>_ Menschen
025 – Heimkehrer
Die Rückkehr beginnt im Zugluftkorridor des Westbahnhofs. Sie riecht nach Kohlenstaub, feuchter Wolle und unausgeschlafenem Warten. Ein Mann steht auf einer Türschwelle. Der Mantel hängt zu schwer an den Schultern, der Koffer aus gepresster Pappe ist schmal. Er hebt die Hand zum Klopfen. Drinnen sitzt eine Familie, die jahrelang auf ein Lebenszeichen gehofft hat. Wenn die Tür aufgeht, fällt kein Schuss und es gibt keine Erlösung. Es beginnt nur ein langes, zähes Schweigen.
Heimkehr nach 1945 war kein Fest. Sie war ein administrativer Zustand. Wien war kein Endpunkt. Die Stadt war ein Trichter, in dem Heimkehr, Flucht und Verschiebung ineinander gerieten: entlassene Kriegsgefangene, Vertriebene, ehemalige Zwangsarbeiter, Flüchtlinge, Überlebende der Lager. Wer in der Stadt strandete, brauchte Papiere, um überhaupt wieder zu existieren. Entlassungspapiere, Meldezettel, Gesundheitskontrollen, alliierte oder österreichische Vermerke. Ohne die richtige Bestätigung wurde aus einem Menschen kein regulärer Bewohner, kein Anspruch auf Lebensmittelkarte, kein Platz in der Ordnung.
Die Rückkehrer drängten in eine Stadt, die ohnehin keinen Platz, keine Kohle und keine Kalorien hatte. Jede zusätzliche Person in den überfüllten Wohnungen war ein Mund mehr, der vom selben Laib Maisbrot essen wollte. Die Suchdienste sortierten den Kontinent in Karteikarten. Zettel hingen an Litfaßsäulen, Bahnhofsflächen und Amtstafeln: Namen, mit Maschine getippt oder in blasser Tinte gekritzelt. Gefallen, vermisst, in sowjetischer Gefangenschaft, zuletzt 1944 gesehen.
Wer das Glück hatte, eine noch unzerstörte Wohnung und lebende Angehörige zu finden, fand fast nie sein altes Leben. Frauen hatten gelernt, Schutt zu räumen, auf dem Schwarzmarkt zu tauschen und den Winter ohne Männer zu überleben. Nun saßen Fremde in den kalten Küchen. Männer mit ruinierter Lunge, umgefärbten Uniformteilen und eisiger Verschlossenheit. Sie brachten nicht nur körperliche Schwäche mit. Sie brachten unausgesprochene Schuld, politische Vergangenheiten und die stumme Forderung, den alten Platz am Tisch wieder einzunehmen. Nichts wurde wieder wie früher.
In Lilas Welt ist das Wort Heimkehrer keine Entschuldigung. Sie misstraut dem Begriff. Ein Rückkehrer ist für sie zuerst ein Aktenvermerk. Eine Lücke im Papier, die gefüllt werden muss. Wo war er wirklich? In welchem Lager, in welchem Rang? Was steht auf dem Entlassungsschein, und was wurde nachträglich geglättet? Lila liest die Spuren auf den Meldezetteln. Es sind Dokumente voller Auslassungen. Manche wollen vergessen, was sie getan haben. Andere wollen vergessen, was ihnen angetan wurde. Und manche nutzen das Chaos der Nachkriegsmonate, um gar nicht erst in ihr eigenes Leben zurückzukehren, sondern lautlos in ein anderes zu schlüpfen.
Lila weiß, dass die Wiederherstellung einer Ordnung nach dem Krieg eine Illusion ist. Jemand geht durch die Tür und löffelt die spärliche Suppe. Aber die Jahre dazwischen setzen sich mit an den Tisch.
Manchmal kommt ein Mensch zurück. Manchmal nur eine graue Karte des Suchdienstes. Und oft bleibt von der großen Rückkehr nichts als ein nasser, fremd gewordener Mantel auf dem Haken im Vorzimmer, der den Flur kalt nach Machorka riechen lässt.