Dinge
028 – Dolmetschen als gefährliche Kunst
Zwei Stühle, ein Schreibtisch, ein übervoller Aschenbecher. Zwei Männer sprechen, aber sie verstehen einander nicht. Der eine trägt Uniform, der andere einen fadenscheinigen Zivilanzug. Dazwischen steht eine dritte Person. Oft eine Frau. Sie gilt nicht als Gesprächspartnerin. Sie soll ein Werkzeug sein. Ein Mund, der die Macht von einer Schreibtischseite auf die andere trägt. Das […]
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Orte
027 – Das Hotel Sacher nach 1945
Ein Servierwagen rollt über schweren Teppich. Das Silber klappert leise, gestärkter Stoff schluckt das Geräusch. Hinter den Türen wird telefoniert, verhandelt, verbunden und gewartet. Wärme ist hier kein Zufall, sondern Teil der Macht. Im Wien des Jahres 1947 ist ein Grand Hotel kein Ort der Erholung. Es ist eine Festung der Administration. Nach dem Ende […]
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Zeit
026 – Frieden mit Schlagbäumen
Ein Schild an einer nassen Kreuzung. Der Geruch nach schlechtem Diesel aus dem Auspuff eines stehenden Jeeps, dessen Motor im Leerlauf nagelt. Ein hartes, kurzes Kommando in einer fremden Sprache. Der Krieg war vorbei, die Bomben fielen nicht mehr. Aber das bedeutete nicht, dass in Wien Frieden herrschte. Es bedeutete nur, dass die Gewalt nun […]
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Zeit
023 – Trümmerfrauen / Trümmerarbeit
Der Schutt war kein Hintergrund. Auf den Straßen lagen verbogene Eisenträger, zersplittertes Glas und Berge von Mauerwerk. Jeder brauchbare Ziegel musste einzeln freigeklopft, vom alten Mörtel befreit und aufgeschichtet werden. Wer durch die beschädigte Stadt ging, hörte das trockene Klopfen der Hämmer, lange bevor er die Arbeiterinnen sah. Um diese Straßen wieder zu öffnen, brauchte […]
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Orte
022 – Der Westbahnhof
Der Westbahnhof war kein Tor zur Welt. Er war eine zugige Schwelle, an der Rückkehr, Hunger, Handel und Kontrolle ineinanderliefen. Es war kein Ort des Reisens, es war ein Ort des Ausharrens. Das alte Empfangsgebäude war ein Opfer der Bomben geworden, der Betrieb lief notdürftig weiter, zwischen geräumten Wegen und zersplitterten Mauern. Die Menschen, die […]
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Dinge
021 – Penicillin
Ein kleines Fläschchen aus dickem Glas, verschlossen mit einem durchstechbaren Gummistopfen. Darin ein feines, helles Pulver, das erst mit sterilem Wasser aufgezogen werden musste. In den ersten Kriegsjahren war Penicillin noch eine empfindliche Flüssigkeit gewesen, schwer zu kühlen, schwer zu transportieren, leicht verloren. Bis 1947 lag es meist als stabileres Pulver vor, abgefüllt in Ampullen […]
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Dinge
018 – Der Passierschein
Die Kanten fransen aus, wenn man sie zu oft knickt. Ein Stück Papier, tief unten in der feuchtkalten Manteltasche, ertastet von klammen Fingern, lange bevor die Wache oder der Schlagbaum in Sicht kommt. Das dünne Nachkriegspapier saugt die Feuchtigkeit auf, die Tinte der Unterschriften neigt zum Verwischen. Man muss es hüten, als wäre es eine […]
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Dinge
017 – Kohle
Kohle roch man, bevor man sie sah. Oder man roch ihr Fehlen. Kalte Asche hing in den Stiegenhäusern. Auf den Stufen standen Blechkübel, Rußspuren und die Hoffnung, dass irgendwo noch ein paar Briketts aufzutreiben waren. Wer in diesen Jahren saubere Hände hatte, fror. Oder er besaß die Macht, jemanden für sich in den Keller zu […]
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Dinge
016 – Lebensmittelkarten
Auf dem kalten Wachstuch des Küchentischs liegt ein gefaltetes, rissiges Stück Papier. Die Ränder sind ausgefranst, das Material ist dünnes, schlechtes Papier, bedruckt mit einem dichten Raster aus winzigen Vierecken. Es ist das wichtigste Dokument des Tages. Wichtiger als ein Ausweis, wichtiger als ein Passierschein. Wenn die Schere ansetzt und ein bedrucktes Feld mit einem […]
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Zeit
013 – Was stand in den Zeitungen?
