Samstag, 04.07.2026

Das Nest der Spione

In einer verrauchten Bar voller Besatzungsoffiziere sucht Lila Voss nach einem Erpresser und begegnet einem Gesicht aus einer Zeit, die sie längst verloren glaubte.

Der Geruch von süßem Virginia-Tabak war im Wien des Spätsommers 1947 eine Währung für sich. Der Mann im beigen Trenchcoat rauchte ihn, als wäre es gepresstes Heu. Er stand am Rand des Volksgartens, den Kragen hochgeschlagen, den Blick stur auf die zerschossene Fassade des Burgtheaters gerichtet. Ein grauer Nieselregen legte sich wie feiner Staub über die Straßen.

Lila stand zwei Meter entfernt. Der Wind trug den Rauch der Players-Zigarette zu ihr herüber.

»Captain Whitfield has a problem«, sagte der Kontaktmann. Seine Lippen bewegten sich kaum. Der britische Akzent war abgeschliffen, professionell geglättet.

Lila schwieg.

»Photographs«, fügte er hinzu. Die Glut seiner Zigarette glimmte kurz auf. »A woman who isn’t his wife. Someone wants the uranium files in exchange.«

Uran. Ein Wort, das in dieser Stadt mittlerweile schwerer wog als Gold. Niemand sprach es laut aus, aber jeder wusste, dass sowjetische Konvois in der Nacht durch die Zonen rollten.

Der Mann schnippte die Zigarette auf den nassen Asphalt. Es zischte leise.

»Bezahlung in Pfund Sterling«, sagte er auf Deutsch. Es klang wie eine Drohung. »Find the photographer. Before the Russians do.«

Er wandte sich ab. Kein Handschlag, kein Nicken. Der Trenchcoat verschwand im Grau der Dämmerung. Auf dem nassen Kies blieb nichts zurück als eine halbe Zigarette.

Zwei Stunden später im Souterrain auf der Wieden. Das Ritual der Auslöschung verlief diesmal anders.

Bisher war Unsichtbarkeit grau gewesen. Ein geduckter Gang, ein Tuch über dem Haar, Asche auf der Haut. Das Verschwinden in der Masse der Erschöpften. Vicky war das Gegenteil. Vicky war Unsichtbarkeit durch absolute Übersichtbarkeit. Wer in ein Flutlicht starrte, sah die Person dahinter nicht.

Lila legte den zerschlissenen Wollmantel ab. Die Kälte des Kellers griff sofort nach ihr. Das Kleid lag bereit. Es war geliehen, getauscht gegen drei halbe Brote und zwei Zigaretten. Schwarze Seide, künstlich, aber glänzend. Der Stoff war eng. Er zwang den Körper in eine aufrechte, harte Haltung. Der Ausschnitt reichte tief. Die kalte Luft prickelte auf der nackten Haut des Dekolletés.

Kein Theaterpuder. Keine Fettfarbe. Stattdessen echtes Karminrot auf den Lippen. Die Hülse roch nach Wachs und teurer Chemie. Lila zog die Farbe dick nach. Ein harter, dominanter Strich. Es brannte leicht auf den rissigen Stellen.

Dann das Haar. Strenge Wasserwellen, festgesteckt im Nacken. Zwanzig Haarnadeln bohrten sich kühl gegen die Kopfhaut. Jeder Handgriff zog ein Stück Lila Voss aus dem Spiegel ab und schob Vicky nach vorn.

Die Haltung änderte sich. Die Schultern gingen zurück. Das Kinn hob sich um drei Zentimeter. Der Gang verlor das Schleichende, Erschöpfte der Nachkriegsjahre. Vicky ging nicht, sie stolzierte. Die Absätze der geliehenen Riemchenschuhe klackten wie kleine Peitschenschläge auf den Dielen.

Die Stimme rutschte tiefer, flachte ab. Ein Berliner Schnarren. Breit, unbeeindruckt, frech. Die Wiener misstrauten anderen Wienern. Einer echten Berliner Schnauze verzieh man die Lautstärke. Sie war exotisch genug, um als Inventar zu gelten.

