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028 – Dolmetschen als gefährliche Kunst
Zwei Stühle, ein Schreibtisch, ein übervoller Aschenbecher. Die Luft riecht nach nasser Wolle und Machorka, oder nach Virginia-Tabak und Kalkstaub. Zwei Männer sprechen, aber sie verstehen einander nicht. Der eine trägt Uniform, der andere einen fadenscheinigen Zivilanzug. Dazwischen steht eine dritte Person. Oft eine Frau. Sie gilt nicht als Gesprächspartnerin. Sie soll ein Werkzeug sein. Ein Mund, der die Macht von einer Schreibtischseite auf die andere trägt.
Wien hatte im Hungerwinter 1947 vier Sektoren, vier Besatzungsmächte und ein zerschnittenes Verwaltungsnetz. Ohne Sprachmittlung stand die Stadt still. Dolmetscherinnen und Dolmetscher saßen in ungeheizten Vernehmungszimmern, standen an zugigen Kontrollpunkten, begleiteten Patrouillen durch dunkle Straßen und warteten in den Vorhallen requirierter Hotels.
Es ging dabei selten um hohe Diplomatie. Übersetzt wurde der sture Alltag des Mangels: beschlagnahmte Kohlelieferungen, abgelaufene Bezugsscheine, hastig gefälschte Ausweise, Berichte über gestohlene Mäntel oder penibel geführte Listen von Theaterrequisiten. Viele Blätter Papier, die eine Zuständigkeit überschritten, brauchten eine fremdsprachige Entsprechung.
Sprache war in dieser Zeit kein Kulturgut. Sie war ein Passierschein. Wer Russisch, Englisch oder Französisch sprach, kam in Räume, in die andere nicht kamen. Wärme, Papier, Informationen. Doch diese Zwischenposition war hochriskant. Wer übersetzte, stand ungeschützt zwischen der Zivilbevölkerung und dem militärischen Apparat.
Eine Dolmetscherin übertrug nicht einfach Vokabeln. Sie übertrug Dringlichkeit, Unterwürfigkeit, Höflichkeit oder eine versteckte Drohung. Sie musste in Sekundenbruchteilen entscheiden, ob das Stottern eines Schmugglers in der Zielsprache als Erschöpfung oder als Lüge klang. Wer die falschen Worte wählte, riskierte die Verhaftung eines anderen. Wer zu viel verstand, wurde zum Mitwisser von Schiebergeschäften, Requirierungen oder politischen Säuberungen. Und wer zwischen den Fronten zu reibungslos vermittelte, konnte den Verdacht auf sich ziehen, mehr zu wissen, als ihm zustand.
In der Welt von Vienna Shadow ist die Dolmetscherin kein menschliches Lexikon. Sie ist eine Schwelle. Durch ihren Körper muss jeder Satz hindurch, bevor er zum Befehl, zur Erpressung oder zur Rettung wird. Sie arbeitet im Schatten der Kommandanturen, wo die offizielle Aktenlage und die inoffizielle Wahrheit aufeinanderprallen.
Sie muss sachlich sprechen, während andere schreien. Sie darf nicht zittern, wenn ein Offizier droht, und sie darf kein Mitleid zeigen, wenn der Befragte den Kopf hängen lässt. Sie trägt eine akustische Maske. Neutralität ist hier keine berufliche Ethik, sondern das einzige Überlebensmittel. Denn jede Pause, jedes Zögern vor einem Wort, kann die Richtung der Gewalt verändern.
Ein verschluckter Nebensatz rettet manchmal ein Leben. Ein zu scharfer Tonfall schließt die Akte für immer.