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065 – Arsen
Gewalt in Wien 1947 ist meist laut, hastig und schmutzig. Ein Schuss im Frachtbahnhof, ein Ziegelstein im Ruinenschatten, ein Stoß auf regennassem Kopfsteinpflaster. Aber es gibt eine Gewalt, die leise anklopft, höflich eintritt und eine Tasse auf den Tisch stellt.
Arsen ist kein Spektakel. Arsenik konnte als schweres, helles Pulver erscheinen – in einer Stadt, in der ohnehin jedes weiße Pulver gestreckt, gehortet und mit Misstrauen beäugt wurde. In Mehl mischt sich Kalk, in Ersatzkaffee mischt sich verbrannte Zichorie, in den Magen kriecht der ständige Hunger. Ein bitterer oder metallischer Beigeschmack wäre in diesem Winter nicht sofort ein Skandal gewesen.
Wer 1947 in Wien stirbt, stirbt oft an Erschöpfung. Der Körper gibt schlichtweg nach. Das Herz setzt aus, der Darm krampft, das Fieber steigt. Die Arbeit von Arsen – Erbrechen, Krämpfe, kalter Schweiß, Schwäche – konnte auf den ersten Blick in die gewöhnlichen Begleiterscheinungen von Mangel, Infektionen und Erschöpfung übergehen. Nicht jeder plötzliche Tod führte automatisch zu einer aufwendigen toxikologischen Prüfung. Der Tod nutzt das perfekte Alibi: den maroden Körper der Stadt.
Doch Arsen ist in erster Linie keine toxische Substanz. Es ist eine Frage des Zugangs.
Wer jemanden erschießen will, braucht Distanz und ein freies Schussfeld. Wer jemanden vergiften will, braucht intime Nähe. Er muss den Weg in die Küche kennen. Er muss wissen, welche Suppenschale für wen bestimmt ist. Er muss die Brühe umrühren, den Löffel exakt auf das gestärkte Tischtuch legen, den Tee einschenken. Gift ist die Gewalt des Servicepersonals, der Pflege, der falschen Fürsorge. Es ist die stille Macht derer, die unbemerkt an Vorratsgläser, Tassen und Pfannen herantreten.
In den verbliebenen Salons und den requirierten Speisesälen der Besatzungsmächte, wo Offiziere und Schieber dinieren, ist Diskretion das oberste Gebot. Ein Schuss im Hotel zieht Militärpolizei, Taschenlampen und Protokolle an. Ein Zusammenbruch nach dem Abendessen konnte zunächst wie Herzversagen, Infektion oder Erschöpfung wirken und zog nicht zwangsläufig sofort das volle Gewicht von Polizei und Labor nach sich. Vielleicht kam nur ein diskreter Arzt, der zügig den Tod bescheinigte, um den Betrieb nicht zu beunruhigen.
Gift durchbricht jede institutionelle Panzerung. Männer können sich hinter Akten, Schlagbäumen und bewaffneten Fahrern verbergen. Aber sie müssen essen. Sie müssen trinken. Sie nehmen eine Tasse aus der Hand von jemandem entgegen, den sie kaum eines Blickes würdigen.
Der Mord ist nicht der Todeskampf. Der Mord ist der Moment, in dem die Hand die Tasse abstellt. Danach bleibt nur das Warten. Und später ein leerer Teller, der lautlos abgeräumt, und eine Untertasse, die im Spülstein mit eiskaltem Wasser gereinigt wird.