Zuletzt der Zigarettenhalter. Schwarzes Bakelit, zwanzig Zentimeter lang. Ein Taktstock für Gespräche.

Lila atmete ein letztes Mal ein. Vicky atmete aus.

Die Casanova Bar im Ersten Bezirk schloss nie ganz. Sie war eine Bühne, die nur auf eine andere Schicht wechselte. Als Vicky die gepolsterte Doppeltür aufdrückte, schlug ihr eine Wand aus Hitze, Alkohol und Lärm entgegen.

Schwerer Rauch hing in gelblichen Schichten unter der Decke. Ein Klavier und ein Saxofon spielten einen hastigen Jazz, der immer knapp neben dem Rhythmus stolperte. Es roch nach verschüttetem Gin, Schweiß und französischem Parfüm.

An den Tischen saßen Männer in Uniformen. Britisches Khaki, amerikanisches Oliv, russisches Grün. Die Sieger der Weltgeschichte, die sich in einer zerstörten Stadt auf den Füßen standen. Dazwischen Frauen in Kleidern, die zu dünn für die Jahreszeit waren, und Männer in Zivil, die zu wachsame Augen hatten. Niemand lachte wirklich. Die Gläser klirrten zu laut. Jeder beobachtete jeden.

Vicky hob das Kinn, klemmte den Zigarettenhalter zwischen Zeige- und Mittelfinger und schob sich durch die Menge. Ein Aquarium voller Haie. Und sie war der leuchtend rote Köderfisch, der an den Tresen schwamm.

Hinter dem Mahagonitresen herrschte Fließbandarbeit. Die Casanova Bar war kein Ort für Trinker, sie war ein Maschinenraum. Eiswürfel klackerten gegen mattes Kristallgewächs. Der Geruch von billigem Wermut, scharfem Fusel und welken Zitronenschalen klebte an den Händen.

Vicky schenkte aus. Ein Gin Tonic für den amerikanischen Major, ein doppelter Cognac für den französischen Leutnant. Sie lehnte sich vor, stützte die Unterarme auf das nasse Holz und ließ den tiefen Ausschnitt arbeiten.

»Ach wissen Se, Herr Leutnant«, schnarrte sie und blies den Rauch ihrer Zigarette in Richtung der Deckenventilatoren. »In Berlin is uns das Lachen längst im Hals erfroren. Da nehmen wir lieber gleich den Schnaps.«

Das Lachen, das sie ihm schenkte, war laut, kehlig und präzise kalkuliert. Ein Werkzeug. Vicky flirtete nicht, sie sammelte. Jeder Blick, den die Männer auf ihr Karminrot warfen, war ein Moment, in dem sie unachtsam wurden.

Ein sowjetischer Unteroffizier hämmerte mit der flachen Hand auf das Holz. Er brüllte etwas auf Russisch. Vicky knallte ein Glas hin und goss klaren Wodka ein. Ein dicker Tropfen rann über ihren Daumen. Sie wischte ihn nicht ab.

»Wohl bekomm’s, Mütterchen Russland«, sagte sie.

Der Russe starrte auf ihr Dekolleté und schob ein paar zerknitterte Reichsmark hin. Die falsche Währung. Vicky tippte mit der Spitze ihres Bakelit-Zigarettenhalters auf die Scheine und schob sie zurück.

»Nich mit mir, Schätzchen. Hier gilt nur harte Münze.«

Der Mann brummte, kramte in seiner Uniformtasche und warf zwei amerikanische Dollar-Noten auf den feuchten Tresen. Wien war ein Basar, und jeder am Tresen log.

Am anderen Ende der Bar standen zwei Zivilisten nah am Zapfhahn. Ein glatt rasierter Brite im Tweed-Sakko und ein Amerikaner mit randloser Brille. Sie sahen aus wie Geschäftsleute, sprachen aber wie Männer, die Landkarten auswendig kannten.

»Lovely spring, isn’t it?«, sagte der Brite. Er starrte stur auf die Olive in seinem Martini.

