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008 – Das Kino im Nachkriegs-Wien
Es roch nach nasser Wolle, Bohnerwachs und altem Schweiß. Wenn der Kalkstaub der zerbombten Straßen im Lichtkegel des Projektors tanzte, wurde es im Saal für einen Moment stiller. Das Kino im Winter 1947 war kein Ort für Träumer. Es war ein kollektiver Heizkörper. Eine Eintrittskarte aus dünnem Papier kaufte man nicht zwingend, um in eine andere Welt zu entfliehen. Man kaufte sie, um für neunzig Minuten in dieser Welt nicht frieren zu müssen.
Nach dem Zusammenbruch war die Stadt ein zerschlagener Körper, aber die Filmprojektoren liefen erstaunlich schnell wieder. Strommangel konnte Vorführungen unterbrechen, die hölzernen Klappsitze waren zerschlissen und die Heizung unberechenbar. Aber die Dunkelheit war verlässlich. Man saß dicht an dicht, anonym und unsichtbar. In einer Zeit, in der jeder Aktenvermerk, jeder Stempel und jeder Bezugsschein über das unmittelbare Überleben entschied, war der halbdunkle Saal einer der wenigen Räume ohne amtliche Befragung.
Doch das Licht auf der Leinwand war nicht unschuldig. Bevor der Hauptfilm anlief, ratterte die Wochenschau durch den Projektor. Hier zeigte die neue Ordnung ihr Gesicht. Die schweren Blechdosen mit den Filmrollen transportierten nicht nur Unterhaltung. Sie transportierten alliierte Kulturpolitik. Amerikanische, britische, französische und sowjetische Stellen bestimmten mit, welche Filme, Wochenschauen und Bilder in der besetzten Stadt zirkulierten. Neue Sieger brachten neue Nachrichten, neue Feinde und neue Versprechen von Normalität. Das Filmmaterial zeigte der Stadt, welche Erzählungen jetzt gelten sollten und welche Bilder verschwinden mussten. Die Menschen im Saal starrten auf die Leinwand – hungrig, hustend und selten bereit, genau hinzusehen, solange die Gesichter im Licht von einer Welt erzählten, die satt und unversehrt war.
In der Welt von Vienna Shadow ist das Kino kein Ort der harmlosen Illusion. Für Lila, die das Handwerk der Bühne und die Mechanik der Kulissen kennt, ist kein Bild zufällig. Sie weiß, dass jedes Bild eine Ordnung behauptet. Wenn sie aus der nassen Kälte der Wiener Straßen in einen dieser Säle tritt, sucht sie keine Ablenkung. Sie beobachtet nicht die Leinwand, sondern das flackernde weiße Licht auf den Gesichtern der anderen. Sie sieht, wie die Stadt das Wegschauen übt. Wie bereitwillig sich die Erschöpften an die neuen Bilder der Siegermächte gewöhnen, weil die alten zu gefährlich geworden sind. Die kollektive Dunkelheit ist hier Schutzmantel und Betäubung zugleich.
Wenn das Saallicht am Ende rücksichtslos wieder ansprang, war der Pakt sofort gebrochen. Man knöpfte den klammen Mantel zu, schob sich hinaus in den eisigen Wind des Rings und war wieder genau der Körper, der man vor neunzig Minuten gewesen war.