>_ Orte
009 – Das Kaffeehaus ohne Kaffee
Die Tasse wird nicht heiß. Die dunkle Flüssigkeit darin riecht nach gerösteter Gerste, Zichorie und Asche, aber nicht nach Kaffee. Die Luft im Raum ist eine Mischung aus nasser Wolle, saurem Machorka-Tabak und dem gedämpften Summen unzähliger, hastiger Gespräche. Man behält den Mantel an, während man am Marmortisch sitzt. Die Fenster beschlagen nicht, dafür ist der Raum zu kalt.
Das Wiener Kaffeehaus war einmal die Institution einer sicheren Welt. Ein ausgelagertes Wohnzimmer für eine Gesellschaft, die sich auf Plüsch, Marmor und Silbertabletts verließ. 1947 ist von dieser Architektur nur noch das Gerippe übrig. Die Thonet-Sessel stehen noch, die großen Spiegel hängen an den Wänden, aber das Glas ist blind und der Stuck blättert. Brennstoff ist so knapp wie echte Kaffeebohnen. Bohnenkaffee ist Schwarzmarktware, unbezahlbar für den gewöhnlichen Gast. Man bestellt eine kleine Tasse Ersatzkaffee aus Zichorie, Gerste, Malz, Roggen oder Feigen, und ein Glas Leitungswasser. Bezahlt wird nicht für den Genuss, sondern für die Berechtigung, an einem Tisch zu sitzen.
Wer im Hungerwinter hier sitzt, sucht keine Gemütlichkeit. Man sucht einen Ort, an dem man nicht allein friert. Und man sucht Informationen. Das Kaffeehaus ohne Kaffee ist die beschädigte Bühne der Normalität. Man hält an der Form fest, auch wenn der Inhalt fehlt. Der Oberkellner trägt noch Schwarz-Weiß, selbst wenn der Kragen abgewetzt ist und die Schuhe Löcher haben.
Zwischen den zerschlissenen Zeitungsseiten an ihren geschwungenen Holzstäben wechseln nicht nur Gerüchte, sondern Überlebensstrategien. Wer hat einen Bezugsschein für Kohle? Wer macht im Souterrain Geschäfte mit den Amerikanern? Wer ist gestern Abend in der sowjetischen Zone abgeholt worden? Die offizielle Stadt liest die zensierten Zeitungen. Die inoffizielle Stadt liest die Gesichter an den Nebentischen. Die Kaffeehäuser, vor allem die zentral gelegenen, werden zu Umschlagplätzen. Hier kreuzen sich die Wege von Schiebern, alliierten Soldaten, heimkehrenden Beamten und jenen, die lautlos in eine neue Biografie hinübergleiten wollen.
In dieser Topografie der Kälte und des Misstrauens sind Kaffeehäuser keine Pausenräume, sondern Beobachtungsposten. Die Tische sind Tarnung. Männer mit zu sauberen Manschetten tauschen Papiere, während Frauen den Kopf senken und den Löffel lautlos in der kalten Brühe drehen, um nicht aufzufallen. Die alte Bürgerlichkeit ist eine Maske geworden, hinter der die rohe Mechanik der Nachkriegszeit operiert. Wer hier schweigt, verbirgt etwas. Wer laut redet, lenkt ab.
Am Ende bleibt kein Trinkgeld. Man legt abgewertetes Papiergeld auf den kalten Stein. Der Geschmack von Zichorie hält sich im Mundraum. Trocken, bitter und ohne jede Versprechung.