»Delightful«, antwortete der Amerikaner und schnippte die Asche seiner Lucky Strike auf den Boden. »Though I hear the East wind is picking up. Mighty fast.«

»Let’s hope it doesn’t bring a storm.«

Der Amerikaner trank. Der Brite nickte. Sie sprachen über das Wetter und meinten sowjetische Truppenbewegungen im Weinviertel. Es war ein schlechtes Skript. Jeder im Raum wusste es. Der Barmann wusste es. Der Klavierspieler, der eine müde Version von As Time Goes By in die Tasten schlug, wusste es.

Jeder spielte. Niemand schaute zu.

Vicky polierte ein Highball-Glas. Das graue Tuch quietschte leise auf dem Rand. Ihre Augen strichen über die Tische im Halbdunkel.

Captain Whitfield saß in der hintersten Nische. Der Kontaktmann am Burgtheater hatte ihn gut beschrieben. Ein Mann Mitte vierzig mit dünnem Haar und einer Krawatte, die er schon dreimal gelockert hatte. Er schwitzte. Er trank Gin pur. Seine Finger kratzten unablässig am nassen Etikett der Flasche vor ihm. Ein erpresster Mann hat keine Geduld für Eiswürfel. Sein Blick flackerte über die Tanzfläche, suchte seinen Henker. Ein tödlicher Fehler. Henker ließen sich nicht finden.

Vicky wischte das Glas trocken. Wer sah zu?

Nicht der Franzose, der mit einer Tänzerin knutschte. Nicht die Amerikaner.

Ihr Blick blieb an einem der winzigen runden Tische am Rand der Tanzfläche hängen. Ein Mann Mitte dreißig. Ein Einheimischer. Einer von den Wiener Überlebenskünstlern, die im März achtunddreißig am Heldenplatz geschrien hatten, fünfundvierzig die rote Armbinde aus dem Fenster hängten und heute für den Meistbietenden arbeiteten. Schmierig zurückgekämmtes Haar, das im schwachen Licht nach billiger Brillantine glänzte. Er trug ein aufgerautes Sakko.

Als er sich nach vorne beugte, um seine Zigarette am Kerzenlicht anzuzünden, rutschte das Revers ein Stück zur Seite. Das matte Chrom einer Kameralinse blitzte auf. Eine Leica. Klein, teuer, effektiv.

Er machte keine Fotos. Nicht hier. Er beobachtete nur.

Schlechtes Handwerk.

Ein Mann saß in einer Bar, an einem Tisch, der Geld kostete. Das Wasserglas vor ihm war unberührt. Die Eiswürfel darin waren längst zu einer lauwarmen Pfütze geschmolzen. Die Zigarette in seiner Hand brannte ab, ohne dass er daran zog. Wer in einer Bar nichts trank, arbeitete. Er zeigte es jedem, der wusste, worauf er achten musste.

Das Saxofon auf der kleinen Bühne setzte für ein neues Solo an. Eine schrille Dissonanz, die in den Ohren kratzte.

Der Fotograf drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus. Er knöpfte das Sakko zu. Das Chrom verschwand. Er warf ein paar zerknitterte Schillinge auf den Tisch, erhob sich und schob sich durch die Menge in Richtung Ausgang. Er warf Whitfield keinen einzigen Blick zu. Er hatte längst, was er brauchte.

Vicky trat an den Zapfhahn. Sie griff nach dem feuchten Lappen unter der Theke und wischte über die klebrigen Ringe auf dem Mahagoni. Das Holz klebte. Sie prägte sich den Rücken des Mannes ein. Die abfallenden Schultern. Das pomadisierte Haar.

Die schwere gepolsterte Doppeltür fiel hinter ihm zu. Vicky schob die Münzen des Russen in die Kasse und warf den Lappen in das trübe Spülwasser.

Gegen Mitternacht schaltete die Casanova Bar in einen anderen Rhythmus. Der Jazz wurde lauter, hastiger, angetrieben vom Alkohol und der Angst der Männer, dass der Morgen zu schnell kommen würde. Der Rauch stand in dicken, schmerzhaften Schwaden unter den niedrigen Decken. Das Klirren der Eiswürfel klang jetzt wie das Zerbrechen von Glas auf Stein. Der Raum atmete den verbrauchten Sauerstoff von hundert schweigenden Lügnern, die keine Geheimnisse mehr hatten, nur noch Preise.

