>_ Dinge
017 – Kohle
Kohle roch man, bevor man sie sah. Oder man roch ihr Fehlen. Der feine, stumpfe Geruch von kalter Asche hing in den Stiegenhäusern, untrennbar vermischt mit dem Kalkstaub der beschädigten Fassaden. Wer 1947 in Wien saubere Hände hatte, fror. Oder er besaß die Macht, jemanden für sich in den Keller zu schicken.
Im Wien der unmittelbaren Nachkriegszeit war Kohle kein Heizmaterial. Sie war der Taktgeber des Überlebens. Ohne sie wurde kein Wasser heiß, keine Wäsche trocken, keine gestreckte Suppe gar. Sie entschied darüber, ob eine Wohnung bewohnbar blieb oder sich in einen feuchten Kasten verwandelte, in dem der Atem vor dem Gesicht stand. Wärme war 1947 kein Komfort. Sie war die schmale Grenze zwischen Handlungsfähigkeit und Erstarren.
Offiziell wurde der Brennstoff verwaltet. Bezugsscheine versprachen Kontingente, die auf dem Papier exakt, in den Ausgabestellen und Kohlenhandlungen aber oft schlicht nicht vorhanden waren. Transportnetze waren beschädigt, Waggons fehlten. Was tatsächlich ankam, war oft von minderer Qualität: feucht, bröckelnd, mit Steinen gestreckt. Wer sich allein auf offizielle Wege verließ, saß bald im Kalten. Also wurde Kohle getauscht, gestohlen und über den Schleichhandel in Rucksäcken durch die Stadt getragen. Sie war eine harte, schmutzige Währung.
Das Heizen war Körperarbeit. Ein voller Blechkübel zog die Schulter nach unten, das Eisen schnitt in die klammen Finger, wenn man ihn über die zugigen Kellerstiegen hinauftrug. Kohle hinterließ immer Spuren. Sie setzte sich als schwarzer Rand unter die Nägel, als Ruß in die Poren, als grauer Film auf die ohnehin abgetragenen Mäntel. Es war ein ständiger Kampf gegen den Schmutz und gegen das Erlöschen. In vielen Wohnungen wusste man genau, wie man die Zugluft der Ofentür drosselte, um eine Handvoll Glut bis zum Morgen zu retten. Ein kalter Ofen am Morgen bedeutete den Verlust von Zeit und Kraft, die niemand mehr übrig hatte.
In Lilas Welt formt die Kohle die Geometrie der Stadt. Sie diktiert die Körperhaltung der Menschen. Ermittlungen und Wege enden, wenn die Kälte den Körper zu stark auskühlt. Die Machtverhältnisse dieser Zeit zeigen sich an den Temperaturen der Räume: Wer an einem gut geheizten Schreibtisch sitzt, hat Netzwerke. Wer in eiskalten Souterrains Akten wälzt, muss die Steifheit der eigenen Finger ignorieren. Kohle ist der Stoff, um den sich das Misstrauen dreht – wer plötzlich zu viel davon hat, wirft Fragen auf.
Wärme ist verräterisch. Asche lässt sich nicht restlos wegwischen.