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022 – Der Westbahnhof
Der Westbahnhof im Winter 1947 roch nach nassem Loden, saurem Schweiß und dem beißenden Kohlenstaub schlechter Briketts. Es war kein Ort des Reisens, es war ein Ort des Ausharrens. Das alte Empfangsgebäude war ein Opfer der Bomben geworden, der Betrieb lief notdürftig weiter, zwischen geräumten Wegen und zersplitterten Mauern. Die Menschen, die hier standen, hatten keine eleganten Lederkoffer. Sie trugen Pappschachteln, die mit grobem Spagat verschnürt waren, rasselnde Blechkanister oder abgewetzte Segeltuchrucksäcke.
Nach dem Ende des Krieges waren Wiens Bahnhöfe mehr als bloße Infrastruktur. Sie waren die undichten Ventile einer streng rationierten Stadt, durch die alles hereinströmte und versickerte, was die Besatzungszeit ausmachte. Gleisanlagen waren repariert, aber Züge verkehrten unregelmäßig, Fenster waren mit Brettern vernagelt, die überfüllten Waggons rochen nach feuchtem Holz und Desinfektionsmittel. Wer am Westbahnhof stand, fuhr nicht auf Sommerfrische. Er suchte Nahrung, er suchte Handel, oder er wartete auf Namen, die seit Jahren fehlten.
Der Bahnhof verband die Stadt mit dem Westen, mit den Linien nach Linz und Salzburg, hinein in den Raum der amerikanischen Besatzungszone. Wer weiter nach Westen wollte, bewegte sich nicht nur durch Landschaft, sondern durch Zuständigkeiten, Kontrollen und Demarkationslinien. Er brachte Heimkehrer und Menschen, die aus Lagern, Transporten und fremden Städten zurückkamen. Männer in entfärbten Uniformresten, die aus den Waggons stiegen und oft feststellten, dass die Stadt ihrer Erinnerung nicht mehr existierte, dass ihre Wohnungen besetzt oder zerschossen waren. An den kalten Ziegelwänden der Unterführungen hingen Zettel, Suchmeldungen und Fotografien, die sich im Zugluftregen wellten.
Gleichzeitig funktionierte die Ruine als unerbittlicher Marktplatz. Wo Züge hielten, bewegte sich das, was auf den offiziellen Lebensmittelkarten fehlte. Kohlebrocken wurden neben den Gleisen aufgelesen, Kartoffeln aus dem Umland wechselten in den schattigen Winkeln der Wartebereiche gegen Zigaretten oder kleine Wertstücke den Besitzer. Polizei und Militärstreifen trieben die Menge auseinander, wenn der Handel zu sichtbar wurde, Stempel auf Passierscheinen wurden unter flackerndem Licht hastig geprüft, aber die Kälte trieb die Masse bald wieder zusammen.
In Lilas Welt ist der Westbahnhof keine Kulisse für ein glückliches Ende. Er ist eine schmutzige Schwelle. Hier verliert sich die Spur eines gefälschten Frachtbriefs, hier werden Papiere hastig in fremde Taschen gesteckt. Lila weiß, dass eine Ankunft am Bahnsteig noch lange keine Rückkehr ist. Die Stadt spuckt die Menschen aus und verschluckt sie am selben Tag wieder, anonym und ohne Empfangskomitee.
Der Wind treibt den feinen Rauch der Lokomotiven unter das gebrochene Dach, und der Schnee auf den Gleisen wird schwarz, noch bevor er schmilzt.