Ganz am Ende des Tresens, fernab der flackernden Kerzen der Nischentische, saß ein Mann. Allein.
Er saß da, wo das Mahagoni vom Spülwasser aufgeweicht und das Furnier abgesplittert war. Vor ihm stand ein bauchiges Glas. Er hatte nicht bestellt. Das Glas war ihm von dem anderen Barmann einfach hingestellt worden, gefüllt mit dem billigsten Weinbrand, den der Keller hergab. Eine unausgesprochene Vereinbarung für Stammgäste, die nicht mehr wegen der Gesellschaft kamen.

Ein Mann Mitte dreißig, der aussah wie Ende vierzig. Die Wangen fielen nach innen, als hätte die Schwerkraft Wiens hier ganze Arbeit geleistet. Graue Bartstoppeln überzogen ein Kinn, das einmal markant, fast majestätisch gewesen war. Das braune Sakko, dessen feiner Tweed vor dem Krieg viel Geld gekostet haben musste, hing an seinen Schultern wie an einem rostigen Kleiderbügel. Er roch nach nassem Aschestaub, kaltem Rauch und altem Schweiß.

Aber das Schlimmste waren die Hände.
Einmal waren es Schauspielerhände gewesen. Lang, ausdrucksvoll, gemacht für weite, präzise Gesten, die mühelos bis in die letzte Reihe des Burgtheater-Parketts reichten. Hände, die Monologe stützten. Jetzt lagen sie auf dem klebrigen Holz und zitterten. Die Knöchel traten scharf unter der pergamentartigen Haut hervor. Es war nicht die feuchte Kälte des Souterrains, die sie zum Beben brachte. Es war das permanente, nervöse Zucken vor allem, was der Alkohol nicht mehr betäuben konnte.

Vicky trat an das Ende des Tresens. Ihre Riemchenschuhe klackten hart auf den feuchten Dielen. Sie nahm die schwere Flasche mit dem trüben Cognac.
»Was darf’s sein?«, schnarrte sie. Ein Berliner Befehlston, überzogen, schrill.

Er hob den Kopf. Der Blick war trüb, wasserfarben, leblos. Er sah das künstliche Schwarz der Seide. Er sah den tiefen Ausschnitt. Er sah das blutige Karminrot der Lippen. Er sah eine Bardame. Kein Mensch. Ein Inventarstück aus Fleisch und Schminke, das Schnaps lieferte.
»Noch an Cognac«, sagte er. Die Stimme war brüchig. Ein Cello mit gerissenen Saiten.

Lila erkannte ihn. Sofort.
Nicht an den eingefallenen Augen. Nicht an der grauen Haut. Sie erkannte die Art, wie sein Daumen über den Glasrand strich. Den vertrauten Winkel des Handgelenks. Die feine Neigung des Kopfes. Die asymmetrische Spannung in den Schultern. Die Körperhaltung eines Mannes, der selbst im Zusammenfallen noch den unbewussten Reflex besaß, sich in Position zu bringen.
Ernst Lindner.

Die Hände.
Der Geruch von nassem Wollstoff mischte sich jäh mit dem Aroma frisch gemahlener Bohnen. 1936. Café Landtmann. Draußen schlug der feine Oktoberregen gegen die hohen, beschlagenen Bogenfenster. Drinnen klang das leise, kultivierte Klirren von Silberbesteck auf dünnem Porzellan. Ernst saß ihr gegenüber. Seine Hände ruhten um eine weiße Kaffeetasse. Die Finger waren ruhig, elegant, schwerelos. Es waren die Hände eines Mannes, dem die Welt gehörte, weil er noch nicht wusste, wie schnell sie in Flammen aufgehen konnte. Er lehnte sich vor. Er sagte etwas – einen beiläufigen Satz über einen Regisseur, eine kleine, arrogante, charmante Beobachtung. Sie lachte. Er lächelte zurück, ein weiches Lächeln, das die Winkel seiner Augen veränderte. Fünfzehn Sekunden. Das Licht der Gaslaternen spiegelte sich bernsteinfarben im Fensterglas. Fünfzehn Sekunden, in denen Wien sicher und das Leben unendlich war.

