Dinge
051 – Der Holzstempel
Ein Amtsraum in Wien, 1947. Ein Tisch aus zerkratztem Holz. Das Geräusch ist immer dasselbe: ein trockenes, hartes Schlagen. Erst auf das Kissen, dann auf das Papier. Dunkle, manchmal violette oder rote Tinte kriecht langsam in das schlechte, faserige Zellstoffpapier. Der Holzstempel ist klein. Sein gedrechselter Griff glänzt vom Schweiß zahlloser Hände. Aber sein Abdruck […]
↗
Dinge
050 – Die Schwarze Notiz
Papier in Wien 1947 braucht normalerweise drei Dinge, um zu existieren: einen Briefkopf, eine Unterschrift, einen Stempel. Fehlt eines davon, ist es Altpapier, gut genug, um den Ofen für zwei Sekunden zu füttern. Aber es gibt Papier, das mächtiger ist als die Akten in den Kanzleien. Es hat abgerissene Kanten. Es ist gefaltet. Es riecht […]
↗
Dinge
049 – Kalkstaub
Wien roch 1947 nicht nach Kaffee, nicht nach Kohle, nicht nach feuchtem Laub. Es roch nach zermahlenem Stein. Kalkstaub war die eigentliche Witterung der Stadt. Er hing in der Luft, in den Wimpern der Fußgänger, auf den speckigen Kragen der gewendeten Wintermäntel und unter der Zunge. Wer in diesem Jahr in Wien atmete, atmete die […]
↗
Dinge
048 – Puder
Puder ist Staub, der an der Haut haftet. Im Winter 1947 riecht er nach veraltetem Talg, nach Kalk, zerstoßenen Mineralien und einem dünnen Hauch von künstlicher Rose, der die Kälte in den Garderoben nicht überdeckt. Er rieselt auf blinde Spiegelkonsolen, setzt sich in den Fugen unsauberer Dielen fest und stäubt auf feuchte Wollkragen. Kosmetik ist […]
↗
Dinge
047 – Die Butter
Im Winter 1947 roch echte Butter nach Tier, nach Wiese, nach einer physischen Welt vor dem Krieg. Aber vor allem roch sie nach Körperkraft. Sie war kein bloßer Brotbelag. Sie war verdichtete, gelbe Energie, feucht glänzend und eingewickelt in knisterndes, fettfleckiges Pergamentpapier. Wer ein Stück davon auf einen Tisch legte, legte kein Nahrungsmittel hin. Er […]
↗
Dinge
044 – Das geraubte Bild
Ein Gemälde besteht aus Pigmenten, Leinwandöl, Holz und Firnis. Im Wien des Jahres 1947 bestand es vor allem aus Herkunft. Ein Bild an einer Zimmerwand war nicht einfach Dekoration. Es war eine Behauptung, ein Risiko, eine Währung oder ein Verrat. Die Stadt war voll von verschobenen Dingen. Zwischen 1938 und 1945 hatten Möbel, Teppiche, Silberbestecke […]
↗
Dinge
042 – Der Meldezettel
Ein Mensch ohne Meldezettel existiert im Wien des Jahres 1947 für die Kanzleien kaum. Er mag durch den nassen Schnee gehen, er mag frieren, er mag hungern, aber für die Kanzleien ist er ein Vakuum. Erst wenn ein Beamter auf einem dünnen, rauen Bogen holzhaltigen Papiers einen Namen mit einer Hausnummer verknüpft, wird aus dem […]
↗
Dinge
039 – Schuhe
Wer 1947 durch Wien ging, spürte die Stadt bei jedem Schritt. Der Asphalt war aufgerissen, der Schutt scharfkantig, der Schnee feucht und schmutzig. Die Grenze zwischen dem menschlichen Körper und der zerstörten Stadt bestand oft nur aus dünnem, rissigem Leder, aus abgetretenem Gummi oder aufgeweichter Pappe. Der Klang der Schritte auf dem Pflaster verriet, wer […]
↗
Dinge
037 – Pressefreiheit unter Besatzung
Der Morgen roch nach nassem Kalk, kaltem Diesel und frischer Druckerschwärze. An den Ecken der Trümmerstraßen standen Frauen in verschlissenen Mänteln und verkauften gefaltete Blätter, die einem beim Lesen sofort die Finger schwärzten. Das Papier war dünn, holzig, riss schnell ein und wog fast nichts. Doch in einem Wien, das in vier Zonen zerteilt war, […]
↗
Dinge
036 – Die Straßenbahn
Die Kälte saß im Holz der Bänke und kroch durch die schlechten Sohlen. Wenn der Waggon ruckelnd anfuhr, roch es nach nasser Wolle, nach ungesalzenem Schweiß und dem scharfen, metallischen Funkenflug der Oberleitung. Die Scheiben waren von Atem beschlagen, eine trübe, undurchdringliche Schicht, durch die das graue Licht der Nachkriegsstadt nur gedämpft nach innen sickerte. […]
↗
Dinge
028 – Dolmetschen als gefährliche Kunst