Der Kiosk bot keinen Schutz vor dem Wind. Man las im Gehen, mit klammen Fingern, oder in Kaffeehäusern, deren Heizung so unzuverlässig war wie der Mokka-Ersatz. Was auf die Seiten kam, war kein Zeitvertreib. Es war Orientierung, Anweisung, Beruhigung und Drohung zugleich. Zeitungen waren der Kompass einer viergeteilten Stadt. Wer wissen wollte, wo er stand, […]
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Orte
012 – Das Souterrain
Ein Souterrain ist kein Keller. Noch nicht ganz. Es liegt unter der Straße, aber nicht völlig außerhalb der Welt. Die Fenster sitzen tief, oft knapp über dem Gehsteig. Wer drinnen steht, sieht Beine, Schuhe, Räder, Regenwasser, Staub und das Licht knapp über dem Pflaster. Tageslicht kommt schräg herein, gebrochen durch Schmutz, Gitter und die Nähe […]
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Zeit
011 – Was hörte Wien 1947?
Eine Röhre glüht hinter der Stoffblende eines hölzernen Küchenradios. Aus einem gekippten Fenster in den Trümmergassen fällt ein dünner, knisternder Klang auf den nassen Asphalt. Es ist kein Walzer. Es ist ein Rauschen, das sich zu einem Takt formt, bevor der Wind es wieder zerfetzt. Wien klang 1947 nicht einheitlich. Es gab keine große, harmonische […]
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Orte
010 – Der erste Bezirk
Die Innere Stadt war nach dem Krieg kein historisches Schmuckstück. Sie war ein steingewordenes Paradox. Am Ring standen ausgebrannte Fassaden, Palais mit blätterndem Putz, Hotels unter fremder Verwaltung und Kanzleien, die bereits wieder funktionierten. Wer durch den ersten Bezirk ging, spürte nicht nur Zerstörung. Er spürte Ordnung. Alte Ordnung, neue Ordnung, fremde Ordnung. Alles zugleich. […]
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Orte
009 – Das Kaffeehaus ohne Kaffee
Die Tasse wird nicht heiß. Die dunkle Flüssigkeit darin riecht nach gerösteter Gerste, Zichorie und Asche, aber nicht nach Kaffee. Am Marmortisch stand eine Tasse, die nur noch die Form von Kaffee behauptete. Ersatzkaffee aus Zichorie, Gerste, Malz, Roggen oder Feigen hielt die Geste am Leben, nicht den Geschmack. Man zahlte nicht für Genuss. Man […]
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Orte
008 – Das Kino im Nachkriegs-Wien
Ein Kino war in den ersten Nachkriegsjahren mehr als ein Raum mit Leinwand. Man kaufte eine Eintrittskarte nicht nur für einen Film. Man kaufte Dunkelheit, Wärme, Anonymität und neunzig Minuten, in denen niemand nach Papieren fragte. Die hölzernen Klappsitze waren hart, die Heizung unzuverlässig, der Strom nicht selbstverständlich. Aber sobald der Projektor lief, entstand ein […]
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Orte
007 – Das Burgtheater nach 1945
Das Haus am Ring war nach dem Krieg eine Brandruine. Dach und Innenräume waren zerstört, die Fensterhöhlen standen schwarz. Die Fassade blieb sichtbar, gerade weil das Innere fehlte. Das Burgtheater, Wiens säkulare Kathedrale, war im Frühjahr 1945 ausgebrannt. Doch in einer Stadt, die im Hungerwinter um das nackte Überleben kämpfte, bedeutete ein zerstörtes Gebäude nicht, […]
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Dinge
004 – Zeitungspapier
Zeitungspapier war dünn, grau und selten nur Nachricht. Es war das Material, aus dem die Stadt ihre vorläufigen Wahrheiten faltete. Ein großer Bogen raschelte laut in unbeheizten Zimmern, färbte an den Fingern ab und gab an den Falzen rasch nach. Was am Morgen noch Verlautbarung, Leitartikel oder Suchmeldung gewesen war, konnte am Abend schon in […]
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Dinge
003 – Das Programmheft
In der Zeit knapper Rationen, in der Papier schnell zum Brennmaterial werden konnte, um für wenige Minuten einen eiskalten Kanonenofen zu füttern, wirkt ein altes Theaterprogrammheft wie ein Fremdkörper. Das Papier ist dünn, brüchig an den Rändern, nachgedunkelt wie schlechte Haut. Die Druckerschwärze hat ihre Schärfe verloren, aber nicht ihre Beweiskraft. Ein solches Heft konnte […]
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