Der schrille Schlag eines Beckens vom Schlagzeuger zerschnitt den Raum.
Die Gegenwart fiel kalt und blechern zurück in den verrauchten Raum.
Dieselben Hände. Verkrampft. Zitternd um ein dickes, schmutziges Cognac-Glas in einer Agentenbar im Jahr 1947. Zehn Jahre. Ein harter, tonloser Schnitt, in dem alles Licht aus dem Glas gewaschen worden war.

Ernst schob das leere Glas ein paar Zentimeter über den feuchten Tresen nach vorn. Ein gequältes, mechanisches Heben der Mundwinkel veränderte sein Gesicht.
»Na Schöne«, sagte er. Es klang nach Sägemehl. »Schenk noch an ein.«

Ein Flirt aus der Retorte. Müde. Automatisch. Ohne jegliche Überzeugung.
Er erkannte sie nicht. Die Frau, die er geliebt hatte, stand dreißig Zentimeter vor ihm, und er bestellte Fusel bei einem Akzent und einem Ausschnitt. Das war kein Fehler in der Matrix der Bar. Das war Lilas Handwerk.

Vicky schenkte ein. Ihre Hände waren absolut ruhig. Der schwere Flaschenhals schwebte exakt einen Millimeter über dem Glas, ohne das Holz oder den Rand zu berühren. Sie stellte das volle Glas vor ihm ab. Genau auf die Mitte des feuchten Rings. Kein Klirren. Kein Zittern.
Unter dem Berliner Akzent, unter dem roten Wachs der Lippen und der künstlichen Seide, wurde es totenstill. Das Eis im Maschinenraum brach nicht. Es verhärtete sich nur.
Das Kondenswasser rann langsam an Ernsts Glas herab, sammelte sich am dicken Fuß und tropfte auf das Mahagoni. Die Stille zwischen zwei Herzschlägen. Ein Tropfen. Zwei Tropfen.

»Orlow wäre nicht so geduldig.«
Der Satz fiel wie eine kalte Bleimünze hinter Vickys Rücken. Ein Offizier in Zivil sprach leise mit seinem Kontaktmann. Nur ein beiläufiges Murmeln auf dem Weg zur Herrentoilette. Ein Schatten, der sich flüchtig über den Tresen legte, schwer und lautlos. Orlow war nicht im Raum, aber sein Name reichte aus, um den Tabakrauch in der Luft gefrieren zu lassen. Die Stadt war ein Netz, und jeder Faden zitterte, wenn Orlow am anderen Ende saß.

Ernst griff nach dem Glas. Er trank nicht auf den Genuss, er kippte die braune, scharfe Flüssigkeit in sich hinein, als müsste er ein inneres Feuer löschen. Er schluckte schwer. Dann kramte er in der tiefen Tasche seines ausgeleierten Sakkos. Ein paar zerknitterte, schmutzige Schillinge, feucht vom Schweiß seiner Handfläche, fielen auf den Tresen.

Er stand auf. Die Knie gaben für den Bruchteil einer Sekunde nach. Er fing sich an der Tresenkante, straffte die Schultern zu einer grotesken Karikatur seiner alten, stolzen Theaterhaltung und wandte sich ab. Er schwankte leicht, die Schritte ungleichmäßig, als er auf die schwere gepolsterte Doppeltür zuging. Das rote Leder schluckte ihn. Die Tür fiel lautlos zu.

Vicky griff nach dem nassen, grauen Lappen unter der Zapfanlage. Sie wischte über das Holz. Sie schob die feuchten Schillinge in die Kasse. Dann wischte sie über die Stelle, wo sein Glas gestanden hatte. Ein nasser Ring auf dem zerkratzten Mahagoni.
Sie wischte darüber. Einmal. Zweimal. Dann war auch der weg.

