Dinge
099 – Dienstbücher
Ein schwarzer Wachstucheinband, abgegriffen an den Rändern, glänzend vom Hautfett zahlloser Handkanten. Es trägt säuerliche Tinte, schlechtes Papier und kalten Tabak. Das Dienstbuch ist kein Lesestoff. Es ist das Gedächtnis einer Institution, gebunden in starre Linien. Viele Dinge sind ungewiss. Währungen wanken, Zuständigkeiten überlagern einander im dichten Nebel der Besatzungszeit, Namen wechseln die Schreibweise und […]
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082 – Morphium
Das Glas ist braun, um das Licht fernzuhalten. Die Ampulle ist klein, fast schwerelos in der Hand. Ein Fingerhut voll Flüssigkeit, der eine Welt ausschalten kann. Morphium roch nicht. Es war lautlos. Aber es war das begehrteste Flüstern in einer Stadt, die aus Schmerz bestand. Der Krieg war vorbei, aber die Körper wussten das nicht. […]
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079 – Weiße Nelken in Garderobe Eins
Blumen waren im Wien der Trümmer keine Selbstverständlichkeit. Sie kosteten Kohle für Gewächshäuser, die knapp war, oder Transportwege, die unzuverlässig geworden waren. Eine Blume in dieser Zeit war kein Zufall der Natur. Sie war eine Behauptung. Draußen froren die Menschen in zerschlissenen Mänteln vor den Anzeigetafeln der Lebensmittelkarten. Es gab kaum regulären Brennstoff, auf den […]
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078 – Maske und Fettfarbe
Fettfarbe hat nichts mit Applaus zu tun. Sie besteht aus Fett, Wachs, altem Öl und dem feinen Staub, der sich in den kaputten Tiegeln absetzt. In einer Stadt, in der Brennholz und Mehl die wahre Währung sind, ist gutes Theatermaterial absurd. Doch wer in den Nachkriegsjahren über Schminke verfügt, malt sich keine Schönheit an. Er […]
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074 – Der Rosenkranz
Holzperlen auf einem Faden. Ein kleines Metallkreuz, das im Gehen gegen dunklen Stoff schlägt. Der Rosenkranz ist ein Gebet, aber vor allem ist er ein Gegenstand. Ein Werkzeug für die Hände. In einer Zeit, in der es kaum noch etwas Verlässliches festzuhalten gibt, bietet er fünfzig kleine Knotenpunkte der Wiederholung. Das leise, trockene Klacken, wenn […]
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073 – Altes Geld
Altes Geld war in der Nachkriegsstadt kein Versprechen auf die Zukunft. Es war ein Risiko, das man in den Händen hielt. Abgegriffene Scheine, rissig an den Mittelkanten, gebündelt mit brüchigem Zwirn oder hastig in unauffällige braune Kuverts gestopft. In einer Stadt, die hungerte und fror, hatte der Wert seinen Aggregatzustand gewechselt. Eine Währung, die morgen […]
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070 – Fingerabdrücke
Eine Kuppe aus Haut, gepresst auf Papier. Schwarze Tinte, die in die feinen Rillen kriecht. Linien, Schleifen, Wirbel. Ein Fingerabdruck ist das einzige Geständnis, das ein Körper macht, ohne gefragt zu werden. Wien ist 1947 eine Stadt der verlorenen Namen und der geliehenen Existenzen. Papiere verbrannten in den letzten Kriegstagen. Karteien wurden beschädigt, verlagert, unvollständig […]
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068 – Kartoffel und Ersatzkaffee
Erde an den Fingern, braunes Wasser in der Tasse. Wer überleben wollte, hörte auf, in Rezepten zu denken. Man dachte in Kalorien, Gewicht und Tauschwert. Die Kartoffel war kein Gemüse mehr. Sie war Mathematik. Ein Jutesack voll Knollen entschied darüber, wie oft der Ofen im Winter kalt bleiben durfte, ohne dass der Körper aufgab. Sie […]
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067 – Entnazifizierungsakten
Schuld kam nach dem Krieg oft nicht als Geständnis zurück. Sie kam als Aktendeckel, Fragebogen, Leumundszeugnis und Stempel. Die Entnazifizierungsakte ist kein Buch der Gerechtigkeit. Sie ist ein Werkzeug der Verwaltung. Ein grauer Deckel mit weich gewordenen, ausgefransten Kanten, zusammengehalten von einer rostigen Heftklammer. Darin ein Konvolut aus dünnem, holzhaltigem Nachkriegspapier. Fragebögen, Meldezettel, eidesstattliche Erklärungen, […]
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065 – Arsen
Gewalt in der Nachkriegsstadt ist meist laut, hastig und schmutzig. Ein Schuss im Frachtbahnhof, ein Ziegelstein im Ruinenschatten, ein Stoß auf regennassem Kopfsteinpflaster. Aber es gibt eine Gewalt, die leise anklopft, höflich eintritt und eine Tasse auf den Tisch stellt. Arsen ist kein Spektakel. Arsenik konnte als schweres, helles Pulver erscheinen – in einer Stadt, […]
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066 – Der Ausweis
Ein Gesicht reichte in der besetzten Stadt nicht aus, um jemand zu sein. Ein Mensch war ein frierender Körper, aber eine Existenz war ein Stück gefaltetes Papier. Es trug weiche Knicke, Wasserflecken, abgeriebene Kanten und die Spuren zu vieler Kontrollen, dicht am Körper, immer griffbereit für die nächste Kontrolle. Wien war nicht nur Stadt, sondern […]
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058 – Die Todesbescheinigung
Ein Stück dünnes, holzhaltiges Papier. Ein blauer Stempel, ein Datum, eine hastige Unterschrift. Das amtliche Todespapier ist kein Grabstein. Mehr braucht die Verwaltung nicht, um das Warten zu beenden. Die Nachkriegsstadt ist eine Stadt der Abwesenden. Männer fehlen in den Wohnungen, verschluckt von Schützengräben, sowjetischen Gefangenenlagern oder verschütteten Kellern. Die Familien warten. Die Verwaltung nicht. […]
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057 – Das blaue Notizbuch
Ein blaues Notizbuch, die Kanten sind abgestoßen, das Wachstuch ist vom Daumen blank gerieben, zwischen den Seiten liegt der graue Abrieb des Bleistifts. Es ruht tief in der Innentasche eines Mantels, nah am Körper. In einer Stadt, in der Heizmaterial fehlt und Papier knapp ist, hat ein solches Heft keinen dekorativen Zweck. Es ist ein […]
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056 – Das Giftbuch
Es ist ein schweres Buch. Schwarzer Einband, fadengeheftet, linierte Seiten mit strengen Spalten. Es liegt nicht vorn auf der Budel, wo Zinksalbe und spärliche Vitamine über den Ladentisch gereicht werden. Es liegt im Hintergrund. Meist im Büro, in der Nähe eines versperrten Schranks. Das Giftbuch heilt nicht. Es verwaltet das äußerste Risiko. In einer Stadt, […]
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053 – Die Tintenanalyse
Worte können lügen, noch bevor die Tinte getrocknet ist. Aber die Tinte selbst lügt schlecht. Sie ist kein abstrakter Sinn, sie ist Materie. Eine Flüssigkeit aus Eisensalzen, Gerbstoffen, Ruß, Farbstoffen, Bindemitteln und Wasser, die auf Zellstoff trifft, in ihn eindringt, oxidiert und altert. In den ersten Nachkriegsjahren hing das Überleben an Papier. Wer man war, […]
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