>_ Orte
030 – Die Staatsoper nach 1945
Das Haus am Ring war schwer getroffen. Hinter der erhaltenen Vorderfront lag ein ausgebrannter Korpus. Wo einst Stuck und Samt den Klang dämpften, pfiff 1947 der eiskalte Wind durch rußige Fensterhöhlen. Gerüste klammerten sich an verkohlte Mauern, tief im Inneren roch es nach nassem Ziegelbruch und altem Brand. Die Wiener Staatsoper war eine offene Wunde im Gesicht der Stadt.
Während Arbeiter verbogene Stahlträger aus dem Schutt wuchteten, hatte die Verwaltung den Betrieb längst wieder aufgenommen. Man spielte in Ausweichquartieren: in der Volksoper, im Theater an der Wien, zeitweise auch in Räumen der Hofburg. Oft saßen die Menschen in Wintermänteln auf den Rängen, die Zehen in kaputten Schuhen taub vor Kälte. Man sparte dort, wo überhaupt noch etwas zu sparen war, um Eintrittskarten zu kaufen. Die Oper war in diesem Hungerwinter kein reines Vergnügen. Sie war Trost, aber vor allem war sie ein Beweis. Der Beweis, dass Wien noch immer Wien war. Eine Metropole der Musik, keine Kommandozentrale des Krieges. Die Kultur lieferte der frierenden Nachkriegsgesellschaft ihr wichtigstes Alibi. Wer Mozart hörte, konnte sich leichter als Opfer der Geschichte begreifen, nicht als Teil ihrer Schuld.
Doch während das Mauerwerk am Ring mühsam rekonstruiert wurde, blieb die Wiederherstellung der Ensembles selektiv. Ein Gebäude lässt sich leichter kitten als eine Institution. Auf Besetzungslisten und in Orchestergräben fanden sich bald wieder Künstler, deren Karrieren vor 1945 nicht abgerissen waren. Manche kehrten nach Überprüfungen, Einstufungen und Pausen zurück. Andere Namen fehlten für immer. Jene, die 1938 aus den Programmheften gestrichen, vertrieben oder ermordet worden waren, blieben zumeist Leerstellen. Über viele von ihnen sprach man lange kaum. Der Applaus im Ausweichquartier sollte nicht nur wärmen. Er sollte das Fehlen jener Stimmen übertönen, die nicht zurückkehrten.
In Lilas Welt ist der Opernbetrieb keine goldene Zuflucht vor der harten Realität der Besatzungszeit. Er ist ein Instrument der Normalisierung. Die engen Garderoben der Notspielstätten, die zugigen Probensäle und die sauberen Büros der Kulturbeamten sind Orte, an denen die neue Ordnung verhandelt wird. Hier entscheiden Netzwerke darüber, wer auf der Bühne stehen darf und wer im Schatten bleibt. Kultur ist eine kunstvolle Fassade, hinter der die Stadt ihre Kontinuitäten wahrt. Wer das Publikum mit Arien beschäftigt, muss keine Fragen zur jüngeren Vergangenheit beantworten.
Im Zuschauerraum roch es nach nasser Wolle und billigem Machorka. Der Applaus klang dumpf durch gestopfte Handschuhe.