Die Rückseite der Casanova Bar roch nach dem Ende aller Feste. Es war ein schmaler, feuchter Einschnitt zwischen zwei schwarzen Brandmauern. Aus den verbeulten Mülltonnen an der Wand stieg der Geruch von saurem Bier, verfaultem Kohl und chlorierter Seife auf. Ein schwaches, gelbliches Licht fiel aus einem vergitterten Fenster der Bar-Küche auf das nasse Kopfsteinpflaster. Der Nieselregen hatte aufgehört, aber das Wasser tropfte unerbittlich und rhythmisch aus zerschossenen Dachrinnen.

Der Fotograf stand unter einem kleinen, verrusten Blechvordach. Er rauchte. Er bewegte sich nicht, als eine fette Ratte über das Kopfsteinpflaster huschte und unter einer Tonne verschwand. Geduld war sein Kapital. Wer im Schatten warten konnte, verdiente in dieser Stadt das meiste.

Lila lehnte an der feuchten Ziegelmauer am anderen Ende der Gasse. Die geliehenen Riemchenschuhe standen neben ihr im Schmutz. Sie stand strumpfsockig auf dem feuchten Kopfsteinpflaster. Die Kälte zog sofort durch die dünne, durchlöcherte Baumwolle in die Sohlen, wanderte die Knöchel hinauf, kroch unter den Saum des schwarzen Seidenkleides. Es war eine notwendige Kälte. Auf nassen Strümpfen machte man keinen Lärm.

Sie trat aus dem Dunkel. Lautlos. Keine klackenden Absätze mehr. Vicky blieb an der Ziegelmauer zurück.

»Die Negative. Alle.«

Die Stimme schnitt durch das gleichmäßige Tropfen des Wassers. Kein Berliner Akzent. Keine kokette, aufgesetzte Tiefe. Ein flacher, hohler Klang, absolut ortlos. Eine Stimme, die nur aus Forderung bestand.

Der Fotograf schreckte auf. Die Schultern zogen sich hoch, die freie Hand zuckte in Richtung seiner Manteltasche. Ein Reflex der Besatzungszeit. Er brauchte eine Sekunde, um die Frau im tief ausgeschnittenen schwarzen Kleid mit der Stimme einer Beamtin zusammenzubringen. Dann fiel die Asche seiner Zigarette auf den nassen Boden, und er entspannte sich.

»Wer fragt?«, sagte er. Breit, weich, wienerisch. Er klang wie ein Händler auf dem Naschmarkt, der über den Preis für faule Kartoffeln stritt.

»Jemand mit Pfund.«

Das Wort ließ ihn aufhorchen. Pfund Sterling. Die Währung der Sieger, die nicht nach Übersee mussten. Echtes Geld.

Er warf die Zigarette in eine Pfütze. Es zischte kurz. Er trat einen halben Schritt vor. Das gelbe Licht aus dem Küchenfenster traf sein Gesicht. Glänzende Haut, Pomade, wachsame, schnelle Augen. Ein Überlebenskünstler. Ein Hund, der jedes Stöckchen holte, egal, welche Uniform der Werfer trug.

»Englisches Geld is gefährlich«, sagte er, ohne dass ein Funken Sorge in der Stimme lag. »Wer sagt mir, dass ich mit dem Papierl nicht gleich bei den Ivanen lande?«

»Wer mit dem Feuer spielt, darf sich nicht über Rauch beschweren.«

Lila hob die rechte Hand. Ein schmaler, grauer Umschlag.

Der Fotograf rieb Daumen und Zeigefinger aneinander. Er trat noch einen Schritt vor. Es roch nach billigem Aftershave und kaltem Tabak. »Zehn Pfund. Der Captain hat was zu verlieren. Da sind zehn fast geschenkt.«

»Fünf.«

»Geh bitte, junge Frau. Für fünf riskier ich nicht meine –«

»Fünf. Jetzt. Oder Sie diskutieren morgen mit Captain Whitfield über den Marktwert von Erpressung. In einem Keller der britischen Militärpolizei.«

Auf der Hauptstraße ratterte ein Konvoi vorbei, das Geräusch schwer und mahlend. Das Geschirr in der Bar-Küche klirrte leise durch das gekippte Fenster.

