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087 – Der Hausmeister
Das Haus gehört nicht nur dem Eigentümer. Es gehört auch demjenigen, der die Schlüssel hat. In der Nachkriegsstadt ist der Hausmeister weniger ein Beruf als eine architektonische Funktion. Ein grauer Arbeitsmantel im Zwielicht des Stiegenhauses. Das metallische Klirren eines schweren Schlüsselbunds, das hart an das Gusseisengeländer schlägt, reicht oft aus, um ein Stiegenhaus still werden zu lassen.
Die Häuser sind beschädigte Hüllen. Dächer sind notdürftig geflickt, Fenster mit Pappe vernagelt, Wohnungen durch Einquartierungen überbelegt. Zwischen den offiziell Gemeldeten und den tatsächlich Anwesenden klafft eine gefährliche Lücke, in der sich das eigentliche Leben der Stadt abspielt. Wer heizt, obwohl kein Kohlezettel dafür reicht? Wer bringt nachts schwere, in Zeitungspapier gewickelte Pakete in den feuchten Keller? Wer bringt echten Bohnenkaffee ins Haus? Wer besitzt amerikanische Seife?
Der Hausbesorger – oder die Hausbesorgerin, denn in vielen Häusern erledigten Frauen einen wesentlichen Teil der täglichen Arbeit – verwaltet diese Lücken. Sie sind die Schwellenwächter der Ruinen. Sie wachen über das Souterrain, wo das Mauerwerk ausblüht, über die eisigen Kohlenkeller, die zu Lagern für den Schwarzmarkt werden können, und über die dunklen Dachböden, wo nasse Wäscheleinen wie Stolperdrähte hängen.
Ihre Macht ist klein, lokal und selten sauber bürokratisch. Sie brauchen keine Akten. Ihr Archiv ist das Gehör. Sie kennen den Rhythmus jedes Trittes auf der ausgetretenen Holzstiege. Sie wissen, welche Türdichtung klemmt, welches Scharnier kürzlich geölt wurde und welcher Gast beim Gehen den Hut tiefer ins Gesicht zieht.
In einer Zeit, in der das Überleben oft von der Unsichtbarkeit abhängt, ist dieses Wissen eine Währung. Es ist die Macht, den Zugang zur Waschküche zu gewähren, einen ungemeldeten Schläfer zu übersehen oder beiläufig einem Wachmann, einem Hausverwalter oder einer Amtsstelle einen Namen zu nennen. Die Hausordnung wird zum Instrument des Spielraums. Ein Kreidestrich am Türstock, ein hastig entfernter Zettel am schwarzen Brett, ein verweigerter Kellerschlüssel – all das sind keine Belanglosigkeiten, sondern Gesten der Kontrolle.
In Lilas Welt ist das offizielle Wien ein Konstrukt aus Stempeln, Papieren und neu geschriebenen Lebensläufen. Doch Papier ist geduldig. Das Haus ist es nicht. Wer ermittelt, weiß, dass jedes Gebäude ein Gedächtnis hat, und dieses Gedächtnis trägt eine Schürze, einen grauen Arbeitsmantel oder einen blauen Arbeitsanzug. Der Hausmeister lässt sich nicht von einem eleganten Mantel blenden, wenn die Schuhe darunter kaputt sind. Er bemerkt die frische Schmutzspur auf dem gewienerten Gang, den fremden Schatten im Hinterhof, das leise Gespräch im Halbsockel.
Ihn zu ignorieren, ist ein Fehler. Ihn zu bestechen, erfordert Feingefühl, denn nicht jeder nimmt Geld. Manche bevorzugen Machorka, andere das Privileg, gefürchtet zu werden. Polizeiarchive lassen sich säubern. Aktenkeller lassen sich räumen. Aber die Augen hinter dem Türspalt im Hochparterre schließen sich nie ganz. Wer nach 1945 durch ein Wiener Stiegenhaus geht, ist selten unbeobachtet. Wenn unten das schwere Gittertor ins Schloss fällt, weiß vielleicht bereits jemand, dass man da ist.
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