Zwei Stühle, ein Schreibtisch, ein übervoller Aschenbecher. Die Luft riecht nach nasser Wolle und Machorka, oder nach Virginia-Tabak und Kalkstaub. Zwei Männer sprechen, aber sie verstehen einander nicht. Der eine trägt Uniform, der andere einen fadenscheinigen Zivilanzug. Dazwischen steht eine dritte Person. Oft eine Frau. Sie gilt nicht als Gesprächspartnerin. Sie soll ein Werkzeug sein. […]
↗
Dinge
021 – Penicillin
Ein kleines Fläschchen aus dickem Glas, verschlossen mit einem durchstechbaren Gummistopfen. Darin ein feines, helles Pulver, das erst mit sterilem Wasser aufgezogen werden musste. In den ersten Kriegsjahren war Penicillin noch eine empfindliche Flüssigkeit gewesen, schwer zu kühlen, schwer zu transportieren, leicht verloren. Bis 1947 lag es meist als stabileres Pulver vor, abgefüllt in Ampullen […]
↗
Dinge
018 – Der Passierschein
Die Kanten fransen aus, wenn man sie zu oft knickt. Ein Stück Papier, tief unten in der feuchtkalten Manteltasche, ertastet von klammen Fingern, lange bevor die Wache oder der Schlagbaum in Sicht kommt. Das dünne Nachkriegspapier saugt die Feuchtigkeit auf, die Tinte der Unterschriften neigt zum Verwischen. Man muss es hüten, als wäre es eine […]
↗
Dinge
017 – Kohle
Kohle roch man, bevor man sie sah. Oder man roch ihr Fehlen. Der feine, stumpfe Geruch von kalter Asche hing in den Stiegenhäusern, untrennbar vermischt mit dem Kalkstaub der beschädigten Fassaden. Wer 1947 in Wien saubere Hände hatte, fror. Oder er besaß die Macht, jemanden für sich in den Keller zu schicken. Im Wien der […]
↗
Dinge
016 – Lebensmittelkarten
Auf dem kalten Wachstuch des Küchentischs liegt ein gefaltetes, rissiges Stück Papier. Die Ränder sind ausgefranst, das Material ist dünnes, schlechtes Papier, bedruckt mit einem dichten Raster aus winzigen Vierecken. Es ist das wichtigste Dokument des Tages. Wichtiger als ein Ausweis, wichtiger als ein Passierschein. Wenn die Schere ansetzt und ein bedrucktes Feld mit einem […]
↗
Dinge
004 – Zeitungspapier
Druckerschwärze riecht nach Maschinen, nach Blei und Dringlichkeit. Im Wien des Jahres 1947 roch sie oft nach nasser Wolle, billigem Tabak und ranzigem Fett. Viel Zeitungspapier war dünn, von schlechter Qualität, brüchig und grau. Wenn man einen großen Bogen wendete, raschelte er laut und scharf in der Stille unbeheizter Zimmer. Es war das Material, aus […]
↗
Dinge
003 – Das Programmheft
Im Hungerwinter 1947, wo Papier schnell zum Brennmaterial werden konnte, um für wenige Minuten einen eiskalten Kanonenofen zu füttern, wirkt ein altes Theaterprogrammheft wie ein Fremdkörper. Das Papier ist dünn, brüchig an den Rändern, nachgedunkelt wie schlechte Haut. Es riecht nach Kellern, nach jahrzehntealtem Kalkstaub und schwach nach dem verblassten Blei der Druckerschwärze. Ein solches […]
↗
Dinge
006 – Zeitungen – welche Zeitungen gab es?
Es roch nach feuchter Zellulose und billiger Druckerschwärze. Im Winter 1947 kaufte man Zeitungen an Kiosken, die kaum mehr als notdürftig zusammengeschlagene Bretterbuden waren. Man faltete sie in eiskalten Straßenbahnen auf, las sie in ungeheizten Kaffeehäusern und wartete mit ihnen in den Vorzimmern der neuen Behörden. Das Papier war grau, dünn und riss schnell. Aber […]
↗
Dinge
002 – Bezugsscheine
Das Überleben im Jahr 1947 raschelte. Es war dünn, holzhaltig und grau. Es roch nach feuchter Wolle, nach kaltem Treppenhaus und der öligen Schwärze frischer Stempelkissen. Wer in diesem Winter durch Wien ging, trug seine Zukunft in der Manteltasche, mehrfach gefaltet, die Ränder bereits weich und abgegriffen. Der Bezugsschein war nicht einfach eine Lebensmittelkarte. Die […]
↗
Dinge
001 – Machorka
Machorka war kein Tabak für den Genuss. Er war Rauch gewordener Mangel. Er hing in Stiegenhäusern, zerschlissenen Manteltaschen und fensterlosen Hinterzimmern, lange nachdem das Gespräch schon beendet war. Botanisch gehört Machorka meist zu Nicotiana rustica, dem sogenannten Bauerntabak: robust, stark, grob im Schnitt. In Wien verband man ihn nach 1945 vor allem mit dem Osten, […]
↗