Der Fotograf blinzelte. Einmal. Zweimal. Dann zuckte er mit den Schultern.

»Geschäft is Geschäft«, sagte er.

Er griff in die Innentasche seines aufgerauten Sakkos. Zwei winzige, schwarze Blechdosen kamen zum Vorschein. Er hielt sie hin. Lila reichte ihm den Umschlag. Der Austausch fand im Halbdunkel statt. Pappe gegen Blech.

Er öffnete den Umschlag sofort, schob den Daumen hinein, fühlte das Papier. Ein Nicken. Keine Beschwerde. Kein letzter Versuch, den Preis doch noch in die Höhe zu treiben.

Ein technischer Fehler. Schlechtes Handwerk.

Wer sein einziges Kapital aus der Hand gibt, wehrt sich. Wer das Original hergibt, blutet den Käufer aus, verhandelt um jeden Penny, klagt über das Risiko, weil danach nichts mehr kommt. Wer ohne Zögern den halben Preis akzeptiert, verkauft kein Original.

Lila sah es in seinen Augen. Ein kurzes, sattes Entspannen der Gesichtszüge. Er hatte Kopien. Die echte Ware hing längst irgendwo in Ottakring in einer Dunkelkammer auf einer Leine zum Trocknen. Das Problem Whitfield war nicht verschwunden. Es war nur vertagt. Es würde einen neuen Preis geben. Nächste Woche, nächsten Monat.

Lila wog die winzigen Dosen in der Hand. Sie nahm sie trotzdem. Whitfield hatte für diese Woche bezahlt. Sie steckte das Blech in ihre Tasche.

Der Fotograf knöpfte sein Sakko wieder zu. Das Chrom der Leica unter dem Arm blitzte im Licht der Küche kurz auf.

»Empfehle mich, die Dame«, sagte er. Er berührte mit Zeige- und Mittelfinger imaginär eine Hutkrempe.

Er drehte sich um und schlenderte in Richtung der Hauptstraße. Seine Schuhe klatschten nass und gleichmäßig auf die Steine. Nach fünf Metern fing er an zu pfeifen. Leise, melodisch, ohne jede Eile. Ein Gassenhauer über den Wiener Wein. Ein Mann ohne Gewissen, aber mit glänzendem Geschäftssinn.

Lila stand allein in der Gasse. Die Kälte war jetzt in ihre Knie gekrochen. Die schwarzen Blechdosen in ihrer Tasche wogen nichts. Der Geruch von saurem Bier legte sich schwer über die feuchte Luft. Sie drehte sich um, hob die Schuhe aus dem Schmutz und ging zurück in den Schatten.

Der Treffpunkt war ein torloser Innenhof hinter der Minoritenkirche. Der Kontaktmann wartete im Schatten eines zerschossenen Bogengangs. Die Glut seiner Players-Zigarette war der einzige Fixpunkt in der feuchten Schwärze.

Lila trat aus dem Regen. Sie reichte ihm die zwei schwarzen Blechdosen.

Er nahm sie, ohne ein Wort zu sagen. Ein schmales Benzinfeuerzeug klickte auf. Im flackernden, gelben Licht prüfte er die Ränder der Dosen und den festsitzenden Verschluss. Dann erlosch die Flamme. Das Blech verschwand lautlos in der tiefen Tasche seines Trenchcoats.

Ein dicker Papierstapel wechselte den Besitzer. Lila strich mit dem Daumen über die Kanten. Pfund Sterling. Raues, schweres Papier, in der Mitte hart gefalzt. Die Währung von Leuten, die morgen ein Flugzeug nehmen konnten. In den Gassen von Wien war dieses Papier mehr wert als ein Koffer voll Reichsmark, aber es brannte einem Löcher in die Taschen.

Der Brite drehte sich um. Kein Nicken. Kein Dankeschön. Briten bedankten sich durch Bezahlung. Der Rhythmus seiner Schritte verlor sich schnell auf dem nassen Kopfsteinpflaster, bis nur noch das Pfeifen des Windes durch die hohlen Fensterhöhlen der Kirche übrig blieb.

