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060 – Zigarettenmarken
Tabakkrümel in den Nahtzugaben abgetragener Mäntel. Ein gelblicher Rand an Zeige- und Mittelfinger. In den Wiener Kaffeehäusern des Jahres 1947, in denen es keinen echten Kaffee gibt, steht der Rauch in Schichten. Doch nicht jeder Rauch ist gleich. Wer die Augen schließt, kann die Hierarchie der zerstörten Stadt am Geruch erkennen.
Geld ist 1947 eine brüchige Illusion. Der Schilling kauft auf dem offiziellen Markt nur wenig von dem, was der Körper wirklich braucht. Die wahre Währung der Stadt ist zylindrisch, fingerlang und brennt. Eine einzige Zigarette kann eine Tür öffnen, einen Stempel beschleunigen, eine Auskunft am Frachtbahnhof bezahlen. Eine ganze Schachtel kann Schweigen kaufen.
Die Herkunft des Tabaks zeichnet die Bruchlinien der Besatzung nach. Ganz unten brennt der Machorka. Es ist der scharfe, saure, grobe Rauch der sowjetischen Soldaten, der Besatzungsnähe und derer, die nichts mehr einzutauschen haben. Oft wird er aus Zeitungspapier gedreht und bis zu den Fingerspitzen geraucht, bis die Glut die Haut versengt. Wer keinen Machorka hat, schickt Kinder auf die Straße, um aus achtlos weggeworfenen Stummeln die letzten Reste Tabak zusammenzukratzen. Darüber rangiert das, was über die österreichische Tabakregie und offizielle Zuteilungen überhaupt noch erhältlich ist.
Ganz oben glimmen die Importe. Wer auf dem Schwarzmarkt, am Naschmarkt oder im Schatten der Bahnhöfe Lucky Strike, Chesterfield oder britische Marken tauscht, handelt nicht mit Genussmitteln. Er handelt mit Kapital. Die glatte weiße Hülle, der helle, süßlichere Virginia-Tabak – das ist der Geruch von Siegerware. Von Schiebern. Von Leuten, die Verbindungen haben.
In Lilas Welt ist eine Zigarettenschachtel aufschlussreicher als ein Ausweis. Papiere können gefälscht sein. Eine Schachtel amerikanischer Ware auf dem Schreibtisch eines kleinen Magistratsbeamten erzählt die Wahrheit. Sie verrät, dass er Zugang hat, den sein offizielles Gehalt nicht erklärt.
Eine hastig ausgedrückte Fremdmarke im Aschenbecher eines feuchten Souterrain-Beisls, in dem sonst nur Machorka glimmt, markiert einen Fremdkörper. Sie zeigt, wer hier saß und wer die Regeln diktierte. Eine Zigarette anzubieten, ist in diesem Winter keine bloße Höflichkeit. Es ist eine Verhandlung. Es testet die Bedürftigkeit des Gegenübers und etabliert eine Schuld.
Die Asche fällt auf abgewetzte Tische, auf feuchtes Zeitungspapier, auf Akten, die das Überleben von Menschen verwalten. Am Ende bleibt von der härtesten Währung der Stadt nur ein grauer Fleck.