Eine halbe Stunde später im Souterrain auf der Wieden.

Die Verwandlung zu Vicky war laut gewesen. Das Ablegen war still. Die Masken, die am meisten Raum einnahmen, fielen am schnellsten.

Lila zog die zwanzig Haarnadeln aus den strengen Wasserwellen. Sie fielen nacheinander auf das Holz des Schminktisches, ein unregelmäßiges, blechernes Prasseln. Das Haar verlor sofort seine Form und hing schwer auf ihre Schultern.

Der schwarze Seidenstoff kratzte hart über die Haut, als sie das Kleid über den Kopf zog. Die feuchte Kälte des Kellers schlug ihr augenblicklich entgegen, legte sich wie ein nasser Lappen auf das nackte Schlüsselbein und die Arme.

Dann das Gesicht.

Lila griff nach keinem Tuch. Sie hob den Handrücken. Eine einzige, harte Wischbewegung über ihren Mund. Das dicke Karminrot riss ab, verschmierte über die linke Wange und zog einen blutigen Streifen bis zum Kieferknochen. Es roch penetrant nach Wachs und künstlichem Beerenaroma. Ein zweiter, rauer Wisch. Die Haut brannte leicht unter der Reibung.

Das Gesicht im Spiegel veränderte sich. Vicky verschwand im schmierigen Rot auf dem Handrücken. Darunter lag ihr eigener Mund. Blass. Dünn. Rissig in den Winkeln. Ein Mund, der zehn Jahre älter war als das Lachen der Bardame.

Es waren diese Lippen, die den Cognac eingeschenkt hatten. Es war dieses Gesicht, vor dem Ernst gesessen hatte, getrennt nur durch die Breite eines nassen Mahagonitresens.

Lila schob die Pfundnoten in die Tasche ihres alten Wollmantels. Sie gehörten nicht auf den Tisch. Dort lag nur das Inventar des Schattens. Das Burgtheater-Programmheft von siebenunddreißig. Der Pudertiegel. Die Theaterkarte. Der Lippenstift. Das Paket mit den Schmerzmitteln. Das bernsteinfarbene Penicillinfläschchen. Der penibel gefaltete Zettel mit der Tintenanalyse.

Sieben Gegenstände. Nichts Neues kam hinzu.

Und doch lag etwas über dem zersprungenen Glas. Ein Bild, das nicht abzuwischen war. Ein Gesicht, grau und hohlwangig. Zwei zitternde Hände, deren Knöchel scharf unter der pergamentartigen Haut hervortraten. Ein nasser, runder Ring auf einem zerkratzten Holztresen.

Die Casanova Bar schloss nie. Draußen über der Stadt mochte der Morgen grau und regenschwer über die Ruinen des Ersten Bezirks kriechen, den Kalkstaub in die Pfützen waschen und die Konturen der zerschossenen Palais freilegen, aber im Inneren der gepolsterten Türen blieb die Zeit stehen.

Die Agenten kamen und gingen. Ein endloser Strom aus britischem und französischem Khaki, amerikanischem Oliv und grobem russischen Wollstoff. Die Drinks flossen stetig in ungespülte Gläser, und die Geheimnisse wechselten den Besitzer wie abgegriffene, schmutzige Geldscheine, die längst ihren Wert verloren hatten. Wien war zu einer einzigen Bühne geworden. Vier Besatzungsmächte schrieben das Stück, vier unsichtbare Regisseure verteilten die Rollen. Jeder in dieser Stadt spielte. Jeder log, jeder verhandelte, jeder tarnte sich hinter geschmuggelten Zigaretten oder falschen Akzenten.

Aber es gab kein Publikum mehr. Niemand schaute zu.

Außer den Bardamen. Sie standen am Rand der verrauchten Räume. Sie mischten den Fusel, sie wischten über das klebrige Holz, sie sahen die zitternden Hände, die vertauschten Umschläge und die versteckten Kameras. Sie sahen alles. Und sie sagten nichts. Es war das älteste Handwerk der Stadt.

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